Der Club der toten Döner; © Prime Time Theater
Bild: Prime Time Theater

Prime Time Theater - "Club der toten Döner"

Bewertung:
Seit 15 Jahren nimmt das Prime Time Theater mit seiner Bühnensitcom "Gutes Wedding, schlechtes Wedding" den Kiez liebevoll parodistisch aufs Korn. Trotz Insolvenz hat es nun die 123. Folge herausgebracht: "Der Club der toten Döner"

Das Prime Time Theater hat viele Fans und Stammgäste, das macht sich besonders bei der Premiere bemerkbar. Als der Theaterleiter und Schauspieler Oliver Tautorat zu Beginn mit brauner Vokuhila-Perücke und gelbem T-Shirt mit dem Schriftzug "Prost" darauf die kleine Bühne betritt, erntet er Begeisterungsstürme. Und als er dann fragt: "Wen oder wat freu ick?" brüllt das Publikum in bestem Berlinerisch: "mir". Das wird wie ein Schlachtruf mehrfach wiederholt.

Oliver Tautorat teilt in einer Art Vorspiel erst einmal solo aus: Die Schickimicki-Prenzlberger bekommen ihr Fett weg, genauso wie die Veganer und die jungen, genderverwirrten Friedrichshainer. Gleichzeitig scharf und liebenswürdig, bodenständig und sehr Wedding – immer mit viel Resonanz beim Publikum.

Der Club der toten Döner; © Prime Time Theater
Bild: Prime Time Theater

Esra hat das Abitür

Die Geschichte in "Der Club der toten Döner" läuft dann so: Das türkischstämmige Mädchen Esra steht mächtig unter Druck. Sie soll nach dem Abitur Anwältin werden, so will es ihre Mutter Hülya, schreiend komisch gespielt von Oliver Tautorat. Er zieht alle Register einer türkischen Übermutter, mit viel Drama und vielen Üs in der Sprache.

Hülya ist stolz, dass ihre Tochter als erste in der Familie das Abitür gemacht hat. Und Onkel Ahmed versucht Esra dazu zu bringen, in sein Dönergeschäft einzusteigen. Aber das schlaue Kopftuchmädchen weiß nicht, was es will – und ihm wird von einem schrägen Lehrertrio bei einem Treffen nachts in einer Höhle auf den kreativen Weg geholfen. Hier kommt die Referenz auf Buch und Film "Der Club der toten Dichter" ins Spiel, wo ja auch ein Lehrer die Schüler bei konspirativen Treffen in einer Höhle mit Poesie zum selbstständigen Denken anregt.

Doch das ist nicht der einzige Handlungsstrang und nicht die jeweils einzige Rolle für die vier Schauspielerinnen und Schauspieler. Oliver Tautorat zum Beispiel ist gleich viererlei: die türkische Mutter Hülya, der Kiffer Curly, der im Comicladen arbeitet und nichts auf die Reihe kriegt, der bayerische Schulrektor und der Postbote Kalle, der seinen Neffen, den Nerd Kevin, bei dessen erstem Date auf die Sprünge helfen will, was natürlich ordentlich schief geht – und was das Publikum zu lauten Mitleidsäußerungen veranlasst.

Kieziges Volkstheater – aber die Zukunft ist noch ungewiss

Insgesamt ein schräger und lustiger Abend, wenn auch an manchen Stellen etwas zu klamaukig. Aber das ist Volkstheater und es passt sehr gut in den Wedding und nach Berlin. Die Augen und Ohren sind aufgesperrt in den Kiez, wie die Menschen dort reden, was sie bewegt, liebevoll und witzig aufbereitet.

Was die Zukunft des Prime Time Theaters betrifft, so ist sie weiterhin ungewiss. Das Insolvenzverfahren wird im August eröffnet. Jetzt hat sich jemand gefunden, der das Theater im Sinne Oliver Tautorats übernehmen und weiterbetreiben möchte. Die Frage ist, ob der Vermieter, offenbar ein Immobilienfonds mit Sitz in Zypern, bereit ist, mit ihm einen neuen Mietvertrag abzuschließen, ohne utopisch hohe Mietforderungen.

Andrea Handels, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Uckermärkische Bühnen Schwedt: "Nürnberg"; © Udo Krause/UBS
Udo Krause/UBS

Uckermärkische Bühnen Schwedt - "Nürnberg"

Schwedt liegt näher an Stettin als an Berlin. Deshalb blickt die Leitung der Uckermärkischen Bühnen schon lange nach Osten. Da passt es, dass zur Spielzeiteröffnung ein Stück auf dem Programm steht, dass sich mit der jüngeren Geschichte Polens auseinandersetzt.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Volksbühne: Eine Odyssee, hier: Daniel Nerlich (Odysseus); © Vincenzo Laera
Vincenzo Laera

Volksbühne - "Eine Odyssee"

Die Pause reicht gerade, um sich notdürftig zu erholen vom akustischen und visuellen Overkill der vergangenen beiden Stunden. Zuletzt hatte Jella Haase so ausdauernd nach "Gerechtigkeit!" geschrien, dass man selbst als Verteidiger derselben ihre glitzernde Bling-Bling-Helena gern – nur kurz! – zum Schweigen gebracht hätte.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: