"Was ihr wollt" beim Seefestival Wustrau
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SEEFESTIVAL WUSTRAU - "WAS IHR WOLLT"

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Das Seefestival Wustrau stellt anlässlich des Fontanejahres und zum eigenen 15-jährigen Bestehen den Theaterkritiker Fontane in den Fokus der Open Air Saison. In der Verwechslungskomödie "Was ihr wollt" von William Shakespeare agiert dieser - gespielt von Otto Mellies - in der Figur des Narren.

Ein Ereignis

Ein Besuch beim Seefestival in Wustrau lohnt sich schon, weil der Ort so schön ist. Die Bühne befindet sich hinter dem Schloss des alten Preußengenerals von Zieten am Ufer des Ruppiner Sees. Man kann während der Aufführung aufs Wasser blicken, sieht wie sich Abenddämmerung im See spiegelt und wie am anderen Ufer Vogelschwärme hin und her fliegen – alles wunderschön. Doch es wird auch sehenswertes Theater geboten, ein Schauspielerfest, wie man es auch in Berlin kaum besser erwarten könnte, mit

Walter Plathe, den man als Landarzt aus der gleichnamigen ZDF-Serie und von diversen Theaterbühnen kennt, Martin Seifert vom Berliner Ensemble, Tom Quaas vom Staatsschauspiel Dresden und – als ob das noch nicht genug wäre – Otto Mellies, der zu den Alt-Stars des Deutschen Theaters gehört. 50 Jahre hat er dort gespielt – zuletzt 2006. Dann hat er sich vom Theater zurückgezogen und nur noch Lesungen, Fernsehen und Synchron gemacht. Jetzt steht er wieder auf der Bühne. Ein Ereignis.

Otto Mellies hat eine Aura

Otto Mellies hat eine Aura – und das nicht nur weil er alt ist und schon seit 70 Jahren Theater spielt. Er bewegt sich nur langsam, spricht ruhig und konzentriert, aber mit jeder Geste, mit jedem Wort verströmt er etwas, das sich schwer beschreiben lässt – Gedankenklarheit und Wärme, die einen tief im Innersten berührt.

Er spielt den Narren, eine Figur, die gar nicht im Zentrum des Stücks steht – ich hab auch schon Aufführungen gesehen, wo sie ganz gestrichen wurde – aber in Wustrau, in der Inszenierung von Marten Sand, ist sie ungeheuer wichtig, weil sie ein Gegenpol zum überdrehten Treiben der anderen wird, der weise Narr, der einen langen Mantel und einen Schlapphut trägt, so dass er ein bisschen aussieht wie ein existenzialistischer Samuel-Beckett-Clown.

Und dann hat er diese Stimme, die so eindringlich ist, dass man überhaupt nicht weghören kann. Da wird fast jeder Auftritt zum Gänsehaut-Moment.

Liebe und der Gegensatz von Sein und Schein

Im Stück geht es um Liebe und den Gegensatz von Sein und Schein. Im Zentrum steht Viola, die vor der Küste Illyriens Schiffbruch erleidet und sich sicherheitshalber als Mann verkleidet. Sie tritt als Page in den Dienst eines Herzogs, der die Gräfin Olivia liebt. Diese jedoch weist ihn zurück. Der Herzog schickt daraufhin den Pagen zu ihr, um sie umzustimmen.

Die Gräfin verliebt sich in den vermeintlichen jungen Mann, der aber die verkleidete Viola ist, die wiederum den Herzog liebt. Zu Shakespeares Zeit war das doppelt komisch, weil alle Rollen von Männern gespielt wurden. Viola war also ein Mann, der eine Frau spielt, die wiederum einen Mann spielt. Die Überdrehung der Travestie fällt heute weg – was dem Humor aber keinen Abbruch tut, zumal auch der Dauertrinker Sir Toby Rülps auftritt, der ganz herrlich von Walter Plathe gespielt wird, Seite an Seite mit Martin Seifert, der den verblödeter Ritter Bleichenwang gibt und Tom Quaas als Haushofmeister Malvolio.

Da sind wirklich Erzkomödianten am Werk, die Regisseur einfach nur machen lassen muss.

Ein großer Wurf

Zusätzlichen Drive kriegt die Inszenierung durch die Musik. Marten Sand hat die Gruppe Horch engagiert, die – wie sie selbst sagt – mittelalterlichen Folkrock macht – u.a. mit Laute, Querflöte und Schlagzeug. Das bringt Energie ins Spiel.

Außerdem wird viel gesungen. Julia Fechter, die die Viola spielt, hat eine tolle Stimme – sie ist auch schon in diversen Musicals in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgetreten. Nun singt sie Songs, die die Gruppe Horch für sie kreiert hat. Der Mittelalter-Sound vermischt sich mit Musical-Schmelz – das ist ein besonderer Klang.

Wer nach Wustrau fährt, bekommt also eine Menge geboten – Klamauk, Wortspiele und existenzielle Komik,  Mittelalter-Folkrock und wunderbaren Gesang, dazu die Theaterlegende Otto Mellies – die Inszenierung ist wirklich ein großer Wurf.

Oliver Kranz, rbbKultur

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