BE: Galileo Galilei nach Bertolt Brecht; © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Galileo Galilei. Das Theater und die Pest"

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Castorfs Inszenierung von Bertolt Brechts "Galileo Galilei" zählt zu den anregendsten und aufregendsten Theater-Irrfahrten, die seit langem in Berlin über die Bühne gingen.

Nachdem Frank Castorf die Volksbühne aufgeben musste, hat ihn das Berliner Ensemble als Gastregisseur eingeladen. Nach einer fulminanten Bühnenversion von Victor Hugos Roman "Les Miserables/Die Verdammten" inszeniert Castorf jetzt ein Lehrstück des Säulenheiligen seiner neuen Theaterheimat: Bertolt Brechts "Galileo Galilei".

Brecht hat das Stück mehrfach überarbeitet, konnte seine Inszenierung am Berliner Ensemble aber nicht mehr selbst beenden. Nach Brechts Tod brachte Erich Engel 1957 die Aufführung heraus. Frank Castorf gibt seiner Auseinandersetzung mit dem Wissenschaftler, der ein neues Weltbild schuf und der Wahrheit doch abschwor, als die Heilige Inquisition ihm die Folter-Instrumente zeigte, den Untertitel: "Das Theater und die Pest".

Eine der anregendsten und aufregendsten Theater-Irrfahrten

Diese Inszenierung zählt zu den anregendsten und aufregendsten Theater-Irrfahrten, die seit langem in Berlin über die Bühne gingen. Angekündet waren fünf Stunden, es wurden dann mehr als sechs, und auch da hatte man das Gefühl, die Aufführung ist eigentlich noch nicht fertig geprobt und wir bekommen bei der Premiere nur eine erste Version zu sehen, die nach Bedarf noch um einige Szenen und Deutungen erweitert werden könnte und wird.

Wenn Castorf nur hätte spielen lassen, was er aus den drei Text-Varianten Brechts herausgefiltert hat, wäre es wohl mit 2-3 Stunden getan. Aber er will natürlich viel mehr: Er bricht Brechts Lehrstunde über die Verantwortung von Wissenschaft, über Vernunft und Verrat, Aufklärung und Angst immer wieder auf, streut unentwegt Fremdmaterial ein, wildert bei seinem Theater-Gott Heiner Müller und beim Surrealisten Antonin Artaud, bei dem er sich den Untertitel, "Das Theater und die Pest", ausgeborgt hat.

Während ein nervöser Soundtrack einen permanenten Musikteppich webt, bei dem Hanns Eisler genauso erklingt wie Jazz-Phrasen und Pop-Hymnen, dreht sich die von Aleksandar Denic gebaute Bühnenlandschaft unentwegt: Aie zeigt uns unzählige Räume, Zelte, Kirchen, Folterkeller, astronomische Geräte, Mönchszellen, Särge, Totenschädel: eine gigantische Rumpelkammer des Wissens und des Fortschritts, des erotischen Wahnsinns und der religiösen Verzückung.

Sechs verstörende Stunden lang wird von mobilen Video-Trupps jede Regung und jede Entgleisung noch in den hinteren Winkeln der Bühne gefilmt und auf Leinwände übertragen: Was wir dabei über Brecht und Artaud, über das Theater als politische Lehranstalt und als chaotische Entgrenzung erfahren, wird uns später noch bis in die wildesten Alpräume verfolgen: an Schlaf ist nach dieser Theater-Odyssee nicht zu denken. 

Hinreißende Derwische und fies-fröhliche Komödianten

In Brechts Stück wütet die Pest, während Galileo sein Fernrohr in den Himmel richtet und er das Weltbild einer auf Gottes Schöpfung beruhender Weltsicht und auf der Kirche basierenden Weltordnung erschüttert: "Pest" ist für Castorf das perfekte Stichwort, und weil auch Heiner Müller Artaud und dessen absurdes "Theater der Pest" beschworen hat, ist Castorf Feuer und Flamme: Er nutzt Artaud und seine krude Ansichten zu einem chaotischen, unmoralischen, spirituellen Theater, das die dunkelsten Zonen der menschlichen Seele ausloten und kreative, kosmische Kräfte freisetzen soll, als Gegenpol zum intellektuellen, epischen, wissenschaftlichen, lehrreichen Theater Brechts.

