Szenenbild - Die Edda, Volksbühne
Katrin Ribbe
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Volksbühne Berlin / Gastspiel Schauspiel Hannover - "Die Edda"

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An der Volksbühne gastiert Thorleifur Örn Arnarssons "Edda", eine Inszenierung der isländischen Göttersaga, die der isländische Regisseur am Schauspiel Hannover erarbeitet hat. Ästhetisch eine Mischung aus vielen Dekonstruktionselementen.

Vor einer Woche hat die Berliner Volksbühne ihre Pläne für die neue Spielzeit präsentiert. Der Intendant Klaus Dörr wird ein Ensemble mit 17 hauptsächlich jungen Spielerinnen und Spieler gründen. Und es kommt ein neuer Schauspieldirektor: der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson. Um seine Arbeit kennenzulernen, muss man in Berlin aber nicht bis zum Herbst warten, gerade gastiert an der Volksbühne Arnarssons "Edda", eine Inszenierung der isländischen Göttersaga, die er am Schauspiel Hannover erarbeitet hat.

Große Geschichten in üppigen Bildern

In Berlin hat Arnarsson bislang noch nicht inszeniert. Er kommt aus Reykjavik, hat dort am Theater gearbeitet, dann aber in Berlin Regie studiert und war kurze Zeit später schon Hausregisseur erst in Konstanz und dann in Wiesbaden, mit grade mal Anfang 30.

Heute ist er 41 und für die "Edda" hat er letztes Jahr den "Faust" Theaterpreis gewonnen. Er gilt als Regisseur, der große Geschichten in üppigen Bildern erzählt. Ein Regie-Berserker soll er sein, der collagenhaft arbeitet, Stücke also nicht linear erzählt.

Für seine Basler Räuber-Inszenierung ist er zuletzt schwer kritisiert worden – den Stoff soll er schlicht zertrümmert haben. Doch er ist wohl jedenfalls jemand, der die großen Fragen zu stellen versucht, nach Leben und Sterben, Liebe und Tod. In seiner Edda-Inszenierung sieht man nun sowohl diese positiven als auch jene negativen Zuschreibungen. 

Gespielt wird der heidnische Schöpfungsmythos Islands ausgerechnet am Osterwochenende. In Island allseits bekannt, hierzulande weniger. Die Edda ist eine riesige Sammlung von Geschichten, gefasst in die Lieder-Edda und die Prosa-Edda, die Snorri Sturluson im 12. Jahrhundert aufgeschrieben hat. Götter- und Heldengeschichten wechseln sich darin ab und wiederholen sich, es ist durchaus keine lineare Erzählung, sondern eine zyklische, alles besteht zur selben Zeit.

Dunkle Mythen von Gewalt und Macht, von Leben und Vergehen

Dunkle Mythen von Gewalt und Macht, von Leben und Vergehen werden darin erzählt. An diesem vierstündigen Theaterabend beginnt alles mit der Weissagung der Seherin, die die Erschaffung und sogleich den Untergang der Welt voraussieht.

In Deutschland wirkt das sehr fantastisch: Im Chaos und der Leere, wo Sonne und Mond noch keinen Platz kennen, treffen die südliche Feuererde und die nördliche Eiserde aufeinander und gebären einen Riesen, der mit seinen beiden Füßen zwei Söhne zeugt. Eine Kuh leckt aus dem Eis den ersten Menschen frei. Und aus einer Wimper des Riesen entsteht die Welt der Menschen.

Es wimmelt hier nur so von Riesen, Zwergen, Wölfen und Göttern. Am bekanntesten ist hierzulande wohl der Donnergott Thor, dem von den Riesen der göttliche Hammer gestohlen wird.

Eine düstere, magische Welt

Arnarsson hat mit dem Autor Mikael Torfason eine eigene Bühnenfassung geschrieben – die selbstverständlich auch bei vier Stunden stark verkürzt ist. Sie präsentiert jedoch nicht lediglich ein "Best of", sondern spannt einen Bogen von der Schöpfung bis zum Untergang – und zwar so didaktisch (im besten Sinn), dass man vieles von der Sagenwelt versteht und den Abend selbst gänzlich unvorbereitet anschauen kann.

Die Stammbäume, die vielen fremden Namen wird man sich nicht merken können – doch man schmeckt diese düstere, magische Welt, die, anders als der christliche Glaube, nicht auf einem Schuldbekenntnis und auf Vergebung aufbaut.

Der Abend geht nicht in düsterem Pathos unter

Zu Beginn, wenn die Seherin spricht, schaut man auf eine weiße, neblige Eiswelt, aus der sich seltsame Fellgestalten herauslösen. Zur Weltenschöpfung wird der gigantische Baum auf der Bühne, die immergrüne Weltesche, von einem Dutzend Techniker aufgehängt – außenherum wird gespielt. Dabei steht ein großes Ensemble auf der Bühne: dicke, nackte Riesen in Fatsuits, Sarah Franke als tumber Donnergott mit dicken Schulterpolstern, Philippe Goos als wendiger Halbgott Loki in Glitzeranzug. Ein einziges Wimmeln und Wuseln.  

Dabei geht der Abend nicht in düsterem Pathos unter, sondern wechselt in die unterschiedlichsten Stimmungen. In der ersten Hälfte herrscht eher Albernheit – Arnarsson will den Mythos ironisch brechen, vergisst dabei aber, was er uns dann heute noch zu sagen hätte.

Eine Figur etwa spricht nur in Schüttelreimen, später folgt eine Political-Correctness-Debatte: Die Zwerge möchten ab sofort bitteschön "Andershohe" genannt werden.

Alle Geschichten enden im Nichts

Nach der Pause geht es deutlich berührender zu, wenn Mikael Torfason vom Sterben seines Vaters erzählt, der sich als reueloser, angstfreier Wikinger zum einzigen Glauben an die "Edda" bekennt. Die Bühne dreht sich zu Gabriel Cazes tieftrauriger Live-Version von Arcade Fires dunklem Song "My body is a Cage" – da wird das Vergehen und Sterben plötzlich ganz greifbar.   

Ästhetisch ist der Abend eine Mischung aus vielen Dekonstruktionselementen – alle Geschichten enden im Nichts, Figuren lösen sich auf. Zur "Edda" passt das gut, da der Zyklus ohnehin kein Anfang und kein Ende hat und uns dieser Stoff kaum vertraut ist.

Bei Klassikern wie Schiller und Shakespeare kennt man diese Handlungszersetzung bereits von zig anderen postdramatischen Regisseuren – unter die sich Arnarsson in Zukunft an der Volksbühne hoffentlich nicht allzu geschmeidig einreihen wird.

 

Barbara Behrendt, kulturradio

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