Nach dem Kuss, Globe Ensemble Berlin, 2019 (Quelle: Magdalena Thalmann und Ted Siebert, Globe Berlin)
M. Thalmann, T. Siebert, Globe Berlin
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Globe.Berlin - "Nach dem Kuss"

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Berlin könnte bald ein Globe-Theater haben – eine kreisrunde Shakespeare-Bühne mit offenem Dach soll im nächsten Sommer auf der Charlottenburger Mierendorff-Insel eröffnet werden. Schon jetzt steht dort ein provisorisches Theater, das ein Gefühl dafür vermitteln soll, was in dem neuen Haus alles möglich ist …

"Nach dem Kuss" von Oliver Bukowski ist ein zeitgenössischer "Shakespeare-Schwank" – so steht es zumindest im Textbuch. Doch das Stück erfordert eine Spielweise, die mit Shakespeare wenig zu tun hat – derbes Volkstheater, das möglichst im Dialekt gespielt wird  – und damit sind die Schauspieler des Globe-Theaters überfordert. Wenn sie sprechen, wirkt es gestelzt. Die rotzige Direktheit, die das Stück braucht, ist kaum zu erahnen.

Es geht um Menschen, die – wie es im Text heißt – unter normal Null leben. Arbeitslose und Alkoholiker, die sich in einer Kneipe treffen, zusammen saufen und sich so ein bisschen Halt geben. Doch als Robbi seinen 30. Geburtstag feiert und sein bester Freund Dieter als Überraschung eine russische Sängerin engagiert, kommt das soziale Gefüge der Gruppe ins Wanken.

Robbi verliebt sich Hals über Kopf in die Russin, Heike findet das toll und verlangt von ihrem Mann, genauso angehimmelt werden. Doch der haut ihr nur ein blaues Auge. Reni, die in Robbi verliebt ist, fängt zum Schein eine Affäre mit Andi an. Sie will Robbi eifersüchtig machen. Als ihr das nicht gelingt, bringt sie sich um. Das wiederum treibt Robbi in die Verzweiflung. Er versucht, sich aufzuhängen, stirbt aber nicht, sondern wird zum Pflegefall.

Das Ende ist bitter, doch in den Dialogen jagt eine Pointe die nächste.

Romeo und Julia im Kneipenmilieu

Oliver Bukowski ist mit solchen Stücken in den Neunzigerjahren bekannt geworden – Stücken, die er "Hardcore-Schwänke" nannte. Er schrieb über Verlierertypen der Wendezeit, die meist in der Region verortet waren, aus der er selbst stammt – der Lausitz. In "Nach dem Kuss" ist der Ort nicht genau festgelegt, aber das Milieu schon. Es geht um Kneipenproletarier mit einem ziemlich niedrigen Fressen-Ficken-Fernsehen-Horizont.

Spannend ist, dass Bukowski genau in diesem Milieu eine Romeo-und-Julia-artige Liebesgeschichte spielen lässt. Robbi ist Romeo und die Russin seine Julia. Es gibt eine wunderbare Liebesszene zwischen den beiden und einen tragischen Schluss – damit enden die Shakespeare-Parallelen dann aber auch schon.

Im Spiel fehlt das Drastische

Anselm Lipgens stellt in seiner Inszenierung am Globe-Theater trotzdem die Romantik in den Vordergrund. Bei ihm geht es weniger um das Milieu, als um die beiden Verliebten. Und er setzt auf Mittel, die man schon aus der Romeo-und-Julia-Inszenierung des Globe-Theater-Chefs Christian Leonard kennt: Die Schauspieler machen Musik.

Die Saufkumpane in der Kneipe spielen gemeinsam in einer Band und bringen herrlich schräge Melodien zu Gehör. Zudem sind sie körperlich sehr aktiv. Wenn einer eine Ohrfeige bekommt, kann es passieren, dass er einen Salto rückwärts über den Kneipentisch macht.

Doch trotz dieses Schwungs wirkt die Inszenierung über weite Strecken ungelenk – vor allem aufgrund der Sprache. Die Texte werden viel zu brav aufgesagt, und auch im Spiel fehlt das Drastische. In der Kneipe wird gelallt, geschrien und gekotzt. Aber man hat immer das Gefühl, dass die Schauspieler neben ihren Figuren stehen.

Wut, Ekel, Verzweiflung – all die großen Emotionen, die in dem Stück stecken, kommen nur gebremst über die Rampe – und das, obwohl die Bühne in den halbrunden Zuschauerraum hineinragt und man sehr nah am Geschehen sitzt – das ist ja ein großer Vorzug des Globe-Theaters. Aber wenn die Schauspieler nicht mit ihren Rollen verschmelzen, sieht man das auch sehr genau.

Globe Berlin: Nach dem Kuss, hier: Magdalena Thalmann und Ted Siebert; © Nanova Photography
Magdalena Thalmann und Ted Siebert | Bild: Nanova Photography

Ein paar szenische Glanzlichter

Bei der Premiere haben nur die Szenen funktioniert, in denen das Milieu nicht so wichtig ist. Wenn sich zum Beispiel Juliane und Robbi begegnen und sie nur mit einem Handtuch, er nur mit einer Unterhose bekleidet ist, entsteht ein herrlich verdruckster Flirt. Die beiden wollen miteinander schlafen, trauen sich aber nicht, weil sie den jeweils anderen vergöttern. Ted Siegert und Magdalena Thalmann spielen das hinreißend, mit der Versoffenheit und dem Frust hingegen, die auch zu ihren Figuren gehören, haben sie aber Schwierigkeiten.

So gerät die Inszenierung immer wieder ins Stocken. Obwohl es ein paar szenische Glanzlichter gibt, bleibt der Gesamteindruck eher zäh.

Oliver Kranz, rbbKultur

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