Tanzfabrik in der Möckernstraße in Berlin in der Möckernstraße in Berlin
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Eröffnung Open Spaces Sommer Tanz - Suddenly: "Esprit"

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Die Geschäfte in Shopping Malls, Einkaufzentren, Bahnhöfen und Flughäfen sehen letztlich alle gleich aus. Dieselbe Architektur, dieselben Marken, dieselbe Musik und Konsumtempel-Atmosphäre. Mit diesem Immergleichen beschäftigt sich die neue Tanzperformance der Gruppe "Suddenly". Am 11.07. war Uraufführung des neuen Stückes "Esprit" bei der Eröffnung des Open-Spaces-Sommer-Tanz-Festivals der Berliner Tanzfabrik in den Uferstudios in Berlin-Wedding.

Künstler*innen-Kollektiv "Suddenly"

Die Open-Spaces-Festivals sind nun schon traditionell der Raum für Experimente in Tanz und Performance. Diesmal für "Suddenly", die Gruppe junger Tanz-Künstlerinnen und -Künstler, die sich beim Studium am Berliner Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz kennengelernt haben.

Nach ihrem Abschluss 2017 wollten sie als Kollektiv weitermachen, mit der Idee, dass jeweils ein Gruppenmitglied ein Projekt leitet, aber alle gleichermaßen künstlerisch beteiligt und verantwortlich sind. Diesmal war Lyllie Rouviere federführend, die Tanz und Architektur studiert hat und beides zu verbinden sucht, hier mit der Frage, was die "Junkspaces" der Einkaufswelten mit uns machen, wie sie unsere Körper und Bewegungen und Identitäten prägen.

Junkspaces, Abfall der Modernisierung – seelenlose Welten

Den Begriff "Junkspaces" hat der niederländische Star-Architekt Rem Koolhaas in Bezug auf die Shopping Center geprägt. Diese seien "Abfall der Modernisierung", Räume, die ausschließlich für das Einkaufen entworfen wurden – seelenlose Welten der Geschäftszeilen, Rolltreppen und Werbung, in Einheitsarchitektur, nur dem wirtschaftlichen Denken unterworfen.

Eigentlich Un-Orte, keine lebenswerten Lebensräume, denn den Menschen wird ihre Individualität genommen und nur eine Aufgabe, Funktion und Bedeutung zugewiesen: sei Konsument.

Sich-Verlieren in Anonymität und Funktionalität

Das Kollektiv "Suddenly" hat diese Orte nun mit der Grundfrage untersucht, wie wir uns in diesen Räumen bewegen. Eine gute Frage, werden doch die Malls so gebaut, dass die Menschen gelenkt und geführt werden, dass möglichst die Zeit und die Außenwelt in Vergessenheit geraten, der Mensch sich im Konsumtempel verliert.

Dieses Sich-Verlieren in Anonymität und Funktionalität  ist eines der Hauptthemen dieser Choreographie, die im Freien beginnt und endet. Zu Beginn sitzen die Zuschauer auf der Tribüne des größten Tanzstudios der Uferstudios, die Vorhänge und bodentiefen Fenster zum Hof und zur Straße sind geöffnet und die 12 Performer kommen von der Straße angezuckelt, in weißen T-Shirts oder weißen Hosen, mit Einkaufstaschen, Handtaschen, Rollkoffern und Rücksäcken.

Sie hüpfen, hopsen und trippeln zu einem Popsong-Salat aus kleinen Lautsprechern auf der Straße und über den Asphalthof – monoton, in simplen Rhythmen, eine synchrone Masse unterschiedsloser Menschen, angestaunt auch von den Passanten, die stehenbleiben und sich das Treiben anschauen, bis die Tänzer dann doch die Bühne einnehmen.

Konsumwelten – Außen wie Innen, Straße und Bühne

Das Außen und das Innen, die Straße und die Bühne, der Alltag und die Kunstwelt sind hier als ineinander verschränkt gedacht. Beide Welten sind Konsumwelten, die Weddinger Pankstraße vor den Uferstudios mit ihren Geschäften und die Welt der Kunst, mit den Zuschauern, die ein Produkt sehen wollen. Ein kleiner, aber guter Gedanke, dem dann jedoch leider nur noch ein Thema folgt: Konsum-Kritik.


Die Tänzer erliegen der Faszination der Waren: die Rollkoffer werden liebkost, die Handtaschen geschwungen, Duftspray versprüht – die Ware wird zum Fetisch, der Mensch zum Konsum-Zombie, zu einem obsessiv getriebenen, unfreien Menschen.


In dutzenden Aktionen einer langen chaotischen Szene spielen sie mit ihren Blondhaarperücken, Autoreifen und Einkaufswagen. Und das in ruckelnden, zuckenden Cyborg-Bewegungen, mit Schlingern und Schwanken, haltlos und orientierungslos und zu drei Sätzen aus Vivaldis "Vier Jahreszeiten", die leicht zeitverzögert und übereinander gelegt abgespielt werden - ein unerträglicher Soundtrack, eine Belästigung wie die Musik in den Shopping Malls. 

Aktionistisches Treiben - Konsumkritik

Das ganze aktionistische Treiben endet auf dem Innenhof der Uferstudios. Wir Zuschauer folgen den Konsum-Zombies wie eine Horde höriger Tanz-Konsumenten auf den schönen Hof im Abendlicht, wo eigentlich dasselbe geschieht wie drinnen, nur hier in Stille und verlangsamt - drinnen ging es laut, schnell und chaotisch zu. Die Performer ergehen sich in absurden Fetisch-Spielen, es herrschen Stillstand und innere Lähmung, die Beziehungen zwischen den Dingen und Menschen sind sinnentleert.

Am Ende löst sich die Tänzergruppe auf, alle verschwinden in den Zuschauern-Reihen und zurück bleibt ein Müllhaufen aus Konsumgütern, die niemand braucht und deren Fetisch-Charakter nun vergangen ist. 

Ein Stück also weniger über Junkspaces, darüber, wie diese Einkaufswelten uns dominieren und verändern sondern über Konsumkritik. Das ist ok – aber auch recht grobkörnig und mit eher groben Mitteln und simpler Botschaft gearbeitet, führt also nicht weiter in die Tiefe der eigentlich reizvollen Themen.

Frank Schmid, rbbKultur

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