deufert&plischke: "Liebestod"
Dieter Hartwig
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Tanz im August | Sophiensaele - deufert & plischke: "Liebestod"

Bewertung:

Eine Choreographie über die Liebe, ein Tanzstück voller Geschichten über die Liebe, das noch dazu "Liebestod" heißt. Da wäre einiges zu erwarten, allerdings inszeniert das Künstlerduo "deufert & plischke" ein spannungsarmes Dahinplätschern.

Alltagsgeschichten von der Liebe – Geschichten von Berlinerinnen und Berlinern

In ihrer Choreographie geht es um das Misslingen der Liebe, um gescheiterte Ehen, missglückte Affären und missratene Online-Dates, um ein Begehren, das schwindet oder einfach ins Leere verläuft.

"deufert & plischke", seit fast 20 Jahren ein Künstler-Duo, das in Theater, Performance, Installation und als Hochschul-Dozenten in der Theorie arbeitet, haben Berlinerinnen und Berliner jeden Altes und jeder sexuellen Orientierung befragt, von Digital Natives bis zu Senioren im Weddinger Heim.

Sie haben in den Gesprächen insbesondere nach dem Scheitern der Liebe gefragt und danach, welchen Anteil die Menschen jeweils selbst daran hatten. Aus diesen Geschichten haben sie einige ausgesucht und daraus Bühnen-Texte, Song-Texte und Choreographie entwickelt.

deufert & plischke: "Liebestod"
Bild: Dieter Hartwig

Affäre, Ehekrach, Online-Dating

In den Geschichten geht es um ganz alltägliches. Eine Frau stürzt sich nach 16 Jahren Ehe in eine Affäre, ihr Mann spürt es, versucht dagegen zu halten, in dem er ihr sagt, dass er sie liebt – sie zettelt daraufhin einen Ehekrach an, wofür sie sich nun, Jahre später, schämt.

Eine Frau chattet online mit einem Mann, trifft sich zum ersten Mal mit ihm und lässt ihn ohne ein Wort im Café sitzen, denn er hat geflunkert, ist viel älter, als er im Chat behauptet hat.

Ein Mann wartet im Hotelzimmer auf die Einladung zu einem Date, er selbst wagt den ersten Schritt nicht, wartet und wartet und wird enttäuscht - Wie sich später herausstellt, ist die Einladung nur nicht bei ihm angekommen.

Die Geschichten sind anonymisiert und neutralisiert, sollen beispielhaft und gleichnishaft sein, klingen jedoch nach dem Rascheln von sehr trockenem Papier.

Dieses in papiernen Geschichten geronnene Alltagsleben erzählen die fünf Tänzer, vier Frauen, ein Mann, als Fortsetzungsgeschichten. Dazu treten sie unter ein hängendes Mikrophon in der Ecke der Bühne, eine erzählt, die anderen umringen sie und hören zu, danach schwärmen sie wieder zum Tanz aus – eine Inszenierungsidee, die dem Ganzen den Schwung raubt.

Keine großen Dramen – weder in Text noch in Tanz

Die Geschichten werden eher spannungsarm berichtet, Tänzer sind nun mal keine ausgebildeten Schauspieler oder Sprecherinnen.

Kattrin Deufert und Thomas Plischke interessiert das Normale des Alltags und nicht das große Drama – es gibt also keinen "Liebestod" wie bei "Tristan und Isolde" und keine dramatischen Zuspitzungen wie in Theater, Literatur oder Film. Die Stories werden nicht schauspielerisch dargestellt und auch im Tanz gibt es lediglich zwei Szenen, die etwas erzählerisch und etwas emotional gestaltet sind: Ein Trio mit drei Frauen, eine gerät immer zwischen die beiden anderen, am Ende sitzt eine den beiden anderen gegenüber. Und ein Duo, Mann und Frau, ein Ringen umeinander, das mit ihrem Weggehen endet. Das war es aber auch schon mit in Tanz gestaltetem Liebesdrama.

Zumeist solistischer Tanz – belanglos und beliebig

Der Tanz ist zumeist solistisch, es gibt viel Nebeneinander und etwas Zueinander, aber bis auf wenige Szenen kaum ein Miteinander.

Zudem waren die Tänzerinnen und Tänzer, darunter einige der interessantesten jüngeren Berliner Tanzkünstler, offensichtlich sich selbst überlassen. Jede tanzt vor sich hin, in einem Um-Sich-Selbst-Kreisen, einer Selbstempfindungslust mit eher unpräzisen, verschliffenen Bewegungen, die scheinbar spontanen Impulsen des Selbstausdrucks folgen, mit viel Gliederstrecken, plötzlichen Wendungen, In-Sich-Zusammenfallen und In-Den-Raum-Ausgreifen. Der Tanz wirkt belanglos und beliebig wie die Geschichten.

deufert & plischke: "Liebestod"
Bild: Dieter Hartwig

Arrangement in einer Arena – balladenhafte Musik

All das haben "deufert & plischke" im großen Saal der Sophiensaele arrangiert. Die Zuschauer sitzen an drei Seiten auf niedrigen Podesten um eine Art Arena herum, in der Ecke steht eine kleine Bühne für Keyboard und Mikrophon, für Alain Franco und die Sängerin Rasha Nahas.

Beide haben Songs aus den Liebesgeschichten entwickelt, zumeist im Singer-Songwriter-Balladen-Stil, recht melancholisch, manchmal mit einem Hauch von Jazz vermischt.

Die letzte Zeile des letzten Liedes ist ein Satz aus einer Trennungs-SMS: "Tut mir leid. Es ist aus.". Dann geht das Licht aus.

Lehrstückhafter Abend

Es ist wenig inspirierter, lehrstückhafter Abend. Alles, was einem spontan zur Liebe einfällt, Begehren, Sehnsucht, Ängste, Scheitern, Glück findet nicht statt oder wird nur behauptet.

Arrangement und Dramaturgie wollen spielerisch sein, sind aber hölzern und vorhersehbar, Texte und Tanz hinterlassen keinen Eindruck – es ist langweilig. Schade, denn immerhin war das eine Uraufführung Berliner Tanzkünstler beim Tanz im August, das Festival hätte sich damit schmücken können. Auf dem Heimweg waren dunkle Wolken am Himmel und die Krähen flogen tief – das hat irgendwie gepasst.

Frank Schmid, rbbKultur

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