Hau 2 | Moved by the Motion: Sudden Rise © Paula Court/EMPAC
Bild: Paula Court/EMPAC

The Present is not enough | HAU - Moved by the Motion: "Sudden Rise"

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"Moved by the Motion" heißt ein amerikanisches Performance-Kollektiv, das es hierzulande noch zu entdecken gilt. Ihr aktuelles Stück "Sudden Rise" war gestern im Berliner Hebbel am Ufer als Europapremiere zu sehen, beim HAU-Festival "The Present is not enough".

Wu Tsang und Boychild

"Moved by the motion" - das sind zwei Künstlerinnen: zum einen Wu Tsang, Filmemacherin, visuelle Künstlerin und Performerin – sie ist derzeit Artist in Residence am Berliner Martin Gropius Bau und wird dort im September eine Einzelausstellung zeigen und zum anderen Boychild, so nennt sich die Performerin, die wie Wu Tsang Teil der Drag- und Trans-Szene in Los Angeles ist. Beide sind Trans-Persönlichkeiten, befinden sich in Übergangsstadien zum anderen Geschlecht, wobei sie diese Formulierung vermutlich als binäre Geschlechter-Zuordnung und damit als Konstruktion und zu enge Einordnung strikt ablehnen würden.

Wu Tsang, deren Filme, Videos und Installationen in vielen Museen, etwa am MOMA und bei vielen Festivals gezeigt werden, hat drei Jahre lang auch eine Partyreihe in der Drag- und Transszene von Los Angeles gestaltet, daher kennen die beiden sich – Boychild ist als Performerin Partnerin in vielen Projekten von Wu Tsang, so nun auch in "Sudden Rise".

Hau 2 | Moved by the Motion: Sudden Rise © Paula Court/EMPAC
Bild: Paula Court/EMPAC

Phantasmagorie, Trugbilder, Rätselspiel

Und ihr neues Stück ist eine Phantasmagorie, ein Spiel mit Trugbildern, ein Spiel mit Bildern und Körpern und ihren Bedeutungen, ein Rätselspiel v.a. visuell, aber auch auf der Text-Ebene.

Boychild, im knöchellangen Kleid, der Zopf bis zu den Knien, zitiert Texte bedeutender afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivisten, etwa von James Baldwin oder Songtexte von Jimy Hendrix oder Worte von Hannah Arendt. Leider sind diese Texte jedoch kaum zu verstehen. Sie sind im Original schon  poetisch verdichtet und für die Bühne zusätzlich nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt und ergänzt worden. Zudem werden sie auch sehr leise gesprochen und geloopt und überblendet. Wichtiger ist jedoch ohnehin die visuelle Ebene dieser Performance und diese ist berückend und verzaubernd.

Überblendung von Realität und Virtualität

Wu Tsang überblendet Realität und Virtualität – man kann erst gegen Ende erkennen, dass tatsächlich drei Performer auf dem brückenartigen Bühnenkonstrukt unterwegs sind. Davor sieht man sie auf mehreren Leinwänden, sieht jedoch nicht, ob alle real anwesend sind oder lediglich Boychild, die vorn an der Bühnenrampe steht, die allerdings auch in den Videos auftaucht und mit den Filmbildern interagiert.

Das ist äußerst raffiniert gemacht, ein Spiel mit Wahrnehmung und Wirklichkeit und mit der Frage nach der Existenz von Körpern und den ihnen zugeschriebenen Identitäten – die Performer sind hier gewissermaßen fluide, flüssige Existenzen.

Erst als sie am Ende schweben und fliegen und immer wieder die Brücken-Rampe nach hinten herabstürzen und wenn sie nach vorn treten und tanzen, werden sie als real existierende Körper von den Filmbildern unterscheidbar – obwohl sie auch jetzt mehr Geisterwesen gleichen.

Hau 2 | Moved by the Motion: Sudden Rise © Paula Court/EMPAC
Bild: Paula Court/EMPAC

Eindeutigen Zuordnungen und Kategorien entzogen

In den Videos war schon eine gewisse Ähnlichkeit zur Bewegungssprache der Stummfilmzeit erkennbar, so auch in den kurzen Tanzszenen. Im Halbschattenlicht, in den Hell-Dunkel-Kontrasten wie in der Malerei der Spätrenaissance winden und wiegen sich Wu Tsang und der Tänzer Josh Johnson, die Körper verschrauben sich, die Arme und Hände fliegen girlandenartig und ornamental. Expressive Stummfilm-Bewegung, zeitgenössischer Tanz und Vogueing fließen ineinander und wenn dann der Kunstnebel dazukommt, verschwimmen die Körper völlig im Ungefähren.

Zu welcher Zeit, an welchem Ort und in welcher körperlichen Verfasstheit sie sind – alles ist in der Schwebe gehalten, entzieht sich eindeutiger Zuordnung und Kategorisierung.

So ist es auch in der Musik: die anfangs melancholischen Cello- und Klavier-Klänge, live gespielt, werden immer mehr verfremdet und übereinander gelegt und ergeben einen kaum mehr zu definierenden Sound.

Visuell faszinierend – thematisch überspannt

Das alles ist visuell faszinierend, auf der thematischen und inhaltlichen Ebene allerdings überfrachtet und überspannt, auch weil die Texte kaum verständlich und zufällig und derart kontextreich zusammengestellt sind, dass man sie wohl einen ganzen Abend lang studieren müsste, um die Frage nach ihrer Sinnhaftigkeit beantworten zu können. Um zu verstehen, auf welche Weise die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung und die Emanzipationsbewegung der LGBTI*-Gemeinde verschränkt werden.

Aber darum scheint es Wu Tsang und Boychild und ihren Mitstreitern und Mitstreiterinnen nicht zu gehen – dieses Stück ist eher ein rauschhafter assoziativer Sturm der Bilder und der Wunsch, diesen Bildern jede Eindeutigkeit zu entziehen, alles in Mehrdeutigkeiten zu setzen.

Bei allem Staunen über die Raffinesse im Umgang mit den szenischen Mitteln geht man zwar angeregt und fasziniert, aber auch etwas verwirrt und ratlos aus diesem Abend.

Frank Schmid, rbbKultur

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