Berliner Ensemble: Felix Krull – Stunde Der Hochstapler; hier: Marc Oliver Schulze; © JR/Berliner Ensemble
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Berliner Ensemble - "Felix Krull – Stunde der Hochstapler"

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Schauspieler, die zu Präsidenten gewählt werden. Präsidenten, die von „alternativen Fakten“ sprechen, oder Doktortitel, die per Plagiat erworben werden: Man könnte meinen, es ist eine gute Zeit für – auch politische – Hochstapler.

Faszinierend ist die Bewunderung, die Hochstaplern zuteil wird. Ähnlich wie Felix Krull in Thomas Manns berühmtem Roman. Am Berliner Ensemble hat der Regisseur Alexander Eisenach die Spielzeit mit seiner Bearbeitung des Stoffs begonnen. Zu politischen "Hochstaplern" à la Trump, Johnson oder Selenskyj zieht er dabei keine Parallele – zu Recht. Felix Krull zieht es schließlich nicht in die Politik, er erschwindelt sich lieber ein schönes Leben mit viel Geld und bezaubernden Frauen.

Ein charmanter Spieler, ein unkalkulierbarer Blender, der sich seine Welt so zurechtrückt, dass er den meisten Genuss daraus zieht. Thomas Mann hat eine hintergründige Parodie geschrieben, die das Spiel mit unterschiedlichen Rollen betrachtet. Dieses Spiel kann auch die Freiheit bedeuten, sich selbst neu zu erfinden, aus dem Regelwerk auszubrechen.

Sind wir nicht alle Hochstapler?

Eisenach nun interessiert das Gesellschaftspolitische: Inwiefern sind wir in Zeiten von Social Media und radikaler Selbstvermarktung nicht alle Hochstapler? Jedes Selfie ist schließlich inszeniert. Diese Selbstinszenierung nach den Gesetzen des Marktes betrachtet der Regisseur durchaus kritisch. Auch das Theater hinterfragt er, das ja schon länger dem Trend erliegt, authentische Menschen auf der Bühne zu präsentieren, die über sich selbst sprechen – und das die Verwandlung, das Schlüpfen in Rollen diskreditiert.

Berliner Ensemble: Felix Krull – Stunde Der Hochstapler; hier: Marc Oliver Schulze; © JR/Berliner Ensemble
Bild: JR/Berliner Ensemble

Die Romanhandlung wird dabei kaum erzählt. Zwar steht ein Felix Krull auf der Bühne, Marc Oliver Schulze gibt ihn als Parodie eines Hochstaplers, ein eitler Schönling, der nicht nur die Damenwelt blendet. Auch werden zwischendurch Szenen aus dem Buch angespielt. Zu Beginn etwa steht Krull in Frack und Fliege auf der Bühne und schwingt den Geigenbogen zu Vivaldi. Doch es ist so klar erkennbar, dass die Musik vom Band kommt, dass der komödiantische Ton des Abends sofort gesetzt ist.

Schulze spielt das durchaus lustvoll und unterhaltsam. Die einzelnen Sequenzen formen allerdings nicht die Biografie dieser Mann‘schen Figur, die vom Patenonkel in einem Pariser Hotel als Liftboy untergebracht wird, wo sie sich mit einer Mischung aus Diebstahl, Liebesdiensten und Networking eine zweite Identität als reicher Dandy erschwindelt und später sogar auf Weltreise geht.

Talent für rotzige Komik

Die Inszenierung entwickelt sich viel mehr zum palavernden Metatheater-Diskurs-Abend über Identität und Rollenspiel, über Schein und Wahrheit. In der ersten Hälfte sehen wir nur einen kleinen, bretterbeschlagenen Teil der Vorderbühne, ein Theater im Theater. Drei Darsteller geben hier Regisseure und Mitspieler, die Krull bewundern oder beschimpfen. Zunächst sind das nette Slapsticknummern. Jonathan Kempf, Neuzugang im Berliner Ensemble, beweist hier schon mal sein Talent für rotzige Komik.

Berliner Ensemble: Felix Krull – Stunde Der Hochstapler; hier: Constanze Becker; © JR/Berliner Ensemble
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Doch spätestens, wenn Schulze im Blaumann die Bühne betritt, um eine Kloschüssel zu montieren, dann als "Bertolt" ans Handy geht, um mal mit dem "Thomas" über das marode Theater zu plaudern, gemeint sind natürlich Bertolt Brecht und Thomas Mann, wird es allzu albern. Oder wenn Krull krank zu Boden geht und ein YouTube-Video absondert: der Social-Media-Influencer, der an der Influenza leidet – flacher geht es kaum.

In der zweiten Hälfte hebt sich der Vorhang und legt eine blinkende Geisterbahnwelt frei. Constanze Becker muss hier die liebestolle Madame Houpflé parodieren – eine weitere verunglückte Szene.

Schal, zäh, klamottig

Mit der Frage, wie unser aller Selbstinszenierung heutzutage funktioniert und wer davon profitiert, hätte man durchaus arbeiten können. Doch Eisenachs Mittel, mit denen er das Theater hinterfragt, kommen abgenutzt und epigonal daher. Das Diskutieren über die "Vierte Wand" etwa (also jene zum Publikum) ist ein derart alter Hut, dass man nicht einmal mehr Eisenachs Helden, die Postdramatikergrößen René Pollesch und Frank Castorf, dazu inszenieren sehen möchte. Und so wirkt dieser kurze, nur anderthalbstündige Abend immer schaler, zäher, klamottiger.

Im Dezember folgt allerdings Eisenachs zweite Chance: Dann wird er ein eigens entwickeltes Stück über Hochstapler am BE inszenieren – womöglich gelingt ihm das stringenter, sobald das Abarbeiten an einer berühmten Vorlage wegfällt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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