"Tartuffe oder das Schwein der Weisen", Theater Basel
Priska Ketterer
Bild: Priska Ketterer

Theatertreffen 2019 im Haus der Berliner Festspiele - "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen"

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Kaum war Molières Komödie "Tartuffe" 1664 uraufgeführt, wurde sie auch schon verboten: Der fromme Heuchler Tartuffe, der sich gar nicht an Gott ergötzt, sondern an Geld und Sex, empörte die katholische Kirche. Heute ist die einzige erhaltene und bereinigte Fassung auf vielen Bühnen zu sehen – Heuchler und solche, die ihnen erliegen, gibt es ja auch im 21. Jahrhundert zuhauf. "Tartuffe oder Das Schwein der Weisen" heißt die Basler Inszenierung, mit der die Regisseurin Claudia Bauer nun beim Theatertreffen gastiert, neu geschrieben von PeterLicht.

Bis auf die Figurenkonstellation hat die sogenannte "Überschreibung" jedoch nichts mit Molière zu tun. Hier gibt es den Tüffi und den Orgi, statt Tartuffe und dessen Gönner Orgon. Der Tüffi, der ist ein Schwein und deshalb lästern der Dami, die Elmi, die Dori und der Cléi über ihn. Nur die Perni und der Orgi, die finden den Tüffi geil. Und der Orgi, der will seine Tochter Marianne mit dem Tüffi verkuppeln, der Tüffi will aber lieber mit der Elmi "kontextualisieren" – also ins Bett gehen. Die Elmi ist aber schon mit dem Orgi kontextualisiert – also verheiratet.

In der ersten Stunde geht es aber erst mal um die Ungeilheit der Welt und die Tendenz der Entgeilisierung. Hier gibt es keine Geilheit im Ungeilen und keine Ungeilheit im Geilen. Später ähnliches Spiel mit dem Wort Penis: Tüffis Sprache, sagt er, sei allein aus Penissen zusammengesetzt. Mit unserem Kapitalpenis sind wir drin in der Welt. Dort, wo der Penis ist, wird unsere kapitalistische Ausstülpungslogik gelebt. Alles klar?

PeterLicht will damit unsere männlich beherrschte Welt vorführen, er kritisiert den Kapitalismus, aber auch den hohlen, konformistischen Szene-Sprech der pseudocoolen, aber doch ziemlich gewöhnlichen Hipster. Eine Sprach- und Gesellschaftskritik, die zwischendurch mit schönen, kleinen Aphorismen durchzogen ist. Den einen oder anderen Abschnitt könnte man sich gut als Pop-Song ganz in PeterLicht-Manier vorstellen. Zwischendurch singt der Schauspieler Florian von Manteuffel tatsächlich ein Lied: Da fühlt er sich als Leihbonbon, ausgelutscht, im Lande der Lutscher – das ist dann auch schon der Höhepunkt des Abends. In der kleinen Form mag der Text funktionieren – nicht aber als Grundlage für einen dreistündigen Theaterabend. Diese Gesellschaftskritik ist weder neu noch abendfüllend.

"Tartuffe oder das Schwein der Weisen", Theater Basel
Bild: Priska Ketterer

Banales Gerede

Claudia Bauer will das Stück als schrille Polit-Pop-Komödie erzählen, doch die Gags sind derart flach, es wird so viel herumgestanden und gequasselt, dass vor allem die erste Stunde quälend ist: Ein quietschbunter Chor steht in parodierten Rokoko-Kostümen auf der Bühne, mit gigantischen Pluderhosen und turmhohen Perücken, hinter ihnen eine zweigeschossige Landhausfassade, die sich dreht und für allerlei Tür-auf-Tür-zu-Slapstick genutzt wird.

Tiefpunkt dann die Szene, als ewige Minuten darüber gequatscht wird, ob Marianne sich Nasenhaar-Extensions machen lassen würde, wenn der Orgi darauf besteht. Weil der Tüffi doch auch Nasenhaar-Extensions hat – und das ist ja so geil! Klar, dieses Gequassel ist Konzept – doch das macht es nicht besser. Was als banales Gerede unserer Zeitgeistgesellschaft demaskiert werden soll, wirkt hier selber nur banal.

Ein widerliches Schwein

Im zweiten Teil hat zumindest die geschwätzige Rumsteherei zeitweise ein Ende. Der Tüffi tritt endlich auf – ein widerliches Schwein, mit Gummischweinemaske überm Gesicht und fettigen Haaren. Er hat einen gigantischen Penis umgebunden, aus seinem Hals kommen Brunftschreie, die ein Musiker mit einer verzerrten Posaune erzeugt. Dieser Tüffi wird letztlich entlarvt als "gewöhnlicher Sex-Schamane", der alle zur Kasse bittet, weil sie schließlich an seinem Workshop teilgenommen hätten. Hinter jeder Figur, so die etwas schlichte Einsicht, steckt jemand anderes – überall Lüge und Betrug.

Eher mainstreamig als avantgardistisch

Man muss schon sehr auf grelles Pop- und Trash-Theater, auf Schnipsel-Kultur, Witzelei und überzeichnete Komik-Figuren stehen, um den Abend unterhaltsam zu finden statt einfach nur nervtötend. Hier kommt exemplarisch zusammen, was das angeblich bemerkenswerte Theater, das von der Jury gehypt wird, oft so schwer erträglich macht: pseudo-intellektuelles, postdramatisches Theater mit abgestandener 90er-Jahre Ironie, eher mainstreamig als avantgardistisch. Die Live-Videos von hinter der Bühne erinnern an Frank Castorf, die Laberkaskaden kann René Pollesch besser und zugespitzter.

Ziemlich frustrierend, dass die Jury dieses Jahr auf so viele etablierte Namen gesetzt hat – und bislang alle von ihnen mit einer schwächeren Arbeit auf dem Festival zu sehen waren.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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