Gorki Theater "Herzstück" © Ute Langkafel MAIFOTO
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Gorki Theater - "Herzstück"

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Die neue Spielzeit startet das Maxim Gorki Theater mit einem neuen Spielort, dem CONTAINEЯ auf dem Vorplatz des Theaters. Fast 200 Zuschauer haben dort Platz und konnten am Samstag die erste Premiere der Saison sehen: Heiner Müllers Mini-Drama "Herzstück".

Die Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und der Kultursenator Klaus Lederer schmettern zwei Flaschen Champagner (es sind Theaterrequisiten aus Zucker) gegen die grauen Wände der Übergangsspielstätte vor dem Haupthaus, die ihren Namen "Container" durchaus zurecht trägt. Endlich fließt Geld, die 70er-Jahre-Technikanlagen der Bühnen nachzurüsten. Man habe, so Langhoff, fleißig am Container gearbeitet, sodass er wohl der einzige Bau Berlins sei, der innerhalb seines Zeitplans eröffnet wird.

Über den Sinn und Unsinn harter Arbeit lässt Sebastian Nübling dann auch seine sieben verkorksten Clowns auf der leeren Bühne performen. In glänzenden Ganzkörperanzügen, mit Halskrausen und roten Nasen ist jeder von ihnen auf seine eigene Weise eine jämmerliche Figur. Ein depressiver Clown in Schwarz verzweifelt an seiner Unfähigkeit, trotz größter Anstrengung einen Vorhang aufzuhängen. Ein gelber Clown trägt so große Kartons an den Füßen, dass an Arbeiten nicht zu denken ist. Zwei Grinse-Clowns versuchen derweil, die Show am Laufen zu halten.

Gorki Theater "Herzstück" © Ute Langkafel MAIFOTO
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Anrührend ist der Protestclown. Stumm steht er am Rand, klebt sich den Mund zu, dann die Augen, später lässt er einen Flummi springen – im Takt eines Herzschlags. Oder einer Maschine? Hinten ein Zitat aus Müllers Stück: "Arbeiten und nicht verzweifeln." Später verkehrt es sich in "Verzweifeln und nicht arbeiten."

Mit einer ähnlichen Clowns-Truppe hatte Nübling schon vor zwei Jahren Müllers düstere "Hamletmaschine" inszeniert. Die neue Harlekin-Bande trägt einen leichteren Humor zur Schau – doch darunter blitzen die Abgründe. Unter traurig-komischen Verzweiflungstaten und lauten Befehlen versucht sie, ein großes Herz aufzuhängen, damit das "Herzstück" endlich beginnen kann.

Gorki Theater "Herzstück" © Ute Langkafel MAIFOTO
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Schöne Erschöpfungsetüde

Nübling legt Müllers kürzestes Drama konsequent als Stück über die Arbeit als eine das Ich zerstörende Maßnahme aus. Das ergibt Sinn, geht es in diesem absurden Text um das Herz, das Person Eins Person Zwei zu Füßen legen will, und das sich als Ziegelstein erweist, nachdem Zwei es mit dem Taschenmesser herausoperiert hat, doch nicht um eine verunglückte Liebesgeschichte, sondern um einen eiskalten ökonomischen Tauschhandel.

Nübling macht daraus einen feinen, kleinen, mehrsprachigen Abend über Arbeitsverweigerung als Lebensrettung. Keine Chance für diese abgehängten Figuren, im harten Effizienzsystem zu bestehen: Nach ewigem Abmühen betreten Profi-Techniker die Bühne, entfernen das scheppe Holzherz und haben in Nullkommanichts ein blinkendes Superherz in Funktion gebracht.

Den Herzschlag-Rhythmus des Textes lässt Nübling zwar leider außer acht, doch die Choreografien berühren in ihrer sisyphosartigen Vergeblichkeit, mit der der Mensch sich gegen die Maschinisierung, der Clown sich gegen das erzwungene Lachen stellt.

Eine Inszenierung, die dem Heiner-Müller-Kosmos entspringt – ohne Müller-Kenntnis mag vieles allerdings banal wirken. Ein Sekundärabend zum Stück, das hier absichtlich vernuschelt aufgesagt wird, innerhalb eines furiosen Burnout-Monologs von Vidina Popov.

Am Ende ist es Heiner Müllers eigene Stimme, die das Stück ein zweites Mal vorliest. Sie kommt aus zwei kleinen Staubsaugerrobotern, die über den Boden flitzen und den Effizienzkampf längst für sich entschieden haben. Ein poetisches Schlussbild für Nüblings schöne Erschöpfungsetüde.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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