Schaubühne Berlin/"abgrund": Isabelle Redfern
Arno Declair
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Schaubühne Berlin - "abgrund" von Maja Zade

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Das Stück "abgrund" von der Autorin Maja Zade hat der künstlerische Leiter der schaubühne Berlin, Thomas Ostermeier, inszeniert – dabei sehr auf Effekte bedacht.

Der "abgrund" des Titels ist so leicht nicht zu entschlüsseln. Man stochert als Zuschauer etwas im Nebel. Doch es drängt sich die Vermutung auf, es gehe um den Abgrund in jedem von uns, der sich auftut, wenn wir zu wirklicher Freundschaft, zu Empathie, zu Mitleiden herausgefordert werden – so wir nicht solch oberflächliche Typen sind, wie die, die uns vorgeführt werden.

Sechs sind es – drei Männer, drei Frauen. Sie kommen in der schicken neuen Küche eines Paares zusammen. Es wird gekocht, es wird Partygesäusel ausgetauscht, in kabarettistischen Pointen wird die Hohlheit von Leuten gebrandmarkt, die nur auf Äußerlichkeiten setzen.

Dann passiert Furchtbares: Die fünfjährige Tochter des gastgebenden Paares wirft mitten in der Nacht ihre kleine, erst einige Wochen alte Schwester aus dem Fenster, drei Stockwerke tief, das Kind kommt um. Und nun erleben wir vor allem, wie die vier Gäste nicht wissen, was tun, was sagen, wie sich verhalten.

Schocktherapie

Angeboten wird so etwas wie eine Art Schocktherapie. Wobei für mich der größte Schock darin besteht, dass hier wirklich Entsetzliches lediglich dazu genutzt wird, oberflächlich die Konsumgesellschaft zu geißeln. Die erwachsenen Figuren, um die es geht, werden dabei aber nicht wirklich einer Probe aufs Exempel ausgesetzt – der Abend dümpelt für die Protagonisten in Weinerlichkeit aus, nicht darin, sich endlich mal wirkliche Fragen zu stellen, sich selbst in Frage zu stellen. Das ist recht wenig.

Schaubühne Berlin/"abgrund": Isabelle Redfern, Laurenz Laufenberg, Alina Stiegler, Moritz Gottwald
Bild: Arno Declair

Ausgeklügelt inszeniert

Die Inszenierung ist raffiniert. Das Stück ist in Szenensplitter aufgeteilt. Die Handelnden agieren um einen riesigen luxuriösen Küchenquader herum. Alles glänzt. Auf den Hintergrund werden oft Stichworte projiziert – wie "Küche", "offene Beziehung", "Atheist". Manche Szenen sind sekundenkurz, andere länger. Vor der Szenerie hängt oft ein Gazevorhang. Dahinter wird gespielt – was so eine Art Laborsituation erzeugt. Manchmal hebt sich der Vorhang, dann treten einzelne Figuren schärfer hervor. In der Zeit wird gesprungen, es gibt Vor- und Rückblenden, das ist – auch durch Video und Musik – sehr filmisch.

Das Wesentliche: Die Zuschauer tragen alle Kopfhörer, die Schauspieler Mikroports. Sie können also sehr leise sprechen – doch wir sind akustisch nah dran, als wären wir unter ihnen. Genau das soll mit den Kopfhörern sicher erreicht werden, dass wir mittendrin sind. Da ist es dann aber seltsam, wieso das Publikum zugleich oft und oft lang durch den Gazevorhang ausgesperrt, auf Distanz gehalten wird.

Am Ende steht diese Frage: Was kann und soll Theater? Und: wie weit darf Theater mit Effekthascherei gehen, um Spannung zu erzeugen. Durch den Video- und Musikeinsatz entwickelt Thomas Ostermeier im Verlauf des Geschehens sowas wie einen Psychothriller – und das ist denn doch etwas zu billig. Da verschwindet dann nämlich das anfangs scheinbar angepeilte Nachdenken über gesellschaftliche Defizite. Man wendet sich mit Grausen von den vorgeführten Monstern in Menschengestalt. Beruhigend sagt man sich, dass man selbst nicht so ist. Das mag ein böser Irrtum sein. Doch die Inszenierung mit ihrem technischen Bombast deckt die so wichtige Frage genau danach, ob man selbst auch so ist, krachend zu.

Peter Claus, kulturradio

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