Theater Poetenpack: Romeo und Julia © Sebastian Geyer
Sebastian Geyer
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Heckentheater im Neuen Palais in Sanssouci - Shakespeare forever!

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Schon Friedrich Zwo hat das Heckentheater neben dem Neuen Palais in Sanssouci geliebt. Nach Jahrzehnten des Dornröschenschlafs wurde es zu seinem 300. Geburtstag im Mai 2012 wiedereröffnet.

Dort ist nun eine neue Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" zu sehen. Mit der Inszenierung feiert das in Potsdam beheimatete Theater Poetenpack seinen 20. Geburtstag – und bietet einen überraschend spannungsgeladenen Abend.

Knisternde Spannung

Die Spannung resultiert daraus, dass Regisseur Andreas Hueck eine kluge Bearbeitung geschaffen hat – basierend auf gleich 29 verschiedenen Übersetzungen. Er hat die Tragödie clever gekürzt und überrascht damit, dass Pater Lorenzo, bei Shakespeare eher eine Nebenfigur, ins Zentrum rückt. Lorenzo ist der Mann der Vernunft, der Mann, der sagt, dass Hass und Gewalt immer die falschen Grundlagen für das Miteinander von Menschen sind. Mit ihm kommen Romeo und Julia in unsere Gegenwart, wirkt das Stück überzeugend heutig.

Gut ist, dass sich die Inszenierung nicht auf das Ambiente verlässt. Das könnte zu Kitsch verführen: Man sitzt in einem Hain, umgeben von Hecken, auf Gartenstühlen. Die Spielfläche liegt etwas erhöht. Dort oben, an den Seiten und im Hintergrund, bilden die Hecken ein natürliches Bühnenbild, was den Schauspielerinnen und Schauspielern, die auch als Musiker agieren, als Pantomimen, als Tänzer, tolle Auftrittsmöglichkeiten bietet.

Die im Zentrum der Spielfläche aufgebaute Ausstattung ist relativ spartanisch, dabei pfiffig. Es ist eine  Art Brücke, die auch Torbogen sein kann, Ballsaal, Stadtkulisse, Gruft. Die Illusionen funktionieren durch raffinierte Lichtgestaltung von Mutter Natur und vom Team. Das zaubert die jeweils richtige Stimmung. Und wenn dann noch die Grillen zirpen und das Käuzchen gurrt – perfekt… Nur ein "Aber" gibt es: Millionen von Mücken. Mückenspray gehört hier zur Grundausstattung fürs Publikum.

Theater Poetenpack: Romeo und Julia © Sebastian Geyer
Bild: Sebastian Geyer

Kluge Komik

Abgesehen von den surrenden und stechenden Plagegeistern wird 1a-Theater geboten, sehr der Sprache vertrauend und auf eine hohe Sprechkultur. Das überzeugt, das packt. Es wird gar großes Theater, weil es eine hintergründige Auseinandersetzung mit heutigen Fragen offeriert, etwa zum Verhältnis der Geschlechter oder zu Fragen der Gewalt. Und: es ist emotional packend. Da wird der Wert der Liebe ausgewogen, ohne in die Kitschfalle zu tapsen. Es geht fast sachlich zu. Wenn Gefühle ein Rolle spielen, sind die effektsicher gebündelt, ohne nach Effekten zu haschen, wird mit kleinen, feinen Mitteln gearbeitet – von Schauspielerinnen und Schauspielern, bei denen durchweg die Chemie stimmt, bei denen zu spüren ist, mit welcher Lust sie agieren, mit einer wirklich irrwitzigen Lust.

Natürlich: Bei "Romeo und Julia" möchte man gerührt sein. Das ist man denn auch, aber ohne übers Glatteis der Sentimentalität zu schliddern. Am Ende, klar, wird manches Auge im Publikum feucht, rast manches Zuschauerherz.

Konzentriert und kultiviert

"Romeo und Julia" ist so oft gar nicht auf den Spielplänen hierzulande zu finden, weil wohl viele Regisseur und Dramaturgen Angst haben, in die schon benannte Kitschfalle zu geraten. Andreas Hueck und das gesamte Team haben die nicht, arbeiten aber so konzentriert und kultiviert, dass sie die auch nicht haben müssen. Hueck hat mit Gespür für Wirkung gekürzt, hat pointiert inszeniert – und er hat seiner Schauspieltruppe  viele Gelegenheiten zum Brillieren gegeben.

Die Akteure sind ihm großartige Partnerinnen und Partner. Sie spielen mit Verve, sehr genau und, großartig, sie vergeikeln das Stück nicht, setzen nicht auf schenkelklopfenden Krachhumor, sondern auf die ernsten Aspekte der Vorlage, die Auseinandersetzung mit Gewichtigem.

Brillante Komödianten

Wie immer bei Shakespeare: Es gibt auch komische Figuren, allen voran das Duo Mercutio und Benvolio, Freunde von Romeo. Markus Braun (Benvolio) und Andreas Klopp (Mercutio) sind hinreißend komisch, doch sie schaffen auch scharfe Konturen, befördern das Nachdenken über Gewichtiges. Insbesondere Andreas Klopp begeistert mit nuanciertem Spiel zwischen Spaß und tieferer Bedeutung. Bravo! Die komischen Szenen in den Tragödien Shakespeares sind ja  d e r  Gradmesser für die Qualität der jeweiligen Inszenierung. Da geht das Niveau oft runter. Hier geht’s steil nach oben! Begeisternd sind ebenfalls die leisen Szenen, etwa wenn die Liebe von Romeo (Florian Bamborschke) und Julia (Julia Borgmeier) auflodert. Man ist gebannt, man fiebert mit. Diese Julia, die nichts Kindliches hat, die zunächst eher spröde wirkt, wird als widersprüchlicher Charakter offenbart, angetrieben von enormem Lebenshunger. Man verliebt sich als Zuschauer ganz schnell in sie. Reiner Gabriel als Pater Lorenzo fesselt mit hoher Sprechkultur. Jeder Gedanke Lorenzos hat Schärfe, aber nirgends übertreibt er, forciert nicht, knüppelt die Botschaft nichts ins Publikum, sondern lässt durchscheinen. Alle haben tolle Momente.

Die Aufführung passt – ohne, dass es vordergründig wird – hervorragend dazu, dass das Theater Poetenpack es auch als eine Aufgabe ansieht, integrativ zu wirken, sich mit der Kunst des Theaters, den heute gesellschaftlich relevanten Fragen zu stellen. Pralles Schauspieltheater, fern von irgendwelchen überzogenen Regie-Marotten. Hier wird Shakespeare in unsere Zeit geholt. Dabei zeigt sich mal wieder: Auch wenn seine Helden sterben müssen – Shakespeare ist unsterblich.       

Peter Claus, rbbKultur

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