"Das grosse Heft", Staatsschauspiel Dresden
Sebastian Hoppe
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Theatertreffen 2019 im Haus der Berliner Festspiele - "Das große Heft" nach dem Roman von Ágota Kristóf

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Mit der Premiere von Ulrich Rasches Inszenierung "Das große Heft" nach dem Roman von Ágota Kristóf geht das 56. Theatertreffen zu Ende. Rasche ist damit zum dritten Mal in Folge zum Festival eingeladen. Seine Regie-Handschrift ist unverwechselbar: Auf gigantischen Maschinen, Laufbändern, Drehscheiben marschiert und skandiert ein Männerchor, dazu dröhnen die Bässe.

 

Diesmal stehen zwei Drehscheiben schräg gegeneinander, die Bässe erzeugen - zusammen mit Schlagzeug und Violinen einen pompösen Live-Sound. Auch der virile Chor ist wieder da. Zuerst sind es nur zwei Schauspieler, darunter der unauffällige Kerr-Preisträger Johannes Nussbaum, die über die rotierenden Scheiben laufen, es sind die Zwillingsbrüder aus Kristofs Roman. Sie werden verdoppelt, vervierfacht – bis 16 Schauspieler mal zu zweit, mal im Chor den Text im Rhythmus mit der Musik sprechen und exakt choreografiert marschieren.

Sie wirken wie ein Heer halb verhungerter Sklaven, die den Aufstand proben, dann wieder wie eine einzige Kampfmaschine, eine Mörderbande, die sich zu Greueltaten formiert – ungeheuer präzise durchgearbeitete Sprechchöre und Bewegungsformen, die eine große szenische Wucht erzeugen.

"Das grosse Heft", Staatsschauspiel Dresden
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Soldatenmärsche

Rasche wird gern für eine "Riefenstahl-Ästhetik" kritisiert, für die Reproduktion einer faschistoiden Bilderwelt. Auch bei diesem erschlagenden Vier-Stunden- Marathon schwankt man zwischen Faszination und Abwehr. Der Männerkörper-und Gewalt-Kult, das triefende musikalische Pathos, auch das Ausstellen von Sado-Maso-Schwulst ist schwer erträglich.

Doch diese Soldatenmärsche korrespondieren nun einmal mit dem Inhalt – Kristóf erzählt aus der Sicht der Zwillinge über den Krieg. Die Mutter hat die beiden aus dem Bombenhagel der Stadt aufs Land zur bösartigen Großmutter gebracht. Bei ihr müssen die Jungs ums Überleben schuften. Weil sie unverletzbar werden wollen, härten sie sich ab: Sie essen nichts, bis sie keinen Hunger mehr spüren, sie schlagen sich blutig, bis sie keinen Schmerz mehr spüren, sie quälen Tiere so lange bestialisch, bis sie kein Mitgefühl mehr spüren. Wie Rasche das darstellt, ist abstoßend, widerwärtig. Doch es gibt auch abgründige, beklemmende Momente von Einsamkeit, kalter Trostlosigkeit – in all dem bleibt Rasche sehr nah am Roman.

Mittelmäßigkeiten

In ihrer theatralen Energie ist die Inszenierung ein herausragendes Unikat, jedenfalls bei diesem Theatertreffen, das so viele Mittelmäßigkeiten präsentiert hat und derart viele müde Kopien früherer Arbeiten der Regisseure, die fast alle schon mehrfach eingeladen waren. Bis auf Rasche und Thorsten Lensings Inszenierung "Unendlicher Spaß", eine genau gearbeitete Bühnenadaption des Romans von David Foster Wallace, mit großartigen Spielern wie Devid Striesow, Ursina Lardi und André Jung, war es ein schwaches Festival.

Das Theatertreffen-Kriterium "bemerkenswert" schrumpfte im vergangenen Jahrzehnt mehr und mehr zum Etikett "exzentrisch". Die Jury ist fixiert auf die Promis der ästhetischen Innovation, ohne Neugier auf die, die vielleicht noch keine perfektionierte Handschrift haben, die jedoch spannend, durchaus risikoreich, ganz anders erzählen.

Geschlechtergerechtigkeit

Der Trend regiert. Dem partizipativen Theater wird mit dem eher dilettantischen Abend über Erbe und Eigentum der Performance-Gruppe "She She Pop" gehuldigt, pseudo-intellektuelles Diskurstheater erlebt man in Claudia Bauers und PeterLichts Molière-Überschreibung "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen". Vom jungen Publikum gefeiert wurde Christopher Rüpings groß entworfenes Antikenspektakel "Dionysos Stadt", das allerdings nur an der Oberfläche der Mythengeschichten kratzt.

Die Frauenquote, die die Leiterin Yvonne Büdenhölzer jetzt einführt, könnte zumindest den Effekt haben, dass die Jury mehr auf die kleinen Häuser gucken muss. Denn dort haben sich schon jetzt viele Regisseurinnen durchgeboxt – und man setzt, etwa in Potsdam und Karlsruhe, insgesamt oft mehr auf Gendergerechtigkeit als auf brachial-ästhetische Hypes, wie sie meist von Regie-Männern an großen Bühnen durchgesetzt werden.

Büdenhölzers Frauenpower-Paukenschlag ist so erklärlich wie übergriffig. Das Theatertreffen ist das einzige Festival, vielleicht sogar weltweit, bei dem Theaterkritikerinnen und -kritiker völlig unabhängig, frei von allen finanziellen und logistischen Umsetzungsproblemen, ihre Auswahl treffen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sieht die Beschränkung der Jury durch die Quote deshalb kritisch. Bei der Konferenz zur Geschlechtergerechtigkeit des Festivals war Grütters überzeugt, "dass es bei einer paritätisch mit Männern und Frauen besetzten Jury, wie es sie beim Theatertreffen gibt, einer zusätzlichen Frauenquote nicht bedurft hätte. Das Theatertreffen als eine Art Besten-Auswahl der deutschen Bühnen sollte ja die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen eines Jahres allein nach ästhetisch künstlerischen Kriterien zusammenstellen. Die Vermischung von Qualitäts- mit Strukturkriterien, mit Vorgaben also für das Auswahlergebnis, konkret: die besten sollen gewinnen, aber nur, wenn mindestens die Hälfte davon Frauen sind, halte ich für kulturpolitisch widersprüchlich."

Ob die Jury durch die ihr auferlegte Frauenquote tatsächlich ihren Blick verändern wird, muss sich zeigen. Die nächsten Einschränkungen könnten bald schon folgen. Auf die Frage der Süddeutschen Zeitung, ob es nicht konsequent wäre, die Quote auch für Menschen mit nicht-deutscher Herkunft, mit queerer Orientierung oder aus bildungsfernen Schichten einzuführen, antwortete Büdenhölzer: "Ja, das wäre der nächste Schritt."

Barbara Behrendt, rbbKultur

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