Theatertreffen 2019: "Girl From The Fog Machine Factory"
Bild: Sandra Then

Theatertreffen 2019 im Haus der Berliner Festspiele - "Girl from the Fog Machine Factory"

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Die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Raums sind derzeit beim Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. In der 10er Auswahl ist auch "Girl from the Fog Machine Factory" von dem Schweizer Theaterkünstler Thom Luz.

Die Hauptrolle in den Theaterarbeiten des Schweizer Regisseurs Thom Luz spielt nicht immer ein Schauspieler – Protagonist des Abends ist oft auch: der Nebel. Vor zwei Jahren war Luz mit "Traurige Zauberer" zum Berliner Theatertreffen eingeladen, da ließen verschrobene Magier riesige Rauchkringel über die Bühne fliegen. Jetzt ist er mit einer Arbeit beim Festival zu sehen, die den Nebel schon im Titel trägt: "Girl from the Fog Machine Factory" heißt sie, also "Mädchen aus der Nebelmaschinenfabrik". Die Hauptrolle spielt auch hier eindeutig weißer Rauch. Das Mädchen ist zu Besuch in der Nebelmaschinenfabrik, wo ein Chef und drei Angestellte im Blaumann mit kindlicher Freude ihre Technik, ihre Maschinen, Artikel und Tricks vorführen.

Nebelshow

Wer die "Traurigen Zauberer" gesehen hat, der wird viele Déjà-Vus erleben. Auch hier wird eine Nebelshow inszeniert, bei der wunderschöne Rauchringel über den Köpfen der Zuschauer schweben. Mithilfe von Ventilatoren wird der Nebel in verschiedene Richtungen gelenkt, er wird in Tüten abgefüllt und fliegen gelassen, er wird in einen Plastikbettbezug gefüllt und so zur Nebeldecke. Es entstehen Nebelexplosionen und -meere, Nebelpilze, -brunnen, -geister und -schwaden. Nebelvorhänge, hinter denen sich das Mädchen umziehen kann. Man geht, wie sollte es anders sein, "benebelt" aus diesem kurzen, schönen Abend.

Die Rahmenhandlung dient lediglich dazu, den Nebel wabern zu lassen. Wir befinden uns in einer unbestimmten Vergangenheit, uralte Radios stehen im Fabrikbüro, ein Chaos aus Pappkartons ist über der Bühne verteilt. Die Fabrik geht dem Bankrott entgegen, immer wieder ruft der Chef ins Telefon: "kein Geld". Ansonsten wird fast nicht gesprochen, dafür aber hübsch gesungen und Musik gemacht. Mathias Weigel spielt kleine Schubertmelodien, auch gefühlige Schlager am Celesta – die Spieler singen mehrstimmig einen Gospelsong, doch sehr fein, leise und melancholisch. Alles ist von Nostalgie durchzogen. Zwischen dem Mädchen und einem Arbeiter entspinnt sich eine zarte Romanze, gemeinsam vermessen sie den Nebel. Bis die Fabrik dann nach knapp anderthalb Stunden in Rauchschwaden untergeht.

Theatertreffen 2019: "Girl From The Fog Machine Factory"
Bild: Sandra Then

Keine künstlerische Weiterentwicklung

Die Suche nach etwas, das den Abend von seinem Vorgänger "Traurige Zauberer" unterscheidet, bleibt allerdings erfolglos. Natürlich: Thom Luz Inszenierungen sind wunderbar poetisch, musikalisch, versponnen; ein Theater der Stimmungen, der schwebenden Zustände. Es will sich nicht tagespolitisch einmischen, es erzählt verspielt von Vergänglichkeit, von Schönheit.

Doch beim Theatertreffen muss man einen Regisseur an seinem bisherigen Schaffen messen. Und das, was wir an diesem Abend sehen, ist mitnichten eine künstlerische Weiterentwicklung. Luz findet kein neues Thema, keine andere Herangehensweise. Man sieht eine Kopie des Abends von vor zwei Jahren, mit dem Unterschied, dass hier nicht die Zauberer Nebeltricks vorführen, sondern die Nebelmaschinen-Fabrikarbeiter. Luz hat sich schon an ganz anderen Themen abgearbeitet: Er hat Max Frisch inszeniert, Judith Schalansky, er hat einen Abend über den LSD-Erfinder Albert Hofmann kreiert. An dieser Arbeit ist nun aber im Bezug auf sein Oeuvre gar nichts bemerkenswert.

Die Jurybegründung für diese Einladung liest sich denn auch recht nebulös. Luz bringe hier das "auf den Punkt", was er schon immer "zu fassen versucht" habe. Sein Betreten der Nebelfabrik sei im Hinblick auf seine bisherigen Arbeiten "folgerichtig"– eine doch wohl sehr euphemistische Beschreibung dafür, dass alles beim Alten geblieben ist.

Mutlose Entscheidungen

Das Theatertreffen hat zwar erst vor ein paar Tagen begonnen, es ist nun jedoch schon die zweite unplausible Einladung. Auch Simon Stone hat zur Eröffnung mit "Hotel Strindberg" eine Wiederholung dessen präsentiert, was wir von ihm kennen – noch dazu eine schlechtere. Hier zeigt sich das, was der Jury oft vorgeworfen wird: mutlose Entscheidungen für Regisseure, die seit Jahren aufs Theatertreffen abonniert zu sein scheinen.

Wenn sich sieben Jurorinnen und Juroren jährlich damit brüsten, Hunderte von Reisen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz gemacht zu haben, nur um dann Kopien der Arbeiten aus dem Vorjahr einladen, schauen sie mit dem falschen Blick. Es ist eine Fixierung auf die großen, als ästhetisch innovativ geltenden Namen – oft dominieren da eben die Männer – ohne jede Neugier auf Regisseurinnen und Regisseure, die vielleicht noch keine ästhetisch perfektionierte Handschrift haben, aber die spannend, anders, risikoreich erzählen. Dass man mit so einem Blick keine neuen weiblichen Regisseure fürs Theatertreffen findet, wie die Theatertreffen-Leiterin beklagt, verwundert da nicht.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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