Bühnenszene: "SPATZ UND ENGEL"
Barbara Braun/drama-berlin.de
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Renaissance Theater - "Spatz und Engel"

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Edith Piaf und Marlene Dietrich sind Ikonen der Musik- und Kino-Geschichte, Stoff für Märchen und Mythen. Der "Spatz aus Paris" und der "blaue Engel" aus der Verfilmung von Heinrich Manns "Professor Unrath" sind unvergessen. Das abenteuerliche Leben und die unzähligen Affären Diven regen die Fantasie von Künstlern und Fans immer wieder als neue an. Im Renaissance Theater werden die Jahrhundert-Sängerin Edith Piaf und die singende Schauspielerin Marlene Dietrich jetzt zu neuem Leben erweckt: "Spatz und Engel" heißt das von Torsten Fischer inszenierte Theaterstück mit Musik, das gestern Abend Premiere feierte.

Edith Piaf und Marlene Dietrich haben sich tatsächlich gekannt und gemocht, sind sich kurz nach dem Krieg in New York begegnet und haben sich immer wieder getroffen.

Marlene Dietrich hat bei ihren legendären Auftritten in Las Vegas und London einige der Piaf-Chansons gesungen, z. B. "La vie en rose". Sie war Trauzeugin bei der Hochzeit der Piaf mit dem französischen Sänger Jacques Pills 1952, die Ehe währte - wie so vieles im Leben der unglücklichen Piaf - nicht lange und wurde 1956 wieder geschieden.

Natürlich ist es ziemlich reizvoll sich vorzustellen, was wohl die beiden Gesangs-, Schauspiel- und Stil-Ikonen künstlerisch und privat verband, wie sie miteinander ausgekommen sind, denn gegensätzlicher könnten zwei Frauen ja kaum sein: Hier die aus armen Verhältnissen stammende Piaf, die im Zirkus- und Gauner-Milieu aufwuchs, eher klein und häßlich war, Alkohol-abhängig und Morphium-süchtig, aber mit einer göttlichen Stimme gesegnet, die einen durch Mark und Bein geht und tief ins Herz trifft.

Dort die aus gutbürgerlichem Hause stammende Dietrich, die Musik- und Schauspiel-Unterricht hatte, in Hollywood zur androgynen Mode-Ikone avancierte und deren rauchiger Sprech-Gesang vielleicht nicht besonders schön, dafür aber erotisch besonders anregend ist.

Ein Musikstück mit ein bisschen Theater

Das Theaterstück mit Musik, das genau genommen ein Musikstück mit ein bisschen Theater ist, konzentriert sich darauf, ein Gazetten-Gerücht als historische Wahrheit auszugeben und die schlüpfrige Kolportage musikalisch und darstellerisch zu bespielen.

Es geht dabei um die Vermutung, dass Edith Piaf und Marlene Dietrich nicht nur befreundet waren, sondern eine lesbische Liebesbeziehung hatten, in der Marlene Dietrich die Rolle der mütterlichen Beschützerin und künstlerischen Wohltäterin spielte, die Piaf lange Zeit alle Affären und Ehen verzieh, bei allen Alkohol-Abstürzen und Drogen-Entgleisungen und Ehe-Depressionen mit Rat und Tat zur Seite stand, schließlich aber aus Verzweiflung und Selbstschutz ihrer geliebten Edith den Rücken kehrte und der Geliebten Adieu sagte.

In einer Art Ouvertüre werden wir Ohren-Zeuge eines Doppelkonzerts im Jahre 1960: Die Dietrich singt ihre Songs in Baden-Baden, die Piaf parallel dazu ihre Chansons in Straßburg, aber die Dietrich will nichts davon wissen, dass ihre ehemalige Freundin nur wenige Kilometer entfernt gastiert und ein Treffen schnell zu arrangieren wäre.

