"Bartleby": hinten: Henning Strübbe, Jörg Dathe, Alina Wolff | vorne: Marie-Therése Fischer, Jonas Götzinger, Bettina Riebesel
Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk Download (mp3, 5 MB)

Hans Otto Theater, Reithalle - Bartleby - Ich möchte lieber nicht

Bewertung:

Nina de la Parra hat "Bartleby – Ich möchte lieber nicht" nach Herman Melville am Hans Otto Theater inszeniert und sich dafür vorab auf Recherchereise durch Potsdam begeben.

„Ich möchte lieber nicht.“ Mit diesem Wahlspruch zeigt der schrullige Schreibgehilfe Bartleby unverhohlen seinen Widerwillen gegen alle unliebsamen Pflichten und nervigen Zumutungen der Welt. Hinter seinen harmlos klingenden Worten verbirgt sich ein höchst radikales Lebensprinzip: nie wieder etwas zu tun, worauf man keine Lust hat. Diese Verweigerungshaltung hat Herman Melvilles Bartleby zum Schutzheiligen aller notorischen Pflichtverächter werden lassen. In der Reithalle des Potsdamer Hans Otto Theaters hatte am Wochenende eine Bühnenfassung von Melvilles Erzählung Premiere. Regie führt die in Holland geborene Nina de la Parra.

Fröhliche Bartleby-Show

Melvilles Erzählung über den Schreiber, der lieber nichts mehr machen möchte, wurde 1856 veröffentlicht und spielt in den Anwaltskanzleien der New Yorker Wall Street. Die Potsdamer Bühnenfassung spielt im Hier und Heute, aber die Gegenwart ist zu einer quietsch fidelen Farce verkommenen, zu einer überdrehten Parodie einer sinnlos leer laufenden Wirklichkeit, in der keiner mehr Lust auf gar nichts hat und jeder lieber nicht das tun möchte, was er soll, sondern das, was er sich erträumt. Alles ist Kabarett und Comedy, wir werden hineingeworfen in eine verzerrte Variante der digitalen Moderne, die Wirklichkeit ist eine wilde Mischung aus schräg intonierten Songs und grinsenden Improvisationen, ausbeuterischen Werbe-Agenturen, beziehungsgestörten Menschen und endlosen Gender-Debatten. Wir werden Zeuge einer fröhlichen Bartleby-Show: alles ist schrill und laut, sechs Schauspieler tragen bonbonfarbene Kleidung, wechseln ständig ihre Rollen und reden gern im Jargon der grün-alternativen Kultur-Schickeria mit- und durcheinander. Manchmal geht es auch zu wie in einem verwunschenen Märchen einer Alice im Wunderland, denn einige der auf der Bühne herum liegenden und mit laienhafter Wut malträtierten Musikinstrumente sind klitzeklein, und die herum stehenden Buchstaben, auf denen man herrlich klettern und Blödsinn treiben kann, sind riesengroß. Eine Anwaltskanzlei gibt es nicht und auch keinen Bartleby, der lieber verhungert als sich an die Normen und Konventionen anzupassen. Es gibt nur viele kleine zeitgeistige Bartleby-Varianten, die ihre Lustlosigkeit hysterisch ausstellen, aber kein Risiko eingehen, außer dass der Zuschauer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und lieber gar nicht mehr hinschauen und zu dem was er da mitansehen muss, lieber gar nichts mehr sagen möchte.

Intellektuelle Unterforderung

Melvilles Erzählung wird zum Steinbruch, aus den man sich ein paar Sätze und Ideen herausbrechen und dann zum Anlass für szenische Improvisationen nehmen kann. Die intellektuelle Unterforderung des Zuschauers beginnt bereits damit, dass einer der Darsteller immer wieder in die Rolle eines Entertainers schlüpft und in einem deutsch-holländischen Kauderwelsch ein paar Infos über Melville einstreut und Teile der Bartleby-Handlung auf läppisch-verkürzte Weise nacherzählt, bevor sich daran die nächsten schrägen Lieder und schrillen Wortgefechte aus dem Reich der zeitgeistigen Lustlosigkeit entzünden.

