Staatstheater Cottbus: EIN VOLKSFEIND
Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Ein Volksfeind"

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Jo Fabian, jetzt Schauspieldirektor am Staatstheater Cottbus, kommt ursprünglich aus der Berliner Off-Szene. Bekannt ist er dafür, dass er oft in Personalunion als Regisseur und Bühnenbildner, Choreograph, Sound- und Video-Designer alten und neuen Texten multiperspektivisch zu Leibe rückt und sie auf ihre zeitlose Dringlichkeit und politische Aktualität befragt. Seine viel diskutierte Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" wurde für den "Faust"-Theaterpreis nominiert. Am Wochenende hat er sich nun mit dem Großmeister des Naturalismus, Henrik Ibsen, auseinandergesetzt und dessen Drama "Ein Volksfeind" auf die Bühne gebracht.

Es gibt vielleicht kaum ein zweites Stück, das in postmodernen Zeiten von Fake News, Populismus und Demokratieverachtung so dringlich und aktuell ist wie dieses im Mikrokosmos eines norwegischen Kurorts des 19. Jahrhunderts angesiedelte Drama.

Denn schon bei Ibsen wird jemand (Badearzt Thomas Stockmann), der die Wahrheit über die Verunreinigung des Wassers und die Zerstörung der Umwelt sagt, erst von der Bevölkerung als Heilsbringer bejubelt, dann aber, als er einschneidende Konsequenzen fordert, die auch Arbeitsplätze und Abschaffung von Privilegien kosten würden, als böser Volksfeind abserviert. Ökologische Ideale werden hochgehalten, so lange sie blanke Theorie sind, sobald es um die Praxis geht und um die Veränderung des Alltags, mag keiner mehr mitmachen.

Und wenn dann auch noch der eigene Bruder (Bürgermeister Peter Stockmann), die politische Gegenkampagne führt, alle Fakten als Fake News diskreditiert und den Verkünder der Wahrheit als fiesen Volksverräter zum Abschuss freigibt, wird aus dem Lehrstück über Manipulation und Machtmissbrauch, über Meinungsfreiheit und Massenhysterie, ökonomischen Profit und ökologische Nachhaltigkeit ein geradezu archaisches Drama um Neid und Hass, Selbst-Mitleid und Selbst-Erhöhung.

Wo könnte das Polit- und Öko-Drama überdies dringlicher und aktueller sein als in der Lausitz, wo, theoretisch, fast jeder weiß, dass es mit der Braunkohle zu Ende gehen muss, wenn wir die Umwelt und das Klima retten wollen, wo aber fast jeder, praktisch, nichts davon wissen will und Angst hat, den Arbeitsplatz und die Zukunft zu verlieren.

Wir wissen alles, aber haben nichts dazu gelernt

Fabian versetzt das Drama aus dem 19. Jahrhundert nicht ins Heute, sondern verlegt die Szenerie sogar noch viel weiter in die Vergangenheit: bis zurück in die griechische Antike.

Er will uns zeigen, dass die Geschichte der Demokratie ein Labyrinth und der Fortschritt eine Schnecke ist, dass wir seit Jahrtausenden alles wissen über Wahrheit und Lüge, Populismus und Diktatur, dass wir aber nichts dazu gelernt haben und immer wieder denselben Ideologen und Scharfmachern hinterher laufen.

Sein Dramaturg Lukas Pohlmann hat deshalb eine Textfassung erstellt, in der Ibsen mit Aristophanes, Platon und diversen anderen AutorInnen vermischt wird. Die Bühne gleicht - zunächst - einem von antiken Säulen umstellten griechischen Tempel, die Akteure stecken in goldverzierten weißen Gewändern.

"Kennen Sie Sokrates?", fragt ein barfüßiger Philosoph mit angeklebtem Vollbart. Während er erklärt, dass Sokrates zum Tode verurteilt wurde, weil er die Jugend verdorben haben soll, futtern antike Menschen nebenan im Tempel herrliche Trauben, laben sich genüsslich am Wein und gehen sich freizügig an die Wäsche. Verschreckte Sklavinnen schleppen derweil Wasser herbei und füllen das Becken auf, in dem sich die erotisch erhitzte Spaßgesellschaft erfrischt. Sanft säuselt dazu die Musik.

