Hans Otto Theater Potsdam: Das achte Leben (für Brilka) © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk Download (mp3, 4 MB)

Hans Otto Theater Potsdam - "Das achte Leben (für Brilka)"

Bewertung:

Im vergangenen Jahr hat die Autorin Nino Haratischwili für ihren Roman "Das achte Leben – für Brilka" den Bertolt-Brecht-Preis bekommen. Letzte Woche den Schiller-Gedächtnispreis. In diesem großen Familienepos hat die Autorin, die aus Georgien stammt und schon lange in Deutschland lebt, komplexe politische Ereignisse ebenso wie familiäre Katastrophen miteinander verwebt. "Das achte Leben" ist längst ein Bestseller und begeistert Kritiker und Leser gleichermaßen.

Es ist die Geschichte einer georgischen Familie eines Schokoladenfabrikanten vom Zarenreich über den Aufstieg der Sowjetunion bis hin zurzeit nach dem Mauerfall.

Sechs Generationen und acht Frauenleben, die in aller Emotionalität, mit magischem Realismus, aber auch mit fundiertem historischen Wissen aufgeblättert werden. Liebe, Diktatur, Opportunismus, Freiheitskampf, Verlust, Tod, die Trauer um das ungelebte Leben sind nur einige der Themen.

Haratischwili schafft es, ein ganzes Jahrhundert, Revolutionen und Kriege, menschliche Schicksale sinnlich und mit großartigen Frauenfiguren zu erzählen.

Der Roman im Schnelldurchlauf

Niza, die Ururenkelin des Schokoladenfabrikanten, schreibt diese Erinnerungen für ihre Nichte Brilka auf. Alles beginnt mit Stasia, der Tochter des Fabrikanten, und ihrer schönen Schwester Christine, die den "Kleinen Großen Mann" betört, den Geheimdienstchef, der die brutale Innenpolitik Georgiens verantwortet. Ehemänner und Staatsoberhäupter kommen und gehen. Durchzogen wird die Geschichte vom Geheimrezept einer ekstatisch wirkenden Schokolade, das von Generation zu Generation weitergegeben wird – doch Unheil über jene bringt, die sie trinken.

Um die Bühnenhandlung zu verstehen, muss man den 1.300-Seiten schweren Wälzer nicht zwingend gelesen haben. Die Regisseurin Konstanze Lauterbach hat ihn auf eine knapp 90-seitige Fassung eingedampft und daraus eine lineare, stringente Erzählung geschaffen. Allerdings verfällt sie dabei ins typische Reader’s-Digest-Verfahren: Die Höhe- und Wendepunkte werden didaktisch aneinandergereiht, alle paar Minuten wird ein Kind geboren, es stirbt jemand, wird verlassen oder verhaftet. Und gerade weil Lauterbach so nah dran bleiben will am Roman, entfernt sie sich von seinem Kern. Auf den vielen Buchseiten wird das vergehende Jahrhundert mit der Zeit geradezu greifbar. Auf der Bühne geschieht alles wie im Schnelldurchlauf.

Hans Otto Theater Potsdam: Das achte Leben (für Brilka) © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Viel zu dominanter Einsatz der Musik

Romanadaptionen sind immer problematisch: Sie können nur dann gelingen, wenn die Bühnenfassung nicht ins reine Nacherzählen verfällt. Sonst bleibt der Eindruck einer nur abgespeckten, ärmeren Form dessen, was die Literatur so viel detailreicher auffächern kann. Die Kunst liegt darin, die Atmosphäre des Buches, die Bilder, Töne, Gerüche, die es heraufbeschwört, sinnlich fürs Theater zu übersetzen.