Weil Artaud Sätze sagt wie: "Wie die Pest ist das Theater eine Krise, die mit dem Tod oder der Heilung endet", benutzt Castorf Artaud, um Brechts Galileo aufzumischen, dem Theater die anarchische Sprengkraft zurückzugeben, Brecht das gefühllose  Besserwisserische auszutreiben und eine neue, völlig verrückte Grammatik des Schauspiels und der Bewusstseinserweiterung vorzuschlagen: Wenn Welterklärer Brecht zerlegt, die Perversitäten der Inquisition offengelegt und die Regieeinfälle frech veralbert werden, haben Aljoscha Stadelmann und Wolfgang Michael ihre großen Auftritte: Sie sind hinreißende Derwische und fies-fröhliche Komödianten.

Sobald aber Artaud ins Spiel kommt, haben Andreas Döhler und Jeanne Balibar ihre großen Momente: Sie wühlen und wüten, suhlen sich in unappetitlichen Fäkalien, loten sexuelle Abgründe aus, feiern die blutigen Eiterbeulen der Pest und die enthemmende Wirkung des Theaters: Köhler als Berserker mit Berliner Schnauze, Jeanne Balibar mit fragiler Eleganz und lasziver Erotik: Weil ihr das aber nicht reicht, schlüpft Jeanne Balibar auch noch in andere Rollen, auch gelegentlich in die Figur des Galileo, die eigentlich einem anderen gehört: Jürgen Holtz.

Alle lauschen seinen leise hingemurmelten Worten

Er gestaltet ihn als das, was er ist: ein zerbrechlicher Greis, ein alter Mann, dessen Wort Gewicht hat, der Sätze zerkaut wie schwere Brocken, der um Fassung ringt. Er duscht auf offener Bühne zeigt sich lange splitterfasernackt, während er seinen Schülern die neue Welt erklärt, und weil sein Gedächtnis kurz und seine Kraft ermattet ist, benötigt er immer wieder die Hilfe der Souffleuse.

Doch das ist, weil Jürgen Holtz die Aura eines Genies ausstrahlt, der mit Worten eine ganze Welt erschaffen kann, keinen Moment peinlich: Castorf ist wie ein fürsorgender Sohn und schont seinen geliebten väterlichen Freund, führt ihn nur ein paarmal auf die völlig vermüllte Bühne, doch wenn Jürgen Holtz das Tohuwabohu betritt, herrscht sofort Ruhe: Alle lauschen seinen leise hingemurmelten Worten, leiden mit, wenn er seinen Verrat ankündigt, der Wahrheit abschwört und sich der Inquisition beugt. Und wenn er sagt: "Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der Wissenschaft nicht geduldet werden", möchte man fast weinen. 

An Schlaf ist nach dieser Theater-Odyssee nicht zu denken.

Die Morgenröte einer besseren Zukunft

Brecht hat seinen Text immer wieder umgeschrieben und sich schwer getan, einen befriedigenden Schluss mit Verfremdung-Effekt und ohne Einfühlung zu finden: Doch Verfremdung und Brechtsche Gelehrsamkeit ist Castorf völlig schnuppe: Während der traurige Alte sich selbst für seinen Verrat an der Wahrheit verfluchend von der Bühne wankt, erklingt David Bowie. Er singt seine letzten Song, in dem er sich, auch er bereits vom Tode gezeichnet, zum "Blackstar" stilisiert, als verlöschender Stern, der sich im Universum verliert, und als "Lazarus", der von den Toten aufgeweckt wird.

Jeanne Balibar übernimmt und singt, in goldene Gewänder gehüllt, das Lied weiter und lässt die Morgenröte einer besseren Zukunft aufgehen, während ein Schüler Galileos (Rocco Mylord) auf dem Stuhl, auf dem eben noch der todgeweihte Galileo saß, Platz nimmt und mit leuchtenden Augen verkündet: "Wir wissen bei weitem nicht genug. Wir stehen wirklich erst am Beginn." Es folgt tosender Applaus und das Gefühl, an einem wirklich wichtigen Theaterereignis teilgenommen zu haben.

Frank Dietschreit, kulturradio

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