Szenenbild "Hotel Strindberg" von Simon Stone © Sandra Then
Sandra Then
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Theatertreffen 2019 im Haus der Berliner Festspiele - "Hotel Strindberg"

Bewertung:

Wer das Theatertreffen verfolgt, der wird sich erinnern: Schon vor zwei Jahren hat der Regisseur Simon Stone das Festival mit seiner Neufassung von Tschechows "Drei Schwestern" eröffnet. Nun wieder Stone zum Auftakt, diesmal mit "Hotel Strindberg".

Es sollen heutige Versionen von Strindberg-Figuren sein, die in diesem Hotel absteigen. Simon Stone möchte aus einem Dutzend Stücken und autobiografischen Texten die Grundmotive destillieren, die den schwedischen Schriftsteller umgetrieben haben: Er war besessen von den neurotischen Beziehungen zwischen Mann und Frau, von Macht und Eifersucht, die ihn auch persönlich in den Wahnsinn getrieben haben.

Stone ist bekannt dafür, den Literaturkanon für unsere Zeit umzuschreiben, Texte also zu überschreiben. Bei diesem Hotel stammt allerdings höchstens noch das Fundament von Strindberg. Auf der Bühne steht eines von den Stone-typischen Glashäusern. Wir Zuschauer sind Voyeure: Drei verglaste Etagen werden uns präsentiert, pro Geschoss zwei Zimmer. Wir schauen durch diese Fenster in sechs Räume gleichzeitig, in denen sich Paare lieben, streiten, schlagen und umbringen. Es ist, als stünde man in der Fernsehabteilung eines Elektronik-Ladens: sechs Telenovelas laufen gleichzeitig. Stone zappt mit dem Ton von Zimmer zu Zimmer, man hört stets nur Konversationsschnipsel und Gequassel aus einem einzigen Raum.

Hotel Strindberg von Simon Stone (Quelle: Sandra Then/Berliner Festspiele)
Bild: Sandra Then/Berliner Festspiele

Großstadtmenschen von heute

Neun Schauspieler vom Wiener Burgtheater und vom Theater Basel (es ist eine Koproduktion) schlüpfen in den unterschiedlichen Zimmern in verschiedene Rollen – logistisch ist das eine Meisterleistung. Großstadtmenschen von heute gehen hier an ihren destruktiven Beziehungen zugrunde, bei denen, frei nach Strindberg, immer die Frauen die Bösen sind, während sich die Männer als arme Opfer stilisieren.

Thea und Arthur etwa versuchen sich an einer offenen Beziehung: Während Arthur das Baby beruhigt, erzählt Thea ihm, wie sie mit dem Mann ein Stockwerk tiefer heißen Sex hatte. Nächste Szene: Eine eiskalte Mutter vögelt den Mann ihrer Tochter. Ein Zimmer weiter betrinkt sich eine Schwangere, weil ihr Plan nicht aufgeht, ihrem verheirateten Liebhaber ein Baby aufzudrängen.

Die Hauptfiguren aber sind Martin Wuttke und Caroline Peters als Paar, das lose an Strindbergs Drama "Der Vater" angelehnt ist. Da säht eine Frau bei ihrem Mann Zweifel, ob die Teenager-Tochter wirklich von ihm ist – was ihn letztlich in die Psychiatrie treibt. Diese Tragödie geht einem zwar nicht zu Herzen, doch wie die Beiden dieses sich bekriegende Ehepaar in bester Boulevard-Manier spielen, ist eine große Virtuosen-Nummer. Caroline Peters wurde für diese Rolle zur Schauspielerin des Jahres gewählt.

Alltagssprache

Simon Stone legt seinen Figuren unsere Alltagssprache in den Mund. Das klingt dann so: "Wir sprechen von der jungen Dame, die sich ins WLAN der Nachbarn reingehackt hat, um ,Game of Thrones’ komplett runterzuladen, auf anderer Leute Kosten... Sie hat ihr Roaming absichtlich eingeschaltet, damit sie ihre ganzen Selfies auf Instagram posten kann... Und warum kann sie nicht einfach warten, bis sie nach Hause kommt, und dann mit uns FaceTime-en?" Kein Wort stammt mehr von Strindberg.

Das Wortgefecht, das sich Peters und Wuttke liefern, als sie nachts volltrunken durchs Hotel wüten, funkelt dabei vor sarkastischen Pointen in gekonnten amerikanischen Drehbuch-Dialogen. Doch wenn sich die Abgründe der Figuren à la Strindberg auftun müssten, plätschert diese Alltagssprache viel zu seicht vor sich hin.

Im dritten Teil wird aus dem Boulevard-Stück ein Inferno. Der Mann, der seine Frau aus Eifersucht totgeschlagen hat und Martin Wuttkes Figur Alfred sitzen in der Psychiatrie, zwischen ihren Identitäten, Jahre und Namen verschwimmen. Wuttke wütet gegen die intriganten Frauen und gefühlskalten Mütter, bei denen der Mann seine Würde verliert.

Netflix-Theater

Die drei Akte des Stücks sind heterogen: von der seichten Telenovela geht’s zum zugespitzten Boulevard, hin zum fast surrealen Psychiatrie-Breakdown. Doch der Abend bleibt nicht nur sprachlich seicht, sondern im wahrsten Sinne hinter Glas – die Figuren können einen nicht berühren.

Bei Stones Arbeiten fällt nicht ohne Grund gern der Begriff Netflix-Theater – auf keinen seiner Abende passt die Zuschreibung so gut wie hier. Fürs Glotzen in die sechs Zimmer hätte man am liebsten eine Cola mit in den Saal genommen und die Füße hochgelegt. Unterhaltsam ist das zumindest zwischenzeitlich, doch diese "Serie" hat mindestens zwei Folgen zu viel. Und wie das so ist nach zu viel Geflimmer und Gezappe: Am Ende weiß man kaum mehr, was man eigentlich gesehen hat. Mit Strindbergs düsteren Gefühlswelten hat der Abend, aller Jurybeteuerungen zum Trotz, wenig zu tun.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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