Diese Übersetzungsarbeit gelingt an diesem vierstündigen Abend zu wenig und mit allzu plakativen Mitteln. Die Regisseurin setzt zwar kontinuierlich auf Bewegung, auf ein stark physisches Spiel – beides jedoch verliert sich oft in nur klischierten Gesten. Schwerwiegender aber ist der viel zu dominante Einsatz der Musik: Gefühlvolle Melodien liegen unter fast jeder Szene – ein pathetischer Soundtrack, den Lauterbach als Gefühlsverstärker einsetzt wie in einem Hollywoodfilm. Eine alles überdeckende Geräuschkulisse, die auf den reinen Effekt zielt.

Wenig einfallsreich

Schwanensee wird stets zitiert, wenn es um Stasias Balletttanz und alle künstlerischen Ambitionen der Figuren geht. Große Callas-Arien aus "Norma" und "Tosca" kommen zum Einsatz, wenn ein Schicksalsschlag droht. Schostakowitschs "Leningrader"-Sinfonie wird (in schön verfremdeter Form) angespielt, wenn der Krieg ruft. In den späteren rockigeren Jahrzehnten geben Velvet Underground den Beat vor.

Auf der Bühne formen Requisiten kleine Spielinseln, hier ein Sessel und eine Lampe, dort eine Badewanne; dahinter werden große Bilder projiziert – doch auch sie sind wenig einfallsreich: ein Stalin-Porträt zur Stalin-Ära, Regen und Hochhäuser in einer London-Episode. Das wirkt weniger sinnlich als schlicht illustrativ. Dabei hätte der Roman viel Stoff geboten für Sinnlichkeit: etwa die magische Schokolade, die einen so betörenden Duft verbreitet – hier schütten die Spieler sie innerhalb von zehn Sekunden hinunter und machen ein Seufzerchen dazu.

Hans Otto Theater Potsdam: Das achte Leben (für Brilka) © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Oft zu flach

Die Inszenierung ist als großer Ensemble-Abend angelegt: 13 Spielerinnen und Spieler stehen auf der Bühne, darüberhinaus Statisten, die immer mal wieder als Partygäste zum Einsatz kommen. Innerhalb des so figurenreichen Stoffs muss jeder mehrere Rollen einnehmen – alle legen sich dabei mächtig ins Zeug, an Gefühlsausbrüchen mangelt es diesem Abend wahrlich nicht. Kristin Muthwill gibt die schöne Schwester Christine angenehm spröde und stolz, Franziska Melzer schwankt als Sängerin Kitty, die es in den Westen schafft, zwischen Fragilität und Härte. Guido Lamprecht legt Hass und Verzweiflung in den Patriarchen Kostja, der so viele Leben mutwillig zerstört.

Doch die Schnelligkeit, mit der sich das Ensemble von einer Rolle in die nächste werfen muss, mit der am laufenden Band geboren, gelitten, gestorben wird, lässt die Figuren in aller Reduktion oft zu flach wirken. Schade zudem, dass Konstanze Lauterbach bei diesem so groß angelegten Abend so wenig Raum für Stille, für das reine Spiel zulässt, sondern jede Gefühlsregung mit hoch dramatischem Sound verklärt.

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Uckermärkische Bühnen Schwedt: "Nürnberg"; © Udo Krause/UBS
Udo Krause/UBS

Uckermärkische Bühnen Schwedt - "Nürnberg"

Schwedt liegt näher an Stettin als an Berlin. Deshalb blickt die Leitung der Uckermärkischen Bühnen schon lange nach Osten. Da passt es, dass zur Spielzeiteröffnung ein Stück auf dem Programm steht, dass sich mit der jüngeren Geschichte Polens auseinandersetzt.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Volksbühne: Eine Odyssee, hier: Daniel Nerlich (Odysseus); © Vincenzo Laera
Vincenzo Laera

Volksbühne - "Eine Odyssee"

Die Pause reicht gerade, um sich notdürftig zu erholen vom akustischen und visuellen Overkill der vergangenen beiden Stunden. Zuletzt hatte Jella Haase so ausdauernd nach "Gerechtigkeit!" geschrien, dass man selbst als Verteidiger derselben ihre glitzernde Bling-Bling-Helena gern – nur kurz! – zum Schweigen gebracht hätte.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: