Bühnenszene: Nico and the Navigators
Bild: Piet Truhlar

Konzerthaus Berlin - Nico & The Navigators: "Niemand stirbt in der Mitte seines Lebens. Lebensrausch und Totentänze"

Bewertung:

Das  Theater-Kollektiv "Nico & The Navigators" ist ein spannendes und wichtiges Cross-Over-Projekt, das seine wechselnden Ensemble-Mitglieder mit "angeleiteten Improvisationen" immer wieder neu herausfordert und die Zuschauer immer wieder überrascht - wenn´s gut läuft. 

Das vor 20 Jahren von Regisseurin Nicola Hümpel und Bühnenbildner Oliver Proske in Berlin gründete Theater-Kollektiv "Nico & The Navigators" pendelt permanent erfolgreich zwischen Off- und Stadttheater hin und her. Ihre zwischen Theater und Tanz, Musik und Malerei, Performance Videokunst angesiedelten Inszenierungen zeigen sie an großen und kleinen Häusern in München und Stuttgart, Wien und Weimar, Brüssel und Basel.

Jetzt schauen sie wieder einmal in Berlin vorbei. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gab es gestern Abend die Uraufführung von "Niemand stirbt in der Mitte seines Lebens. Lebensrausch und Totentänze", und man fragt sich, ob es wieder einer dieser leicht melancholischen und ironischen Abende sein wird, bei denen das Theater neu erfunden und mit neuen Spiel-Weisen und Form-Sprachen in neue, manchmal unbekannte Dimensionen vorstößt.

"Nico & The Navigators" sind neben "Rimini-Protokoll" und "SheShePop" das dritte spannende und wichtige Cross-Over-Projekt, das seine wechselnden Ensemble-Mitglieder mit "angeleiteten Improvisationen" immer wieder neu herausfordert und den Zuschauer immer wieder überrascht - wenn´s gut läuft. 

Ob und wie belastet uns das Wissen um den Tod?

"Lebensrausch und Totentänze": mal elegisch und traurig, mal wild und wüst, mal rauschhaft und ekstatisch versucht man herauszufinden, ob und wie uns im Leben das Wissen um den Tod belastet; ob und wie wir uns Möglichkeiten ausdenken und erschaffen können, um besser auf den Tod vorbereitet zu sein; ob und wie wir dem Tod ins Auge schauen und ihn betrauern oder besingen können.

Um das Leben als "Tanz auf dem Vulkan" zu feiern, wird Musik von Bach und Schubert herbei zitiert, Ligeti und Monteverdi, Händel und Beethoven, Mozart und Tschaikowsky, von Leonard Cohen und Rufus Wainwright, Paul Simon und Lou Reed: klassische und atonale Klänge, Pop-Phrasen, Kunstlied und Oratorium: Das Spektrum ist weit gefächert und kennt keine Grenzen.

Und die Künstler-Crew ist international: Für Tanz und Choreographie ist Hui Kawaguchi aus Japan zuständig; als Sprecherin fungiert Annedore Kleist aus Deutschland; es singen der russische Bariton Nikolay Borchev, die deutsche Sopranistin Julla von Landsberg, der amerikanische Tenor Ted Schmitz; ein kleines Orchester agiert mit Kontrabass und elektrischem Bass, Violine, Schlagzeug und Marimbaphon. Matan Porat aus Israel hat die zwischen Barock und Pop schlingernde Musik kunstvoll bearbeitet und übernimmt am Flügel die musikalische Leitung; Fabian Bleisch sorgt für flirrende Lichtspiele; Cristina Lelli aus Italien hat bizarre Kostüme genäht; Bühnenbildner Oliver Proske hat einen einfachen, dunklen Raum gebaut, und die künstlerisch weit ausgreifende Gesamtkonzeption hat natürlich wieder Nicola Hümpel übernommen.

Das Feld für einen großen Abend wäre also eigentlich bestellt.

Meistens tieftraurig und nur selten froh

Die Bühne ist leer, die Wände schwarz, es wabern Theater-Nebel, durch einen Vorhang schlüpfen TänzerInnen und SchauspielerInnen. Sie tragen dunkle Gewänder, dunkle Umhänge, dunkle Felle, in denen sie aussehen wie archaische Tiere auf dem Weg in den Winterschlaf oder Steinzeitmenschen auf der Suche nach dem Totenreich.

Die Lieder - es sind wohl an die 30 - fließen nahtlos ineinander, die TänzerInnen umschwirren und umgarnen die SängerInnen, man agiert mal mit, mal gegeneinander, ist meistens tieftraurig und nur selten froh; eine durchs Geschehen geisternde Schauspielerin erzählt Geschichten über ihr sorgloses  Leben und die langsam vertröpfelnde Zeit; immer mal wieder unterbrechen sich die MusikerInnen und TänzerInnen bei der Arbeit und erzählen vom Sterben naher Bekannter und Verwandter; immer wieder steigert sich die Musik ins Ekstatisch-Entgrenzte, um dann ins Tragisch-Melancholische zu verebben; immer wieder wird das Leben mit kindlicher Albernheit vertanzt und der Tod mit großer Geste und trivialem Pathos gebannt.

So geht der Abend dahin: rasender Stillstand, alles nur herbei geredet und herbei getanzt, Gefühle und Gedanken die einen ergreifen und beschäftigen sollen, auf Dauer aber nur leer laufende Rituale und unfreiwillig komische Banalitäten aneinander reihen. 

Typischer Fall von über-ambitioniertem Zuviel

Das Publikum reagiert wohl wollend, aber nicht euphorisch. Aber wenn man den Abend mit kritischer Distanz betrachtet, muss man einfach sagen: der musikalische Ertrag ist leidlich, der theatralische Erkenntnis-Gewinn ziemlich überschaubar.

Ein typischer Fall von über-ambitioniertem Zuviel: noch eine Musik, noch ein Tanz, noch eine Geschichte aus dem Leben. Doch nichts geht vorwärts, nichts wird durch den szenischen Schnickschnack neu ergründet, das Tänzerische und Erzählerische ist nur szenisches Beiwerk, die Musik allein - pur und solo - hätte vollauf genügt.

Ich habe noch nie eine so verwirrend-schöne Version von Paul Simons "Sound of Silence" gehört, und Händels "Waft her, angels" aus seinem Jephta-Oratorium ist mir so lässig und elegant auch noch nicht zu Ohren bekommen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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