Theater Thikwa: Extremities; © Florian Krauss
Florian Krauss
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Theater Thikwa - "Extremities"

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Seit seiner Gründung 1991 steht das Berliner Theater Thikwa für lustvolles, poetisches und politisches Theater von und mit Menschen ohne und mit Behinderungen. Gestern Abend hatte eine neue Choreografie Premiere: "Extremities".

Darin hat die Choreografin Linda Weißig nicht weniger als die Utopie einer friedlichen, offenen und diversen Gesellschaft entworfen. Die entsteht dann, wenn jedes Anderssein vollständig respektiert wird und sich in all seinen Formen verwirklichen und ausdrücken kann. Denn auch, wenn hier wie immer bei Thikwa die Frage, wer von den neun Tänzerinnen und Tänzern welche Behinderung hat oder auch nicht hat, keinerlei Rolle spielt, so ist doch das Thema des Andersseins und der Ausgrenzung präsent.

Linda Weißig spielt parabelhaft mit der Entwicklung eines Menschen von der Eizelle bis zur erwachsenen Persönlichkeit und zeigt Irrwege und Abwege der Entwicklung und am Ende ihre freudvolle Utopie.

Theater Thikwa: Extremities; © Florian Krauss
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DNS-Doppelhelix als Metallskulptur

All dies zeigt die Tänzerin und Choreografin vor allem mit Bewegung und Tanz: Weißig, Ende 40, kann auf eine lange Berliner Karriere zurückblicken. Schon seit 2007 arbeitet sie mit dem Theater Thikwa. Weißig setzt allerdings auch Videobilder ein – flackernde und flimmernde Maximal-Vergrößerungen von Eizellen, aus denen irgendwann alles entstehen könnte.

Und sie setzt auf ein ausdrucksstarkes Bühnenelement: eine mehr als vier Meter hohe Metallskulptur, geformt wie die DNS-Doppelhelix. Diese Doppel-Strang-Schraube steht als Bild für die Individualität und Einzigartigkeit eines jeden Menschen. Und sie dient als eine Art Klettergerüst für die Tänzer, für ihren Weg von der Eizelle zum Menschen, den Weißig in ihren körpersprachlichen Bewegungen und expressivem Tanzstil darstellen lässt.

Theater Thikwa: Extremities; © Florian Krauss
Bild: Florian Krauss

Selbstwerdung von der Zelle zur Persönlichkeit

So liegen die Tänzerinnen und Tänzer in weißen Shorts und T-Shirts anfangs seitlich auf dem Boden, wälzen sich hin und her, sind noch verfangen in kreatürlichen, ungeformten und unpersönlichen Bewegungen. Sie sind zunächst einzelne Zellen und bilden dann Zellhaufen, ballen sich kriechend und windend zusammen, erheben sich und wachsen zu einem Gruppenkörper.

Alle stehen eng beieinander und zersplittern dann in Duos und Trios, in denen sie sich umeinander winden, einander umkreisen, freundlich und genießerisch und achtsam-wohlwollend und jede und jeder allmählich ganz bei sich selbst.

Diese Selbstwerdung hat Linda Weißig in ein für das Theater Thikwa typisches poetisches Bild verwandelt: Die Tänzer schlüpfen unter dünne, durchsichtige Plastikplanen, tauchen als verschwommene, geheimnisvolle Körper auf, tauchen unter den hochgeworfenen, schwebenden Planen hindurch, tanzen mit fliegenden Armen, schnellen Sprüngen und strahlendem Lächeln.

Menschheitsutopie, Irrwege und Abwege

Um die Abwege, in die eine Gesellschaft geraten kann, zu zeigen, hat Linda Weißig zu einem sehr einfachen Mittel gegriffen. Sie lässt die Tänzer im Stechschritt auf der Stelle oder im Raum marschieren, als gleichförmige, uniforme Masse. Es ist ein Irrweg, so die Botschaft, alles Individuelle, Einzigartige und Andere gleich machen zu wollen. Es ist ein Abweg, auf vermeintliche körperliche Normen zu achten: schön, jung, schlank, sportlich.

Hier wird eine Kritik am Optimierungswahn deutlich und an vermeintlichen Körper-Schönheits-Idealen, auch an Effizienz-Steigerung durch Anpassung an Werte der Nutzbarkeit und Verwendbarkeit.

Pränatal-Diagnostik

Diese Kritik steht im Mittelpunkt der Choreografie, wie auch die Kritik an einer uneingeschränkten Nutzung der Pränatal-Diagnostik, die bedenkenlos angewendet, verhindern würde, solche Persönlichkeiten wie die Tänzer, Schauspieler und Performer vom Theater Thikwa auf der Bühne sehen zu können – sie hätten sich schlichtweg nicht entwickeln dürfen.

Linda Weißig übersetzt ihre Kritik auch, indem sie die Tänzer aus dem uniformen Marschieren in ein Stoßen und Rangeln, in eine Kampfszene stürzen lässt – jeder gegen jeden, ohne Rücksicht, Freundschaft und Fürsorge – eine barbarische Welt, in der aus dem Weg geräumt wird, wer schwächer zu sein scheint.

Gesellschaftsutopie

Linda Weißigs Menschheits- und Gesellschaftsutopie ist dem erhebenden Finale vorbehalten. Alle Tänzer stehen in ihren persönlichen, individuellen Posen an der Metallskulptur und schauen uns Zuschauer an, als wollten sie sagen: "Wir sind, wer wir sind, kommt damit klar."

Dann wird aus der bis dahin zwar dramatisch auftrumpfenden, zumeist jedoch etwas beliebigen Elektro-Pop-Musik eine Art Rap- und Hip-Hop-Sound und jede und jeder Einzelne tritt nach vorn, hat einen Solo-Auftritt, tanzt frei, ungezwungen und ungezügelt, bevor sich alle zur strahlend lächelnden Gruppe vereinen.

Ein wunderschönes Finale für ein starkes Stück.

Frank Schmid, rbbKultur

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