Deutsche Theater: Lear © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater - "Lear"

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Die neue Spielzeit am Deutschen Theater wird mit Shakespeares "Lear“ eröffnet. Der Regisseur Sebastian Hartmann und sein Ensemble verbinden "Lear" mit Wolfram Lotzs Sprechstück "Die Politiker". Gut kombiniert?

"Wer von euch liebt uns wohl nun am meisten?" fragt Britanniens alter König Lear, der sein Reich an seine drei Töchter verteilen möchte. Weil die kaltherzigen Goneril und Regan ihn umschmeicheln und die bescheidene Cordelia unfähig ist zu übertriebenen Lippenbekenntnissen, trifft Lear eine fatale Fehlentscheidung und rennt in sein Unheil. Dem Wahnsinn verfallen wird er auf Graf Gloster treffen, auch er verraten und geblendet von einem seiner machtgeilen Söhne. Am Deutschen Theater in Berlin inszeniert jetzt Regisseur Sebastian Hartmann Shakespeares von familiären Abgründen und Verrat, Intrige und Erbschleicherei handelnde Tragödie. Als wäre das nicht schon schwierig genug, kombiniert er "Lear" mit einem neuen Text von Wolfram Lotz und bringt dessen Stück "Die Politiker" zur Uraufführung.

Lear und die Politiker

Hartmann bringt beide Stücke oder Texte nacheinander auf die Bühne, lässt sie, nachdem die vorher triste vernebelte Bühne plötzlich im goldenen Licht erstrahlt, nahtlos ineinander übergehen. Er beginnt mit Shakespeare "Lear", dem Drama, das ihn nach eigenem Bekunden eigentlich nicht interessiert, jedenfalls nicht als ein Stück klassischer Welt-Literatur, sondern nur, als ein Dokument des Scheiterns, der Verblendung und Vergeblichkeit, der nahenden Katastrophe.

Deshalb hat er einen Textkorpus erstellt, aus dem sich die Schauspieler nach Lust und Laune bedienen können: Wer, wann, was spielt und spricht, das wird spontan entschieden und unterscheidet von Vorstellung zu Vorstellung. Nach zwei pausenlosen Stunden "Lear"-Zertrümmerung folgt als Epilog "Die Politiker", ein Monolog von Wolfram Lotz, der 2011 den Kleist-Förderpreis bekam und 2015 für sein Stück "Die lächerliche Finsternis" zum "Dramatiker des Jahres" gewählt wurde. In einem kurz vor der Premiere vom Theater verbreiteten Video-Interview sieht man den Regisseur, der mit den Tränen kämpft, wenn er darüber nachdenkt, wie schlimm es um unsere Welt steht, wie nah wir am Abgrund stehen, dass die Klimakatastrophe ihn in den Wahnsinn treibt.

Mit klassischen Texten im Allgemeinen und Shakespeare im Besonderen, beteuert er, habe er "Riesenprobleme", die Zuweisung von Rollen und die Stigmatisierung von Verhaltensweisen finde er "gefährlich": Am "Lear" interessiere ihn nur der "Sterbevorgang eines Machthabers", der letztlich "den Tod vererbt". Aber "Lear" zu inszenieren im Kontext unseres gemeinsamen Sterbens in der Klimakatastrophe, das wäre ihm allein zu "furchtbar" gewesen. "Lear" sei ihm deshalb nur möglich gewesen zusammen mit dem Monolog von Wolfram Lotz, einem "intelligenten Hilferuf", eine freie assoziative Rede in Versform, gesprochen von einer einzigen Person.

Deutsche Theater: Lear © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Gnadenlose Shakespeare-Vernichtung

Auf der riesigen Bühne gibt es keinen Lear und kein Britannien, sondern zwei tattrige Greise (Michael Gerber und Markwart Müller-Elmau), die sterbenskrank in ihren Betten liegen. Der eine könnte König Lear sein, der andere Graf Gloster, sie sprechen beide kaum ein Wort, sondern sabbern nur und lallen, werden von ihren in Töchtern und Söhnen unentwegt beschimpft und malträtiert. Die Kinder übernehmen es, den Text ihrer Väter zu sprechen, sie klauben sich ein Brocken aus dem Shakespeare-Drama heraus und vermischen alles mit unzähligen undefinierbaren Fremdtexten, die von Macht und Intrige, Arbeit und Alltag erzählen, von familiären Abgründen und politischen Morden, kolonialer Ausbeutung, Umweltzerstörung und geraubter Zukunft. Auf Video-Leinwänden sehen Bilder von brennenden Wäldern und zerfallenden Städten. In musikalischen Endlos-Schleifen wird mit wummernden Bässen und wabernden Beats die Kakophonie der Katastrophe in irritierende Klänge übersetzt. Irgendetwas, das an das Shakespeare-Drama erinnern würde, einen König von Frankreich, einen Grafen von Kent, gibt es nicht. Alles ist chaotisch, konfus, rätselhaft, nervig. Wir werden Zeuge einer gnadenlosen Shakespeare-Vernichtung und wüsten Theater-Austreibung und zu Geiseln eines Regisseurs, der seine Melancholie in eine apokalyptische "Lear"-Performance verwandelt. 

Ist das Theater noch zu retten?

Nur der Monolog über "Die Politiker" kann die Endzeitstimmung vertreiben: Der Text lebt von seiner sprachliche Komik und seinem überdrehten Irrwitz: "Die Politiker schrizzlen und wizzlen / Könnt ihr sie denn nicht hizzlen?" Oder: "Die Politiker sagen: / Ich bin da, ich bin fresh! / Ich les dir vor / aus dem Epos vom Gilgamesh!" Oder: "Die Politiker knacken die Nüsse / es klingt wie Schüsse". Cordelia Wege hockt im hautengen, mit Pailletten bestickten Kleid auf der vom Theater-Nebel befreiten Bühne und hetzt durch den Text, als wäre der Theater-Teufel hinter ihr her. Sie hat den Schalk im Nacken und die Zuschauer sofort auf ihre Seite. Endlich gibt es etwas zum Lachen, hat man das Gefühl, die Welt und das Theater ist noch zu retten, das Ende kann warten und das Träumen hat eine Zukunft. Ohne diese furiosen Wort-Kaskaden wäre das Publik mit hängenden Schultern traurig und desillusioniert nach Hause geschlichen. So aber konnte es die Angst vor der Apokalypse lachend überwinden und den Schauspielern - und ein bisschen auch sich selbst dafür, den Abend heil durchgestanden zu haben - freudig applaudieren. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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