Tanz im August: Ambiguous Dance Company - Body Concert; © FITS/Sebastian Marcovici
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Tanz im August | HAU1 - Ambiguous Dance Company: "Body Concert"

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Die Ambiguous Dance Company aus Südkorea ist eine Neuentdeckung beim Tanz im August. Vielversprechend klingt das Credo ihres Gründers: Das Leben immer so führen, als würden wir tanzen.

Viel ist über die Ambiguous Dance Company nicht bekannt. Sie wurde 2008 in Seoul von Bo-Ram Kim gegründet, einem Choreografen, der als Tänzer aus der HipHop- und Breakdance-Szene kommt und zehn Jahre lang als Backgroundtänzer etwa für K-Pop-Videos getanzt hat – K-Pop, die spezielle Art der südkoreanischen Pop-Musik.

Eine seiner programmatischen Aussagen wird immer wieder zitiert: Das jedes lebende Wesen einen eigenen Rhythmus habe, das wir Menschen diesen in den Anforderungen der Moderne aber nicht mehr wahrnehmen würden. Dabei sollten wir doch unser Leben immer so führen, als würden wir tanzen. Auch dank diesem Stück "Body Concert" von 2010 hatte die Company sehr schnell Erfolg, was an dem überaus exzentrischen Tanzstil liegen dürfte, den Bo-Ram Kim hier pflegt.

Tanz im August: Ambiguous Dance Company - Body Concert; © FITS/Sebastian Marcovici
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Ein Mix aus vielen Tanzstilen – Körper-Mechanik

Sein Stil ist ein Mix aus vielem: Klassisches Ballett, Modern Dance, Postmodern Dance, Zeitgenössischer Tanz, HipHop und Show-Tanz. Wobei die Exzentrik in diesem Stück darin besteht, dass er seine Tänzerinnen und Tänzer in einer Art Stop-Motion-Technik tanzen lässt.

Die Körper ruckeln und stottern, jede einzelne im Detail scharf herausgearbeitete Bewegung wird angehalten und abgesetzt – das sieht wie ein Automatentanz aus, ein sehr expressiver allerdings. Ein Tanz mit überzogener Mimik, großen Gesten, konvulsivisch zuckenden Leibern, die sich krümmen und dehnen, mit kleinen Trippelschritten, extrem schnellen Drehungen und mit isolierten Körperteilen: die Schulter rollen, die Köpfe kippen, die Beine keilen aus und die Hüften verkanten.

Dieser Stil ist wie ein Bloßlegen der inneren Mechaniken der jeweiligen Tanzstile – das ist eine Körper-Mechanik, dem Rhythmus der Musik unterworfen, ein fast puristischer Ansatz, aber sehr komisch. Das wirkt fast comichaft, da auch alle Tänzer schwarze Stoff-Badekappen tragen, die man unter dem Kinn zubindet und Schwimmbrillen, dazu schwarze Anzüge, weiße Hemden und giftgrüne Socken – eine groteske Kostümwahl, die zum comichaften Tanz passt.

Tanz im August: Ambiguous Dance Company - Body Concert; © FITS/Sebastian Marcovici
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Tanz zu Musikstücken von Barock bis Pop

Bo-Ram Kim lässt zu elf Musikstücken tanzen, von Barock bis Pop. Es gibt keine übergeordnete Handlung und in den einzelnen Szenen keine Handlung oder Psychologie – er folgt v.a. den Rhythmen der Musik.

So gibt es keine Tragik oder Klage im Tanz zu Händels "Lascia ch'io pianga", hier in einer weich gespülten musikalischen Fassung – der Tanz dazu sieht eher ironisch gemeint aus. Bei Johann Sebastian Bachs "Goldberg Variationen" arbeiten die Tänzer die mathematische Struktur der Musik heraus, während eine Tänzerin im Yoga-Kopfstand steht, als Konstante bei den Variationen.

Bei der K-Pop-Musik, ob nun Techno, House oder sentimental-kitschige Ballade, scheint Kim sich über die Theatralik und Melodramatik der Musik lustig zu machen, scharf an der Grenze zur Persiflage. Und zu einem HipHop-Rap-Song lässt er klassisches Ballett tanzen, inklusive beabsichtigten Ausrutschern und Stürzen, extrem beschleunigt und brillant gesetzt, auch wenn nicht alle Tänzer die nötige Ausbildung haben.

Spektakuläre Zugabe – traditionelles koreanisches Lied

Wirklich spektakulär ist dann die Zugabe nach dem ersten Jubel des Publikums. Da erklingt ein traditionelles koreanisches Lied, von Mann und Frau gesungen. Hier folgt sein Tanz nicht nur den Rhythmen des Gesangs sondern auch den Tonhöhen, -verläufen und -längen: das Schwingen der Arme und Beine etwa wandert hinauf und hinab wie der Gesang und dauert so lang wie ein Ton des Sprechgesangs. Hier ist auch die Automatik etwas reduzierter, der Tanz flüssiger – sehr faszinierend und gut, dass sie das noch gezeigt haben.

Kluge Unterhaltung – diese Facette hat noch gefehlt

Nach all den Ernsthaftigkeiten beim Tanz im August, nach der Auseinandersetzung mit Tanzerbe und Tanzgeschichte, nach den politischen Tanzstücken und jenen, die sich mit der Erforschung der Kunstform Tanz beschäftigen, war das die Note, die beim Festival noch gefehlt hat – kluge Unterhaltung und ein guter Spaß.

Ein Problem der diesjährigen Ausgabe ist, dass die große Bühne für das große besondere Gastspiel fehlt. Das Haus der Berliner Festspiele wird renoviert, die Volksbühne gibt es nur für drei Abende, die drei Opernhäuser scheinen sehr weit entfernt von einem Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem Tanzfestival. Das war früher anders und ist ein Fehler der Opernstiftung und der jeweiligen Intendanzen.

Das Festival braucht jedoch ebenso wie die Stadt und das Tanzpublikum, das es in Mengen gibt, wie man bei jedem Gastspiel bedeutender Compagnien erleben kann, auch diese Facette: Tanz für jene, die vielleicht nur ein- oder zweimal im Jahr zum Tanz gehen und dann vielleicht v.a. das Spektakel suchen.

Die Ambiguous Dance Company hat diese Lücke in kleinerem Format gefüllt – ob dieser spezielle Tanzstil auch zu anderen Themen funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Das hier ist Comic, Groteske und Comedy. Zwischen den Musikstücken haben die Tänzer auch rumgealbert, sind fast zu einer Art Gauklertruppe – auf hohem Niveau – geworden. Zum Schluss sind die Tänzer in die Publikumsreihen gegangen, sogar hoch in den ersten Rang und haben sich feiern lassen und dem Publikum gedankt.

Frank Schmid, rbbKultur

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