Aber von Ibsens "Volksfeind", von seinem naturalistischem Furor und seiner realistischen Gesellschaftskritik erst einmal weit und breit keine Spur. Stattdessen debattieren die alten Griechen über die Macht der Masse, die Gefahren der von Populisten und Propagandisten derangierten Demokratie, streiten darüber, was die Entscheidungen der Mehrheit wert sind, wenn die Masse zur Unvernunft neigt.

Ibsen als Steinbruch

Im letzten Viertel landet die Inszenierung doch noch im norwegischen Badeort und im 19. Jahrhundert. Vorher benutzt Fabian Ibsen allenfalls als Steinbruch, haut sich Textbrocken heraus, kürzt die Handlung auf einige politische Scharmützel und rhetorische Schlachten zwischen dem um das Wohl der Bürger besorgen Badearzt Thomas Stockmann und seinem politischen Widersacher und hassgeliebten Bruder, dem Bürgermeister Peter Stockmann (Axel Strothmann).

In einem fort öffnet Fabian neue Türen zu neuen Themen, öffnet Fässer, in denen man textlich herrlich herumrühren kann: Und wenn der in antikes Ambiente verlegte Disput über Macht und Ohnmacht, Wahrheit und Lüge ins Leere zu laufen droht, donnert die Brachial-Band Rammstein wummernde Beats aus dem Off, tanzen verzückte Gespielinnen, wabern Theaternebel.

Doch plötzlich, kurz vor Schluss, fallen die weißen Gewänder, werden durch strenges schwarzes Biedermeier ersetzt. In einer eilends einberufenen Volksversammlung wird Spaßbremse Thomas Stockmann als eitler Pfau gebrandmarkt, dem das reine Gewissen und die wissenschaftliche Reputation wichtiger ist als das Wohl der um ihre Arbeitsplätze gebrachten Bevölkerung. Zum Abschuss freigeben stürzt sich die entfesselte Meute auf ihn und reist ihn regelrecht in Stücke. Da, endlich, bekommt die vorher sich in Mätzchen und Marotten verlierende Inszenierung eine Dringlichkeit, die einen doch noch packt, wird hinter all dem Gerede und Geblödel ein menschlicher Abgrund sichtbar, der uns das Fürchten lehrt.

Ökologische Ideale werden hochgehalten, so lange sie blanke Theorie sind, sobald es um die Praxis geht und um die Veränderung des Alltags, mag keiner mehr mitmachen.

Nervtötende Volksfeind-Zertrümmerung

Die Darsteller können einem ein bisschen Leid tun: Denn außer Gunnar Golkowski, der den Badearzt Thomas Stockmann als irrlichternden Brausekopf und arroganten Nörgler gibt, und Axel Strothmann, der den Bürgermeister Peter Stockmann als machtgeilen Strippenzieher und rhetorischen Trickbetrüger zeichnet, können sich keine anderen Darsteller im vielköpfigen Ensemble herausputzen und auch nur ansatzweise einen eigenen Charakter gewinnen. Sie sind nur Staffage und Stichwortgeber für die beiden Widersacher, die sich mit Worten und Schwestern bekämpfen und denen es weder um die Gesundheit der Bürger noch um das Wohl der Gemeinde geht, sondern nur um die Erhöhung der eignen Person.

Alle Nebenhandlungen in Ibsens Stück sind gestrichen, alle Menschen, die in Neid und Hass, Erschöpfung und Selbstmitleid tief miteinander verstrickt sind, bleiben auf der Strecke.

Offensichtlich hat sich in Cottbus herumgesprochen, dass Inszenierungen von Jo Fabian oft schwere Kost sind, dass Fabian gern die Zuschauer verunsichert und belehrt: Bei der Premiere seiner Ibsen-Exkursion blieben jedenfalls erstaunlich viele Plätze leer.

Im Programmheft bedauert Fabian, dass es in der Schule leider kein Unterrichtsfach "Utopisch-Denken" gibt, dass vieles einfacher wäre, "wenn wir gelernt hätten, utopisch zu denken". Das mag sein, aber von der Utopie eines aufrüttelnden und heilsamen Theaters, das die Zuschauer berührt und bewegt, Erkenntnisse vermittelt und zum Handeln anregt, trägt seine nervtötende Volksfeind-Zertrümmerung und sein planloser Demokratie-Diskurs eigentlich ziemlich wenig, vielleicht sogar rein gar nichts bei. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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