Staatstheater Cottbus | Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten © Marlies Kross / Theaterfotografin
Bild: Marlies Kross / Theaterfotografin

Staatstheater Cottbus - "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten"

Bewertung:

Ganz nah an der Braunkohle – Kapitalismus-, Kultur-Kritik und Maggie Thatcher – Jörg Steinberg bringt den großen Kinoerfolg "Brassed Off" in einer Bühnenfassung von Paul Allen nach Cottbus – zeitgemäß?

1996 feierte Regisseur und Drehbuchautor mit seinem Film "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" einen großen Kino-Erfolg. Vor dem Hintergrund der Thatcher-Ära, dem Niedergang der Kohle-Industrie und der Massen-Arbeitslosigkeit in den nordenglischen Bergbau-Regionen wird vom Schicksal einer Blaskapelle und ihrer Mitglieder in der fiktiven Kleinstadt Grimley erzählt. Im Staatstheater Cottbus hatte jetzt in der Regie von Jörg Steinberg eine von Paul Allen angefertigte Bühnenfassung des Films Premiere.

Das politisch und ökologisch umstrittene Braunkohle-Revier ist von Cottbus aus nur ein paar Steinwürfe entfernt. Zum Glück widersteht die Inszenierung der Versuchung, einen aktuellen Bogen zu schlagen zwischen Lausitz und Yorkshire und die Kultur- und Kapitalismus-Kritik der 1990er Jahre ins Heute zu verlegen. Das wäre auch grundfalsch und würde an allen Ecken und Enden knarren und quietschen. Denn beim Niedergang des englischen Kohle-Bergbaus in der Ära von Maggie Thatcher, die alles daran setzte, wichtige Schlüsselindustrien zu privatisieren und die starke und streikerfahrene Gewerkschaftsbewegung zu liquidieren, ging es um reine Kapital- und Profit-Interessen: Die Zerschlagung der Arbeiter-Kultur, zu der gehörte, dass jeder Ort und jede Zeche eine eigene Blaskapelle hatte, war sozusagen gewollt und eingepreist. Im Braunkohle-Revier ist der ökonomische und politische Frontverlauf ja komplett umgekehrt: Kapital und Politik wollen die Braunkohle - weil sie rentabel ist - erhalten, die von den Riesen-Baggern platt gemachten Dörfer aber wollen nicht weichen und die Ökologen wollen, um die Natur zu retten, den Abbau und die Verstromung des Klimakillers stoppen.

Regisseur Jörg Steinberg macht deshalb das einzig Richtige: er belässt die Kapitalismus- und Kultur-Kritik in seiner Zeit und an seinem angestammten Ort, bleibt - bis auf eine kleine Ausnahme - sehr nahe an der Handlung, der Sprache und der Figuren-Konstellation des Films und konzentriert sich auf zeitlose Botschaft und Mahnung des Stoffes. Wenn im Namen von Fortschritt und Geldvermehrung die Lebensbedingungen und kulturellen Traditionen - die Musik, die Vereine usw. - vernichtet werden, löst sich die Gesellschaft auf, werden Menschen zu heimat- und orientierungslosen Wesen, anfällig für Populisten und andere Rattenfänger: Das große Ganze ist nichts wert, wenn es den einzelnen Menschen und sein Schicksal aus den Augen verliert. 

Staatstheater Cottbus | Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten © Marlies Kross / Theaterfotografin
Bild: Marlies Kross / Theaterfotografin

Da ist zunächst der Bandleader, Danny (Thomas Harms), der früher unter Tage geschuftet hat und jetzt sein Leben der Blaskapelle und der Pflege einer 100jährigen musikalischen Arbeiter-Tradition widmet. Sein Sohn Phil (David Kramer) ist für seine politischen Überzeugungen schon ins Gefängnis gegangen, er ist hoch verschuldet, hat kein Geld mehr, um seine Familie zu ernähren und sein kaputtes altes durch ein neues heiles Instrument zu ersetzen. Als seine Frau Sandra (Lena Sophie Vix) ihn mit den Kindern verlässt, nimmt er sich einen Strick, wird aber im letzten Moment gerettet und von seinen Freunden zum Weiterleben und Weiter-Musizieren überredet, z. B. von Jim (Kai Börner) und Harry (Rolf-Jürgen Gebert) und dessen Frauen Vera (Sigrun Fischer) und Rita (Susann Thiede), die allesamt das Herz auf dem rechten Fleck haben und sich mit Händen und Füßen gegen die Zerstörung ihrer Arbeit und ihrer Gemeinschaft wehren.

