Schaubühne am Lehniner Platz: Prometheus; hier: Florian Anderer, Carol Schuler; © Thomas Aurin
Thomas Aurin
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Prometheus"

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Prometheus ist wahrlich kein Unbekannter in der griechischen Mythologie: Er bringt den Menschen das Feuer, obwohl Göttervater Zeus es ihm verboten hat. Zur Strafe wird er an den Kaukasus gekettet und täglich von einem Adler malträtiert – bis Herakles ihn eine Ewigkeit später befreit. Keine lustige Geschichte also. Eigentlich.

An der Schaubühne inszeniert den Stoff jetzt aber der Schauspieler Bastian Reiber – und der gehört zur Stamm-Truppe von Herbert Fritsch, dem großen Theaterkind und Fan von Unsinn, Dada und Artistik.

Reiber führt zum ersten Mal Regie an der Schaubühne, auf der kleinen Studio-Bühne. Ein großartiger Komiker, Clown, Performer, der bei der Verleihung des Boy-Gobert-Preises 2015 treffend als "Kronprinz des Slapstick" betitelt wurde. Weil Reiber mit auf der Bühne steht, war es keine Überraschung, dass hier nicht mit heiligem Ernst der Prometheus-Mythos nacherzählt wird.

Carol Schuler, ebenfalls eine wunderbare Fritsch-Schauspielerin, betritt als Erste die Bühne und hebt sogleich zum pathetischen Rezitieren an, über das Titanengeschlecht, zu dem Zeus und Prometheus gehören. Während sie textsicher proklamiert, tritt Reiber ihr als Verstärkung dieses Mini-Antikenchors zur Seite. Den Text hat er aber ganz offensichtlich noch nie gehört – eine erste gelungene Slapstick-Nummer. "Prometheus: kennt ja jeder" rettet er sich, weshalb der Mythos an diesem Abend unerzählt bleibt.

Gesprochen wird ohnehin wenig – gut so, die stärksten Szenen bleiben ohnehin jene ganz ohne Text. Eine Abfolge von Clownerien beginnt, sehr lose an Prometheus' Geschichte angelehnt. Insgesamt vier Spieler aus der Komik-erprobten Fritsch-Truppe treten auf, auch Florian Anderer und Axel Wandtke. Virtuose Körper-Clownerien wechseln sich mit präzisen Slapstick-Choreografien ab.

Schaubühne am Lehniner Platz: Prometheus; hier: Carol Schuler, Florian Anderer; © Thomas Aurin
Carol Schuler, Florian Anderer | Bild: Thomas Aurin

Der Heilsbringer will nicht kommen

Auf der Bühne ist ein großer Kreis mit Sägespänen ausgelegt, darauf ein kleines Holzhaus. Ein Pärchen in ausgebeulten, hautfarbenen Gymnastik-Anzügen watschelt umher – sie sehen aus wie schlecht modulierte Knetmännchen, und das sollen sie wohl auch sein: Das von Prometheus aus Lehm geschaffene Menschengeschlecht. Karikaturen mit allerlei Ticks und nervösen Zuckungen, die hier auf ihren Erlöser warten und warten und warten. Doch der Heilsbringer mit dem Feuer will einfach nicht kommen.

Also muss man sich irgendwie die Zeit vertreiben. Umständlich wird eine "Welcome"-Girlande aufgehängt, ein Ein-Wort-Liebeslied ("Baby, Baby, Baby!!") geröhrt, die Sägespäne werden zurecht gerecht, die nervösen Zuckungen bei einem gekonnten Trommel-Solo abgelassen. Carol Schuler führt vor, was man mit einem profanen Fächer so alles anstellen kann und Florian Anderer zählt schlicht Getreidesorten auf.

Lustig ist das immer dann, wenn die wachsende Ratlosigkeit in diesem Ausharren spürbar wird. Die depressive Lethargie oder die schrille Hyperaktivität, in die das Warten mündet.

In einer geradezu rührenden Szene knetet Florian Anderer aus purer Langeweile einen Brotteig – und gebiert ein neues kleines Knetmännchen. Schwupps, verwandelt es sich in den großen Knetmann Axel Wandtke, der unterm Tisch hervorkrabbelt. Blöd nur, dass der "Neue" zu sprechen beginnt. In einer viel zu langen Szene stellt er sich als Andre Agassi vor, der gleich sein letztes Tennis-Tournier verlieren wird – ohne Haar-Toupet, das hat sich zuvor aufgelöst, klagt er ... Albernes Gerede, das ganz und gar nicht zündet. Geschriebene Sprache, das merkt man gleich, ist Reibers Sache nicht.

Ein kleiner Fritsch-Abend

Zuvorderst gelingt Bastian Reiber eine handwerklich gut entworfene und virtuos performte Slapstick-Revue. Doch gerade die missglückte Agassi-Szene zeigt, dass es dem Regisseur auch um ein lockeres Abarbeiten an den modernen Göttern geht – um Stars, die sich zu Heilsbringern erheben lassen. Auch Prometheus entpuppt sich als solcher: Er taucht am Ende als eitles, blondes Pop-Sternchen in Tennis-Montur auf, singt Achtzigerjahre-Hits an und wird schließlich von den eigenen Knetmännchen überwältigt und gefesselt – weil er das Feuer gar nicht mitgebracht hat. Enttäuschung! Göttersturz!

Doch die Menschen, so die Schlusspointe, finden schnell ein anderes Objekt, das sie anbeten können. Eine nicht besonders tiefgründige oder erschütternde Aussage – aber doch schlüssig. Das Timing, die Selbstironie, das vorgetäuschte Understatement der Schauspieler, die hier mit viel Lust zugange sind, macht Spaß. Ein kleiner Fritsch-Abend, wenn man so will.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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