Jess Curtis: (in)Visible; © Robbie Sweeny
Robbie Sweeny
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Open Spaces/Sommer Tanz 2019 der Tanzfabrik Berlin | Uferstudios - Jess Curtis: "(in)Visible"

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Eine Tanzperformance für blinde und sehbeeinträchtigte Tänzerinnen und Tänzer und für sehende wie nicht-sehende Zuschauer. Das ist das neue Stück des amerikanischen Berliners Jess Curtis: "(in)visible" – "un-sichtbar", ein Spiel mit dem Sichtbaren und dem, was nicht zu sehen ist.

Jess Curtis verlegt das Geschehen überwiegend in völlige Dunkelheit, in  halbdunkle Schatten, nur selten in Lichtfelder, kleine Spotlights. Seiner Performance liegt eine geschickte Hell-Dunkel-Dramaturgie zugrunde – über lange Zeit sieht man nichts, muss sich auf das Hören und Erspüren verlassen, denn hier, so Jess Curtis in seiner kleinen Rede vor der Premiere, sollen möglichst viele Sinne angesprochen werden, nicht nur, wie sonst beim Tanz der Sehsinn.

Orientierung im Raum

Die Tänzerinnen und Tänzer orientieren sich vermutlich über das Hören im Dunkeln oder mit den nackten Füßen auf dem Bodenbelag und an den Klebestreifen und sie werden vermutlich eine Art Landkarte der Bühne im Kopf haben: von den Zuschauerreihen an den Seiten des quadratischen Spielfeldes, von den herum stehenden Lametta-Vorhängen und vom inneren Stuhl-Kreis in der Mitte der Bühne, wo die mutigen Zuschauer Platz genommen haben. Vor Beginn wird man nämlich darüber informiert, dass diejenigen, die außen sitzen, nicht damit rechnen müssen, von den Tänzern berührt oder zu Interaktionen gebracht zu werden, die in der Mitte schon.

Interaktionen – Gemeinsames Erleben

Bei diesen Interaktionen gehen die Tänzer recht weit über mögliche Distanzwünsche hinweg: Sie berühren und streicheln manche Zuschauer, sitzen und liegen in ihrem Schoß und klettern auf ihnen herum, verändern deren Körperhaltung, stupsen sie mit Nase und Gesicht, reiben ihre Körper an ihnen, umarmen sie und lassen sich umarmen. Das sind mitunter sehr intime Berührungen, die man auch ablehnen oder abbrechen kann, wenn es einem zu viel wird, auch darüber wird man eingangs informiert.

Die Aufhebung der üblichen Trennung zwischen Zuschauern und Tänzern geschieht also ganz sanft und achtsam. Es geht um das gemeinsame Erleben des Raums, der Geräusche, der Bewegungen, um das Öffnen vieler Wahrnehmungskanäle, nicht um die Konfrontation mit den Schutzzonen, das Überschreiten persönlicher Grenzen.

Raum-Erfahrungen – Klang-Arrangements

Jess Curtis arbeitet v.a. mit Raum-Erfahrungen über Geräusche – in völliger Dunkelheit markieren die Tänzer ihre Standorte etwa mit Sprache: "Hier bin ich" sagen sie dann. Wenn sie gehen, hört man das Klackern der Schuhe oder das Rascheln der Kleider und der Lametta-Vorhänge, sie flüstern, summen, ächzen, stöhnen und schnalzen und einmal stehen sie offensichtlich im Kreis und klatschen in die Hände – rhythmisch und einander abwechselnd – sie sind nicht zu sehen, aber der Klangverlauf des Klatschens klingt, als würden sie im Kreis stehen.

Diese Klang-Arrangements in Dunkelheit, die Geräusche der Körper, das Atmen und Sprechen, das Rascheln und Zischen schärfen die Wahrnehmung des Raums: Man spürt, wer wo ist und vermutet oder ahnt, wie sich jemand bewegt, zumal sie auch immer laut aussprechen, beschreiben, was sie gerade tun.

Das sind die eindringlichsten Momente, wie auch der Lufthauch, den man über sich hinwegwehen spürt, wenn die Tänzer sich an einem vorbei bewegen oder die Lametta-Vorhänge wie Fahnen schwenken. Der Sehsinn wird sozusagen gedimmt, die anderen Sinne geschärft – wenn bei Licht mal mehr zu sehen ist, ist das beinahe enttäuschend, weswegen viele Zuschauer die Augen geschlossen halten.

Jess Curtis: (in)Visible; © Robbie Sweeny
Bild: Robbie Sweeny

Nicht die Beeinträchtigung steht im Mittelpunkt

Jess Curtis arbeitet ja schon seit langem im Bereich der sogenannten inklusiven Kunst, ein Begriff, der eigentlich falsch ist. Er arbeitet mit Künstlern, die körperliche oder mentale Beeinträchtigungen haben, nimmt sie aber eben als Künstler – nicht ihre Beeinträchtigung steht im Mittelpunkt, sondern das, was sie künstlerisch und kreativ zu geben haben.

Jess Curtis ist national wie international die Referenzgröße in dieser Kunstform, die auch in Deutschland und ganz wesentlich in Berlin immer stärker weiterentwickelt wird.

Klang-Collage und Hör-Spiel, Spannungen und Stimmungen

"(in)Visible" richtet sich etwas zuschauerpädagogisch, aber immerhin sehr sinnlich an Menschen, die mit dieser Kunst bislang im Wortsinn nicht in Berührung gekommen sind. Das ist eine Klang-Collage und ein Hör-Spiel, eine andere Erfahrung von Räumen, Menschen, Körpern und Bewegung, von Intimität, Nähe und Distanz, etwas aktionistisch und im Tanz selbst etwas zu wenig gestaltet – vieles wirkt improvisiert, nicht sehr präzise gearbeitet. Der Tanz am Ende, wenn tatsächlich mal Musik erklingt, ein rumpelnder Elektrosound, beschränkt sich doch sehr auf das Schleudern von Gliedern und Körpern.

Das hat eine geschickte Dramaturgie der Spannungen und Stimmungen, der Tempi-Wechsel, langsam und still, laut und deftig – das ist klug arrangiert und mitunter auch sehr berührend – aber nicht so faszinierend und so intensiv Geist und Seele öffnend wie andere Stücke von Jess Curtis.

Frank Schmid, rbbKultur

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