Dann wird in einer großen Rückblende gespielt und gesungen, wie die beiden sich 1947 in New York kennenlernen, wie die Dietrich sich der in Amerika fremd fühlenden Französin behilflich ist, Fuß zu fassen, Auftritte zu bekommen, Karriere zu machen, wie die beiden sich Knall auf Fall ineinander verlieben und im Bett landen.

Wir erleben danach die beiden Diven bei ihren Konzerten in Las Vegas, Paris und London, und immer wieder wird die Piaf sich in andere Männer verlieben und von ihnen enttäuscht werden und immer wieder wird die Dietrich ihre Freundin beschützen und retten und dafür sorgen, dass sie nach ihrem nächsten Absturz in eine gute Reha-Klinik kommt und wieder auf die Bühne zurückkehren und singen kann.

Denn darum geht es ja in dieser zweistündigen Inszenierung vor allem: um die Lieder, Songs und Chansons, die wir alle kennen, um "Le Chevalier de Paris" und "Padam Padam", "Mylord" und "La vie en rose", um "Sag mir wo die Blumen sind" und "Schöner Gigolo".

Als wäre es das Leichteste der Welt

Die Deutsch-Griechin Vasiliki Roussi hat Edith Piaf und die zwischen kindlicher Naivität und vulgärem Jargon pendelnde Ausdrucksweise des Pariser Gossen-Mädchens voll drauf. Sie hat auch in vielen Musicals mitgewirkt und ist eine großartige Sängerin: Liebes-Leid und Welt-Schmerz der Chansons sind bei ihr bestens aufgehoben. Und wenn sie nicht herzzerreißend singt, ist sie eine nölende, weinende, sabbernde, todkranke Frau, die nur eines will: auf der Bühne stehen und sich an der Liebe ihres Publikums erwärmen.

Und ob Annika Mauer mit blonder Perücke, schwarzem Hosenanzug oder hautengem Abendkleid auftritt: Als Wiedergängerin von Marlene Dietrich kann sie voll überzeugen, verbal glänzt sie mit beinharter Berliner Kodderschnauze, gesanglich mit erotischer Anzüglichkeit. Sie hat das alles drauf als wäre es das Leichteste der Welt.

Bühnenszene aus "SPATZ UND ENGEL"
Bild: Barbara Braun/drama-berlin.de

Konzentration auf das Wesentliche

Guntbert Warns und Ralph Morgenstern sind Stichwortgeber und Staffage, sie halten mal ein Mikro oder überreichen ein paar Blumen, gestehen ihre Liebe oder sagen ein Gedicht auf oder ein Konzert-Abend an, all die Kellner und Manager, Liebhaber und Ehemänner, Boxer und Sänger haben keinen erkennbaren Charakter und kein eindeutiges Gesicht. Es können also immer dieselben Schauspieler ohne große Verkleidung kurz in die Rolle hinein und wieder hinaus schlüpfen.

Konzentration auf das Wesentliche ist das Motto: Deshalb gibt es auch auf der fast leeren Bühne nur einen riesigen Spiegel, in dem die Diven und auch das Publikum sich selbst von allen Seiten betrachten kann.
Außerdem gibt es nur zwei Musiker, am Klavier Harry Elmer, am Akkordeon Eugen Schwabauer, und das reicht, denn die beiden stricken nur sensibel den musikalischen Teppich, auf dem sich die beiden Gesangs-Diven und Stil-Ikonen sich räkeln und suhlen dürfen.

Wenn die todgeweihte Piaf zum Schluss ihr trotziges "Non, je ne regrette rien" heraus grölt, gibt es kein Halten mehr und das Publikum dankt allen Beteiligten mit stehenden Ovationen.  Auch ich bedaure nicht, an diesem Abend im Renaissance-Theater dabei gewesen zu sein, aber ein wenig mehr dramaturgische und schauspielerische Raffinesse, dann wäre aus dem vorzüglichen Lieder-Reigen vielleicht wirklich ein großer Theater-Abend geworden.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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