Scheinbar gehen die Regisseurin und ihre Mitstreiter, die alles in einem offenen Proben-Prozess gemeinsam erfunden haben, davon aus, dass niemand weiß, wer Melville war, niemand je die Erzählung gelesen oder je den Namen Bartleby gehört hat: Man hat das dumme Gefühl, sie halten die Zuschauer für intellektuelle Zwerge und unwissende Kleinkinder, denen man erst einmal das Einmaleins der Literatur einträufeln und mit dem erhobenen Zeigefinger Nachhilfestunden erteilen muss, bevor man sich dann mit kleinen kabarettistischen Zuckerstücken ans Publikum heran schmeißt und es mit allem, was die klebrigen Klischees so hergeben, zum Lachen bringen will: Neben dem Holländisch radebrechenden Entertainer verblödelt ein Darsteller alles, was er sagt und tut, in einem bizarren Schwizerdütsch, eine andere Kollegin verfällt immer, wenn sie etwas aus ihrer DDR-Vergangenheit erzählt, in ein ironisiertes Sächsisch: Ja, geht´s vielleicht noch ein bisschen alberner?

In einer szenischen Miniatur sehen wir eine Praktikantin, die in einer schicken PR-Agentur ihrer beruflichen Träume beraubt wird: als die Vorgesetzte ihr mitteilt, sie müsse ab sofort ohne Bezahlung arbeiten oder könne gehen, es stünden genügend andere Bewerber bereit, antwortet die Praktikantin, sie möchte lieber bleiben, würde aber auch keine Arbeits-Aufträge mehr ausführen. In einer anderen Mini-Szene begegnen wir einem jungen schwulen Paar, und als einer dem anderen eröffnet, er würde gern eine Familie gründen und ein Kind aus Schwarz-Afrika adoptieren, antwortet der andere, dass er das lieber nicht möchte, weil das Leben als Homosexueller schon schwierig genug sei und durch ein Kind, das in der Schule gemobbt und ausgegrenzt wird, noch komplizierter werden würde.

Dann dürfen wir uns noch ein bisschen am Schicksal eines Paares laben, das immer gesund und vegan und politisch korrekt sein will, doch als sie ihm eröffnet, sie wolle nach Süditalien zu einem Yoga-Kurs fliegen, spielt er nicht mehr mit und möchte lieber nicht seine ökologische Bilanz verhageln, nur um seinen Geist zu reinigen.

Es gibt auch noch eine Comedy-Nummer mit einem nicht eben schlanken Schauspieler, der es ablehnt auf der Bühne einen Bikini zu tragen und deshalb von der Regisseurin vergattert wird, als Pferd aufzutreten. Oder eine Kabarett-Nummer über einen Arbeitsverweigerer, der es nie länger als zwei, drei Wochen in einem Job aushält, bevor es ihm zu langweilig wird und er lieber zu Hause bleiben und fernsehen möchte.

So geht der Abend fröhlich dahin und könnte ewig weitergehen oder einfach sofort aufhören: Von der existenziellen Tragik eines Bartleby, der - ohne sich zu erklären - jedes Ansinnen anderer verweigert und jede Hilfe ablehnt, der bei allen, die sein Schicksal mit ansehen müssen, Wut, Trauer und Scham auslöst, ist der Abend so weit entfernt wie die Erde vom Mond.

"Bartleby": v.l. Henning Strübbe, Jonas Götzinger, Marie-Therése Fischer
Bild: Thomas M. Jauk

Bühnen-Missverständnis

Bei Melville geht Bartleby für seinen stillen Widerstand ins Gefängnis und schließlich in den Tod: als szenisches Geschehen spielt es hier keine Rolle, es würde wohl die ausgelassene Stimmung verhageln. Aber der Entertainer ergreift noch einmal das Wort und erzählt lächelnd vom Tod des Bartleby und auch davon, dass Bartleby, bevor er in der Anwaltskanzlei zum Pflichtverweigerer wurde, bei der Post für "tote Briefe" zuständig war, für Epistel, deren Adressaten verstorben oder verschwunden waren und nicht zugestellt werden konnten und einstweilen archiviert oder zurückgeschickt werden mussten. So etwas, meint grinsend unser Entertainer, könne ja heute nicht mehr passieren: das Internet vergesse nichts, bei Facebook und Instagram gehe nichts verloren, jeder könne jedem folgen und alles kommentieren.

Das mag stimmen, mit Bartleby und dem Trauma seiner Kommunikationsverweigerung hat das aber rein gar nichts zu tun: Bartleby mal eben mit einer flapsigen Bemerkung ins Internet-Zeitalter zu beamen, ist ein gedanklicher Kurzschluss, intellektueller Quark, so falsch und überflüssig wie das ganze auf Aktualität getrimmte Bühnen-Missverständnis.

Frank Dietschreit, kulturradio

Weitere Rezensionen