Gastspiel Gogol Center: Who Is Happy In Russia
Bild: Ira Polyarnaya

Radar Ost am Deutschen Theater Berlin - "Who is happy in Russia"

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Nach anderthalb Jahren wurde der Hausarrest des russischen Film, Opern- und Theaterregisseurs Kirill Serebrennikov aufgehoben – die internationale Kulturszene jubelte. Jetzt eröffnete eine Arbeit von Serebrennikov das Festival "Radar Ost" am Deutschen Theater, es ist der internationale Auftakt der Autorentheatertage dort. Die Inszenierung "Who is happy in Russia?" ist schon vor Serebrennikovs Inhaftierung am Gogol Center in Moskau entstanden.

Der Titel geht zurück auf einen Klassiker von Nikolai Nekrassow, auf sein über 500-Seiten-langes Gedicht selben Titels, das zum russischen Literaturkanon gehört und das, so heißt es, in Russland jedes Kind kennt. Nekrassow wird der russische Brecht des 19. Jahrhunderts genannt, ein scharfer Gesellschaftskritiker und Liederschreiber.

Das Poem hat Nekrassow 1870 verfasst, als der Zar die Leibeigenschaft aufgehoben hatte – es den Menschen aber trotzdem nicht viel besser ging. Es handelt von jener Zeit – doch natürlich schwingt bei einer Inszenierung der Gegenwart das heutige Russland unter Putin mit. "Wer ist in Russland glücklich?" ist da eine nach wie vor provokante Frage.

Die Inszenierung selbst wirkt trotz ihres virtuosen ästhetischen Besteckkastens nie diskurslastig, sondern reich und sinnlich.

Vergleich mit Brecht liegt auf der Hand

Die Ausgangslage ist simpel: eine Handvoll armer Bauern aus so klingenden Orten wie Oberklagendorf, Sorgenfeld und Kummerow (schön übersetzt!) treffen auf dem Markt zusammen und stellen sich die Frage: "Wer lebt in Russland froh und frei?"

Der Gutsbesitzer wird genannt, der Kaufmann, der Zar. Wie im Märchen ziehen die Bauern aus, um den Menschen ausfindig zu machen, der in diesem Land glücklich leben kann – zufrieden, satt, ohne drangsaliert zu werden. Daran schließen sich lose Erzählungen an.

Das beeindruckendste an dieser Parabel ist ihre Sprache, die man hier gut in den deutschen Übertiteln mitlesen kann. Sie ist poetisch, sinnlich roh aber auch einfach, kraftvoll – und obwohl es ein lyrischer Text ist, steckt darin viel Sozialkritik. Der Vergleich mit Brecht liegt auf der Hand. 

Reichtum und Elend prallen aufeinander

Der vierstündige Abend ist in drei Teile gegliedert, jeder vollkommen anders als der vorige. Eine irre Mischung aus traditionellem Schauspiel, virtuosem Zirkus, Tanz, Konzert, Geschichtenerzählen. Alles, auch die Choreografie, wird von Nekrassows Text vorangetrieben – hierzulande äußerst selten, dass sich ein Regisseur vom Text leiten lässt, statt ihn nur als Material für private Anschauungen zu benutzen.     

Im ersten Teil wird Theater gespielt, das man in Deutschland konventionell nennen würde. Schwer zu sagen, wie das in Russland rezipiert wird. Im zweiten entern die abgerissenen Gestalten, die in der Pause bereits herumgeirrt sind und das Publikum irritiert haben, aus dem Zuschauerraum die Bühne und stehen einer Reihe von Damen in Konzertkleidern gegenüber. Reichtum und Elend prallen aufeinander. Die Damen formieren sich zu einem dissonanten A-Cappella-Chor, während die Männer einen furios expressiven, existenziellen Tanz aufführen.

Ein Hungerkrampf, ein sich Ducken vor Schlägen, ein zu Boden gehen – dann wieder formen sie gemeinsam Körperskulpturen, richten sich auf, um Sekunden später am Boden zu zappeln wie Fische auf dem Trockenen.

Nicht für jeden Grund gibt’s einen Wodka

Der dritte Teil ist dazu wiederum kaum vergleichbar. Er beginnt mit einer Clownsnummer unter Publikumsbeteiligung – normalerweise eine schlimm gekünstelte Anbiederung an die Zuschauer, doch die russischen Spieler machen das mit großer Selbstverständlichkeit und Nonchalance.

Im Publikum werden glückliche Menschen gesucht – wer einen guten Grund liefert, bekommt einen Wodka. Dass das so gut funktioniert, liegt an den vielen russischen Zuschauern, die enthusiastisch auf diese Befragung reagieren und noch aus dem zweiten Rang ihr Glücklichsein herunterrufen. Aber nicht für jeden Grund gibt’s einen Wodka, da sind die Spieler streng.     

Unter den Frauen findet ihr in Russland keine, die glücklich ist

Minuten später wird es auf der Bühne wieder ernst. Frauen in wunderschönen russischen Trachten schreiten wie über einen Laufsteg. Eine Bäuerin erzählt den Männern, die den glücklichen Menschen suchen, ihre leidvolle Lebensgeschichte – ohne viel Schnickschnack, sehr berührend.

Unter den Frauen, resümiert sie am Ende, findet ihr in Russland keine, die glücklich ist. Eine tolle Schauspielerin, so wie alle auf der Bühne an diesem Abend – sie spielen weniger über den Kopf als über den Körper, sind ganz bei sich. Die Inszenierung selbst wirkt trotz ihres virtuosen ästhetischen Besteckkastens nie diskurslastig, sondern reich und sinnlich. In Berlin eine Seltenheit. 

Barbara Behrendt, rbbKultur

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