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Hebbel am Ufer - HAU 2 - "Black Privilege"

Bewertung:

Die südafrikanische Tänzerin und Choreographin Mamela Nyamza ist gerade zu Gast beim Berliner Hebbel am Ufer, beim Festival „The Present is not enough“, mit Tanz, Performance und Installationen von Künstlern aus aller Welt. Mamela Nyamza gilt als eine der wichtigsten Tanzkünstlerinnen Südafrikas und zeigt ihr aktuelles Stück „Black Privilege“, „Schwarze Privilegien“.

Choreographin, Tänzerin, Aktivistin – Kritik an Gegenwart Südafrikas

Diese Choreographie ist ein bitter-trauriger Kommentar von Mamela Nyamza zu ihrer Stellung in der Gesellschaft Südafrikas: als Künstlerin und als Frau, als schwarze und lesbische Frau und als Mutter zweier Kinder.

Welche Privilegien für schwarze Menschen sollen das sein, fragt sie mit dem Titel des Stückes – es gibt keine, lautet ihre Antwort.

Mamela Nyamza, in Kapstadt geboren, im klassischen Ballett und an der renommierten Alvin-Ailey-Schule in New York im zeitgenössischen Tanz ausgebildet, versteht sich auch als politische Aktivistin. Sie sieht die Vision von der Regenbogennation Südafrika als gescheitert an, kritisiert in ihrer Arbeit und in Interviews zunehmende Rassentrennungen, das Abschotten der ethnischen Gruppen, ein Klima der Angst, kritisiert fehlende Chancengleichheit für Menschen schwarzer Hautfarbe.

Bildhafte Metaphern und Symbole

Und all dies vermittelt sie, indem sie ihre Kritik in bildhafte Symbole und Metaphern übersetzt. Ihre Spielfläche ist z.B. ein recht kleines Quadrat mit Schachbrettmuster, das Publikum sitzt an drei Seiten darum herum. Diese Spielfläche ist mit roten Kordeln und goldenen Stangen umgeben wie ein VIP-Bereich, eine exklusive Zone, die nicht jeder betreten darf, für die es Zugangsbeschränkungen gibt. Allein schon in diesem Bühnenbild finden sich die Themen Abschottung und Ausschluss – so wie Nyamaza für ihre Kunst kaum staatliche Förderung erhält und keine Räume findet, um sie zu zeigen. Die Theater, sagt sie, würden von Weißen geführt, die allein entscheiden könnten, wer seine oder ihre Kunst zeigen darf und wer nicht.

Black Privilege ©Hebbel am Ufer/ Yazeed
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Königin, Hohepriesterin und Gefangene

Es finden sich viele derartige gleichnishafte Bilder und Szenen, mit denen sie ihre konkrete Kritik an den sozialen Verhältnissen in Südafrika ausdrückt. Sie selbst wird etwa auf einer Art hohem fahrbaren Thron hereingefahren, auf dem sie steht, sitzt, liegt und bewegt wird. Mit dem vielen Schmuck auf dem Kopf, an Hals, Armen und Beinen könnte sie eine Königin oder Hohepriesterin sein – sie blickt jedenfalls königlich abweisend auf uns Zuschauer herab.

Später reicht ihr Assistent, eine Art Zeremonienmeister im roten Mantel, der auch uns Zuschauer dirigiert, aufstehen und wieder hinsetzen lässt, einen Speer und eine Waage und sie wird zur Kriegerin und zu einer Art Göttin der Gerechtigkeit und das mit sehr traurigem, bekümmertem Blick. Es gibt keine Gerechtigkeit, so die Botschaft und sie selbst wirkt zunehmend als Gefangene eines unveränderbaren Systems.

Vibrations-Platte – Verlust von Eigenständigkeit und Freiheit

Das zentrale Element der Choreographie ist eine Vibrations-Platte, eine Power Plate, wie sie in Sportstudios oder als Home-Trainer verwendet wird, um Muskelkontraktionen auszulösen und die Muskeln somit zu trainieren.

Mamela Nyamzasie wird auf dieser Platte komplett durchgerüttelt: stehend, sitzend, auf dem Bauch oder dem Rücken liegend. Sie ist dem Gerät ausgeliefert, verliert ihre Bewegungs-Freiheit, die Herrschaft über ihren Körper, wird an ihrer Entfaltung als Tänzerin, als Mensch gehindert.

Ähnlich ist es, wenn gegen Ende die kühle Stimme eines Navigations-Gerätes erklingt: "geradeaus fahren", "in 500 Metern rechts abbiegen". Auch hier ist sie ihrer Freiheit beraubt und reagiert darauf, indem sie vom Thron herabgeklettert und mühsam über den Boden robbt. Auf dem schwarzweißen Schachbrett-Muster hinterlässt sie dabei braune Spuren – ihr Körper ist mit bronzener Farbe eingerieben.

Ausgeliefertsein, der Verlust von Macht über sich selbst und der Freiheit, selbstbestimmt zu handeln – das sind die Themen dieser Choreographie.

Karger minimalistischer Ansatz – beeindruckende Performerin, eigenständige künstlerische Handschrift

Einer überzeugenden Choreographie in einem kargen, minimalistischen Arrangement, zumeist in völliger Stille. Dies ist Konzeptkunst, die einiges an Vorwissen verlangt, um das Geschehen deuten, in Kontexte setzen zu können – dafür sind die Bilder und Szenen eindrücklich und Mamela Nyamza ist eine sehr beindruckende Performerin und Persönlichkeit.

Und wenn man den Kontext mitdenkt, dass sie jedes Klischee von afrikanischem Tanz unterläuft, derartige falsche Erwartungen eher wie ein Spiegel zurückwirft, dass sie sich von starken, wenngleich auch mitunter umstrittenen Frauen Südafrikas inspiriert sieht: etwa von Winnie Mandela oder von der unumstrittenen Germaine Acogny, der berühmten Choreographin aus dem Senegal, maßgeblich für den zeitgenössischen Tanz in ganz Afrika – dann ist das ein sehr starkes Stück.

Eine ganz eigene Vision von politisch motiviertem zeitgenössischen Tanz, der nach Unabhängigkeit auch von amerikanisch-europäischen Vorbildern strebt, der über eine starke eigenständige künstlerische Handschrift verfügt.

Das Publikum ist recht irritiert aus dem Saal gegangen – zumal uns der Zeremonienmeister sanft, aber sehr bestimmt des Saales verwiesen hat und es keinen Schluss-Applaus gab.

Frank Schmid, rbbKultur

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