Rimini Protokoll: Adolf Hitler: Mein Kampf – Band 1 und 2; Szenenfoto: © Candy Welz

HAU1 - Rimini Protokoll: "Adolf Hitler: Mein Kampf - Band 1 & 2"

Bewertung:

Die Theatergruppe hat sich Gedanken darüber gemacht, ob heute noch eine politische Gefahr von dem Buch ausgeht. Nach der Uraufführung beim Kunstfest Weimar im September war nun die Berliner Premiere.

Am 1. Januar 2016 ist – nach 70 Jahren – das Urheberrecht von Hitlers Hetzschrift Mein Kampf ausgelaufen. Es gab lange Debatten darüber, ob und wie das das Buch wieder verlegt werden darf. Hier geht es weniger um den Inhalt des Buches, sondern vor allem darum, wie man ihm heute begegnet. Der Umgang mit der Thematik ist sensibel. Die Buchpassagen werden von einem blinden Darsteller gelesen, also mithilfe von Braille-Schrift ertastet. Und diese kleine Hürde schafft von vornherein eine Irritation und eine Distanz zum Text.

Experten des Alltags

Die sechs Darsteller sind – wie immer bei Rimini Protokoll – Laien. Sogenannte Experten des Alltags, die ihre eigenen Geschichten erzählen; über Hitlers Buch, den Nationalsozialismus oder Rassismus. Da ist die Frauenrechtlerin Sibylla Flügge, Mitte 60, deren Eltern die NS-Zeit totgeschwiegen haben – die Schwester ging dann als RAF-Anhängerin in den Untergrund.

Da ist der Israeli Alon Kraus, der Mein Kampf als 20-Jähriger erstmals liest und später Jurist wird. Sein berufliches Vorbild ist der Hauptankläger beim Eichmann-Prozess. Und da ist der deutsch-türkische Rapper Volkan Türeli, der aus rassistischen Kommentaren zitiert, die unter seinen Youtube-Videos stehen.

Rimini Protokoll: Adolf Hitler: Mein Kampf – Band 1 und 2; Szenenfoto: © Candy Welz
Szenenfoto; © Candy Welz

Flirtversuch mit Hetzschrift

Das sind berührende, zum Teil auch witzige Geschichten. Rimini Protokoll – die drei Theatermacher Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi (der hier nicht dabei ist) – schaffen es in ihren Arbeiten immer wieder, die richtigen Protagonisten zu finden. Sie haben ein sehr gutes Händchen beim Casting. Und das ist auch diesmal so.

Die Darsteller sprechen mal für sich selbst, mal erzählen sie ihrem Gegenüber dessen eigene Geschichte. Und manchmal werden Szenen nachgespielt. Zum Beispiel, wenn der junge Israeli versucht, am Strand mit einer deutschen Frau zu flirten – und dazu eine gemeinsame Lektüre von Mein Kampf vorschlägt.

Collage und Anekdoten

Der Abend ist eine Collage. Und das ist auch das Problem: Es gibt keinen Spannungsbogen, keine Entwicklung. Es bleibt eine Aneinanderreihung von Geschichten. Manche Anekdoten fallen dabei eher in die Rubrik "unnützes Wissen". So erfährt man, dass es in Indien 33 verschiedene Ausgaben von Mein Kampf gibt. Oder dass in der türkischen Manga-Version des Buches Hitler als netter Junge mit Kulleraugen dargestellt wird. In den gut zwei Stunden, die der Abend dauert, gibt es so manche Längen.

Zusammengehalten wird das Ganze von einem Assoziations-Spiel, das die Darsteller immer wieder spielen. Einer geht still das Alphabet durch, ein anderer sagt Stopp. Zum Beispiel beim Buchstaben J. Da fällt ihnen dann Jerusalem und Juden ein. Und so kommen sie zur nächsten Geschichte.

Das erinnert an einen Improvisationsworkshop für Anfänger. Wie auch manches andere. Szenisch bleibt der Abend eher schwach.

Rimini Protokoll: Adolf Hitler: Mein Kampf – Band 1 und 2; Szenenfoto: © Candy Welz
Szenenfoto; © Candy Welz

Bücherwand mit vielen Assoziationsräumen

Auf der Bühne von Marc Jungreithmeier und Grit Schuster steht eine große Bücherwand mit merkwürdigen Gerätschaften: eine Mao-Büste, ein Einkaufswagen, ein Mülleimer. Immer wieder gehen Fenster auf, flimmern Videobilder, tun sich durch Fenster, Videos, und Bücherklappen neue Assoziationsräume auf.

Am Ende wird es intensiv: Sibylla Flügge liest den Abschiedsbrief ihrer Schwester vor, bevor diese mit der RAF in den Untergrund ging. Sie hält ihr eigenes Leben des politischen Engagements wegen für wertvoller als das der anderen; zitiert dabei Mao. Ein Totalitarismus löst den anderen ab. Da wird der Abend zum großen Panorama der deutschen Geschichte, die sonst eher umtänzelt wird.

Stärken und Schwächen des Dokumentartheaters

Der Abend hat Stärken und Schwächen, die in gewisser Weise typisch sind für das zurzeit kontrovers diskutierte Dokumentartheater. Stark sind die Geschichten der Darsteller, die hätte man sich so gar nicht ausdenken können. Auch die Energie zwischen den Spielern ist intensiv – mit all den Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Das ist eine beeindruckende Multiperspektivität.

Aber manche Texte klingen arg auswendig gelernt. Ein richtig runder Theaterabend wird es nicht. Da hat man von Rimini Protokoll, den Veteranen des Recherchetheaters, schon stärkere Inszenierungen gesehen.

Mounia Meiborg, kulturradio