„Dionysos Stadt“ Münchner Kammerspiele (Copyright:Julian Baumann)
Julian Baumann
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Theatertreffen 2019 im Haus der Berliner Festspiele - "Dionysos Stadt"

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Theater war in der Antike noch ein ganz anderes Ereignis als heute: Im alten Griechenland wurden die Dionysien, die Festspiele zu Ehren des Gottes Dionysos, als fünftägiges Fest gefeiert, mit kostenlosem Wein und einer finanziellen Entschädigung für den Verdienstausfall. Der Regisseur Christopher Rüping wollte dieses antike Theater in seiner Arbeit "Dionysos Stadt" wieder heraufbeschwören. Am Wochenende war sie beim Theatertreffen zu sehen und dauerte keine fünf Tage, sondern nur "schlappe" zehn Stunden.

Gegen Ende wird auch hier Wodka ausgeschenkt und die Musik aufgedreht, in den Pausen zuvor stehen Nüsschen und Olivenschälchen rum – selbstverständlich kein Vergleich zum rauschenden dionysischen Fest. Rüping hat den Tag nach antikem Vorbild organisiert, drei Stücke werden gegeben plus ein Sartyrspiel, dazwischen große Pausen. Ein Gefühl von Entgrenzung, Ausnahmezustand, Zeitlosigkeit, wie das wohl in der Antike gewesen ist, stellt sich allerdings nicht ein. Am Ende des Marathons ist man zwar erledigt, aber leider kein Stückchen klüger.

Rüpings Konzept ist groß gedacht. Im ersten Teil wird uns die Geschichte des Gottes Prometheus erzählt, der die Menschen so sehr geliebt hat, dass er ihnen das Feuer brachte. Zur Strafe wird er von Zeus an den Kaukasus geschmiedet. Im zweiten Teil steht der Trojanische Krieg im Zentrum, im dritten die Orestie, beim Sartyrspiel am Ende wird Fußball gespielt.

Vergänglichkeit

Rüping bringt die gigantischen Stoffe in sehr unterschiedlichen Formen auf die Bühne. Am substanziellsten ist noch der erste Teil – darin versucht der Schauspieler Nils Kahnwald, Vergänglichkeit greifbar werden zu lassen, indem er darauf hinweist, dass in 365 Tagen beim Theatertreffen 2020 sechs bis acht Menschen, die momentan im Saal sitzen, gestorben sein werden. In 50 Jahren die allermeisten von uns, in hundert Jahren wir alle.

Dann betritt Benjamin Radjaipour als Prometheus die Bühne und lässt sich von Zeus in einen Metallkäfig sperren. Wie er darin über der Bühne hängt, von Vogelkot überzogen, während nur das Meer rauscht und Schauspieler als Schafe verkleidet über die leere Bühne hopsen – das hätte ein eindrückliches Bild für das Vergehen der Zeit sein können. Wenn Rüping nicht sogleich einen Jux daraus machen und die Schafe sich bespringen lassen würde. Und wenn er nicht eine Raucherbank für Zuschauer auf der Bühne eingerichtet hätte, mit denen die Schaf-Spieler eine Kuschel-Show abziehen. Trotzdem: Zu diesem Zeitpunkt konnte man zumindest noch den Eindruck gewinnen, Rüping wolle uns die großen Fragen und Geschichten der Antike nah bringen will.

Dionysos Stadt (Bild: Julian Baumann)
Bild: Sebastian Hoppe

Verschenkte Stunden

Doch die folgenden Inszenierungen werden immer schwächer. Teil Zwei besteht aus einem ewigen Schlagzeug-Konzert mit unsäglich langweiligem Botenbericht über den Trojanischen Krieg. Die Schauspieler stehen in altbekannter postdramatischer Manier mit Mikrofonen an der Rampe und sprechen, statt zu spielen. Die Schicksale von Kassandra, Helena und Hekabe, die vergewaltigt und als Kriegsbeute verschachert werden, gehen einen hier überhaupt nichts an. Man versteht sie nicht einmal richtig, weil die Schauspielerinnen mehrere Rollen gleichzeitig aufsagen. Zweieinhalb (!) völlig verschenkte Stunden.

Wenn die Orestie in Teil Drei dann als Telenovela erzählt wird, sackt der Abend auf Musikantenstadel-Niveau ab. Klytämnestras Mörder etwa geben sich als sächselnde Wanderer aus, bei Elektras Hochzeitstanz werden die Zuschauer aufgerufen mitzuschunkeln oder gleich auf der Bühne mitzutrinken – was einige auch freudig tun. Das Fußballspiel am Ende, bei dem über die Schönheit von Zidanes Kopfstoß im WM-Finale referiert wird, ist nicht mehr als ein müder Nachklapp.

Überschätzung

Zum Theatertreffen kommt inzwischen ein deutlich verjüngtes Publikum, bei dem man keine Vorkenntnisse zur antiken Mythengeschichte erwarten kann. Anders kann man sich das Gelächter während der Telenovela und die Standing Ovations am Ende kaum erklären. Da grölen die Zuschauer selbst dann, wenn Aigisthos ein Gericht vorgesetzt bekommt, das aus dem Fleisch seiner Kinder besteht. Und kriegen sich kaum ein, wenn Schauspieler in Schafsfell über die Bühne robben.

Doch auch die Kritiker bei der Premiere an den Münchner Kammerspielen waren insgesamt begeistert – das scheint damit zusammenzuhängen, dass dieses groß angelegte Theaterfest sich abhebt vom politischen Diskurs- und Projekt-Theater, das der Intendant Matthias Lilienthal dort auf den Spielplan setzt. So kam es vermutlich zur Überschätzung dieser groß entworfenen, aber arg flachen Aufführung. Am Deutschen Theater in Berlin hat Rüping zuletzt schon deutlich klüger inszeniert.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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