Berliner Ensemble: Max und Moritz nach Wilhelm Busch; © JR/Berliner Ensemble
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Berliner Ensemble - "Max und Moritz"

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"Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich" – sechs Streiche lässt Wilhelm Busch seine beiden Übeltäter Max und Moritz aushecken, den siebten überleben sie nicht, Meister Müller schrotet sie, ziemlich grausam, in seiner Mühle. Und die Moral von der Geschicht? "Bosheit ist kein Lebenszweck."

Die beiden wohl berühmtesten bösen Buben der Kinderliteratur hat der Regisseur Antú Romero Nunes jetzt am Berliner Ensemble auf die Bühne gebracht: Max und Moritz gleichen den Zeichnungen Wilhelm Buschs aufs Haar. Stefanie Reinsperger spielt den korpulenten Max mit dem braunen Topfschnitt und Annika Meier den mageren Moritz mit der blonden Haartolle – wobei die Kostümbildnerin Victoria Behr sie so clownesk ausstaffiert, dass man kaum mehr erkennt, ob unter den Kostümen Männer oder Frauen stecken.

Opulente Materialschlacht

Überhaupt ist der Abend ein großes Ausstattungsfest: Ein Knall aus der Konfettikanone – und schon segeln bunte Flitter auf die ersten Zuschauerreihen herab. Die Windmaschinen blasen Federn ins Publikum, lebensgroße Hühner wackeln, den Bolero gackernd, über die Bühne, ein Schornstein wird zur Tetris-Melodie zusammengepuzzelt, Constanze Becker liegt als gerupftes Huhn kahlköpfig in einer gigantischen Pfanne – ein lautes, buntes Kindertheater und eine opulente Materialschlacht.

Die Inszenierung beginnt mit einem halbstündigen Vorspiel – die schönsten Szenen des Abends. Max und Moritz stehen allein auf der Bühne, bewegen sich steif wie Puppen, während jede Bewegung von der Live-Musikerin Carolina Bigge mit einem Rascheln unterlegt wird. Bis die Jungs verstehen, dass sie sich aus den unsichtbaren Buchseiten, die sie umgeben, herausreißen müssen. Wenn sie sprechen, kommen nur Fantasie-Worte aus ihrem Mund, ein Clowns-Kauderwelsch, das man zusammen mit den Gesten gut versteht.

In seiner "Odyssee", die vor zwei Jahren beim Theatertreffen zu sehen war, ließ Nunes die Protagonisten in einem Fantasie-Skandinavisch zwei Stunden lang, ziemlich genial, Geschichten erzählen. In der einfachen Max-und-Moritz-Welt bleibt das Sprechen dagegen simpler.

Berliner Ensemble: Max und Moritz nach Wilhelm Busch; © JR/Berliner Ensemble
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Toller Beginn

Plötzlich stehen Witwe Bolte, Lehrer Lämpel, Meister Bäcker und Schneider Böck auf der Bühne, alle wie den berühmten Zeichnungen entsprungen, und führen mit Buschs Lautmalereien einen A-Capella-Rap auf: Ritzeratze, Rums, wehe wehe, Schwupdiwup. Ein toller Beginn.

Erst danach inszeniert Nunes jeden Streich in unterschiedlichem Stil: Mit Lehrer Lämpel wird Schultheater nachgespielt, in den Szenen mit Witwe Bolte die Busch-Zeichnungen in großem Bilderrahmen nachgestellt. "Klick" heißt es dann und das Foto ist im Kasten. Das entpuppt sich jedoch bald als langatmiges, hektisches Rummgerenne, bei dem sich ein müder Gag an den nächsten reiht. Die drei lebensgroßen Hühner, die vom Hahn auf der Bühne bestiegen werden, sind denn auch nur bedingt unterhaltsam.

Überhaupt wird vieles recht flach illustriert: Ist von Eiern die Rede, muss sich Witwe Bolte, gespielt vom übertrieben sächselnden Sascha Nathan, in den Schritt greifen. Spricht Schneider Böck von Stoff, folgt ein Diskurs über Material, das zum Kunstgegenstand, also "zum Stoff" passen muss. Vieles wirkt nur oberflächlich aneinandergereiht statt subversiv.

Braves Kindertheater

Auf eine Moral hat es Nunes ganz bewusst nicht abgesehen. Er ist einer der sehr seltenen Regisseure, der puren Spaß am Spiel inszenieren will, an der Poesie, am Theaterzauberkasten. Allerdings bleiben seine Tricks hier oft zu lau, zu harmlos und putzig – ihm geht schlicht jede Boshaftigkeit und Grausamkeit ab.

Max und Moritz, die Stefanie Reinsperger und Annika Meier wunderbar slapstickhaft spielen, sind nur zwei dumme Jungs, die Scherze machen, keine lustvollen Tierquäler oder sogar Anarchisten. Den Onkel malträtieren sie denn auch nicht mit Maikäfern, sondern mit leuchtenden Glühwürmchen, die die Zuschauer mit ihren Handylämpchen improvisieren – eine kitschige wie schöne Szene.

Das alles reduziert den Text jedoch zu bravem Kindertheater, während bei Busch jede Menge anarchischer Witz vorhanden ist. Buschs pessimistische Weltsicht auf die kalte, unversöhnliche Menschheit teilt Nunes ganz und gar nicht, dafür ist er ein zu großes Spielkind, ein zu großer Menschenfreund. Vielmehr rettet er sich in Sentimentalität, wenn er am Ende den im Brotteig erstickenden Max von einem gigantischen aufblasbaren Engel abholen lässt, der in Max' Augen aus Leberkäse besteht. Moritz folgt ihm aus purer Freundschaft in den Tod. Wenn hier jemand böse ist, dann die Erwachsenen, die die beiden einfach sterben lassen.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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