Dann ist da noch Andy (Michael von Bennigsen), ein Luftikus, der sein Geld und schließlich sogar sein Instrument beim Billard verspielt und unsterblich verliebt ist in die schöne und kluge Gloria (Lisa Schützenberger), die aus London zurück gekommen ist in ihren Geburtsort Grimley und - weil sie eine tolle Musikerin ist - bei der Blaskapelle mitmachen darf. Sie arbeitet im Auftrag der Zechen-Leitung an einer Rentabilitäts-Studie, weiß aber nicht, dass ihre Studie nur ein Schein-Manöver ist, denn der Tod der Zeche ist längst beschlossene Sache. Die bewegende und berührende Inszenierung wirft schlaglichtartige Blicke auf die Schicksale dieser Menschen, balanciert leichtfüßig zwischen Arbeiter-Klischee und Kunst-Kitsch und entwirft ein Gesellschafts-Tableau, auf dem die Blasmusik den Menschen Kraft gibt zum Widerstand und trotz aller Niederlagen weiterzuleben. 

Staatstheater Cottbus | Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten © Marlies Kross / Theaterfotografin
Bild: Marlies Kross / Theaterfotografin

Es bleibt kein Auge trocken

Bühnenbildner Fred Pommerehn hat im Hintergrund eine stilisierte Zeche aufgebaut, überall Räder und Fördertürme, es dampft und zischt ohne Unterlass, davor ein paar metallene Verschläge für variable Zwecke, mal diesen sie den Arbeitern als Umkleide, mal den Familien als Wohnung, mal sind sie Billardkneipe. Außerdem ist die Drehbühne ständig in Bewegung und rotiert einzelne Orte mal nach vorne, mal nach hinten und schafft immer wieder genügend Raum für die Mitglieder des Blasorchesters Cottbus e.V., die unter der Leitung von Markus Nitzsche ihre Bestes geben und für viel Schwung sorgen, da bleibt kein Auge trocken und keine Träne ungeweint.

Danny und Phil, Jim, Harry, Andy und Gloria - alle Akteure, die so kraftvoll, mitreißend und zugleich so sensibel agieren - reihen sich dann nahtlos ins Orchester ein und machen uns überzeugend glauben, sie würden in der Kapelle mit musizieren und ihren Instrumenten die allerschönsten Töne entlocken.

Die Blasmusik ist großartig

Es ist tatsächlich einer dieser seltenen Abende, nach denen man - obwohl wir Zeuge werden, wie arrogante Kapitalisten und Politiker sich einen Dreck um das Schicksal einzelner Menschen scheren - ziemlich beschwingt und fast ein wenig beglückt aus dem Theater kommen. Denn die Inszenierung hat den richtigen Rhythmus und variiert das Tempo immer wieder, ist mal laut und mal leise, mal nachdenklich, mal zupackend, mal satirisch und mal sozialkritisch.

Die Blasmusik ist großartig, die Leistungen der Schauspieler bewunderungswürdig - und alle Beteiligten bekommen zum Schuss zu Recht stehende Ovationen des Publikums. Nur ein kleines Detail macht mir zu schaffen: die extra für die Bühnenfassung erfundene Figur der Amy, ein Mädchen, das die Zuschauer mit Erläuterungen und Kommentaren durch die Handlung führt, am Anfang die Zeit der Thatcher-Ära und Arbeiterkämpfe erklärt, zwischendurch mit einem Fußball über die Bühne bolzt und zum Schluss einen Text aufsagt, der den Tod besiegen und das Leben feiern will. Lucie Thiede macht ihre Sache - als Amy - gut, aber ich hätte auch gut auf diese erfundene Figur verzichten können, die meint, uns Dinge erklären zu müssen, die für sich selber sprechen und die wir eigentlich auch ohne Souffleuse verstehen. 

Frank Dietschreit, kulturradio

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