Jérôme Bel: Isadora Duncan; © Arnold Genthe
Bild: Arnold Genthe

Tanz im August | Deutsches Theater - Jérôme Bel: "Isadora Duncan"

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Tanz-Geschichte und Tanz-Gegenwart – der Tanz im August zeigt beides. Und so ist neben der Retrospektive zu Deborah Hay und der Erinnerung an Merce Cunningham nun auch der Tanz von Isadora Duncan zu sehen, re-inszeniert von einem der bedeutendsten Choreografen der Gegenwart: Jérôme Bel.

Isadora Duncan, Anfang des 20. Jahrhunderts  d i e  Pionierin des modernen Tanzes, Jérôme Bel 100 Jahre später einer der einflussreichsten Tanzkünstler weltweit. Dass er sein neues Porträt-Stück, das auch schlicht "Isadora Duncan" heißt, beim Tanz im August zur Uraufführung bringt, ist eines der Highlights des diesjährigen Festivals.

Lebensstationen und kurze Tänze von Isadora Duncan

Jérôme Bel geht bei seinem Porträt-Stück überraschend simpel chronologisch vor. Er lässt die wichtigsten Lebensstationen von Isadora Duncan erzählen und einige ihrer kurzen Choreografien tanzen und erläutern. Mutige Zuschauer können auf der Bühne einen ihrer Tänze lernen.

Dieses Stück gehört in seine Porträt-Reihe (seit 2004). Tänzerinnen und Tänzer erzählen freimütig von ihrem Leben und Arbeiten, etwa Lutz Förster von seiner Arbeit mit Pina Bausch, Cedrix Andrieux von seinem Leben mit Merce Cunningham.

Das sind hervorragende Stücke, weltweit gefeiert, mit der Idee, Einblicke in die Arbeit und Persönlichkeit von Tanzkünstlern zu geben, Tanzgeschichte hautnah erleben, die Tanzkunst besser verstehen zu können. Das ist auch hier der Ansatz, zum ersten Mal als Porträt einer verstorbenen Künstlerin.

Biografie und wesentliche Einflüsse

Jérôme Bels Erzählerin auf der Bühne ist seine Assistentin Sheila Atala. Sie berichtet freundlich und liebenswürdig vom Aufwachsen Isadora Duncans im San Francisco des späten 19. Jahrhunderts, von ihren ersten Choreografien in Europa, von den Tanzschulen, die sie gegründet hat, 1904 auch hier in Berlin.

Sie erzählt von den vielen Ehen, den drei Kindern, die furchtbarerweise alle früh gestorben sind. Und sie erzählt von den wichtigsten Einflüssen und Ideen: von der Orientierung an der griechischen Antike und an der Natur, von der tiefen Ablehnung des Klassischen Balletts, von ihrem politischen Engagement als frühe Feministin, um nur einiges zu nennen.

Eine Einordnung in die Tanzgeschichte, eine Erläuterung ihrer außerordentlichen Bedeutung fehlt – Jérôme Bel will Isadora Duncan über ihre Tänze erfahrbar machen und hat mit Elisabeth  Schwartz eine wunderbare Tänzerin dafür gefunden.

Elisabeth Schwartz tanzt Isadora Duncan – Erläuterungen der Bewegungen

Elisabeth Schwartz tanzt die kurzen Tänze von Isadora Duncan sehr seelenvoll und voller Hingabe, wie es auch nötig ist. Sie ist 69 Jahre alt und steht über die Adoptivtöchter von Isadora Duncan, bei denen sie in den Siebzigerjahren gelernt hat, quasi in einer Art direkten Nachfolge.

Der Ablauf der Choreografie folgt einer einfachen Struktur: Sheila Atala erklärt die Entstehungs-Umstände einer Choreografie, Elisabeth Schwartz tanzt sie. Dann benennt Sheila Atala jede einzelne Bewegungsphrase und was sie ausdrücken soll und Elisabeth Schwartz tanzt sie noch einmal – mit Musik und ohne.

So sehen und verstehen wir "Mother" von 1921, nach dem Unfalltod ihrer kleinen Kinder entstanden – die Trauer und Abschiednahme, Fürsorge, Schutz und Liebe, das letzte Auf Wiedersehen. Oder "Musical Moment" von 1908 mit seinem fröhlich hüpfenden Jubilieren und Frohlocken: Isadora Duncan war damals frisch verliebt. Oder auch „Water Study“ von 1900 oder 1905, ein Meilenstein, Tanz von Naturerscheinungen geprägt.

Isadora Duncans Tanzstil

Elisabeth Schwartz zeigt äußerst präzise das weich Fließende, das Schwingen, die Wellen, das Strömen der Bewegungen – die weiten Armschwünge, sanften Drehungen, den zum Himmel gereckten Kopf – all die Gefühlszustände, die Duncan in ihrem Tanz ausdrücken wollte.

Ein Bewegungsvokabular, das uns mit seiner heiligen Aura heute etwas kitschig und pathetisch erscheinen mag, damals jedoch eine Revolution war und Vorbedingung für alles, was an Tanz-Erneuerungen im 20. Jahrhundert folgen sollte.

Zu ihrer Zeit war es ein Skandal, dass sie ohne Korsett, barfuß, in weiten Tuniken mit nackten Armen und Beinen getanzt hat. Isadora Duncan hat die Rolle der Frau im Tanz für immer verändert – nur einer der Aspekte ihrer Bedeutung.

Kunst von der Biografie ausgehend erklärt

Als Porträt-Stück funktioniert das bestens, auch wenn Jérôme Bel sich einige Vereinfachungen leistet, vieles aus Duncans Leben beiseite lässt. Zudem lassen sich nicht alle ihrer Tänze aus ihren Lebensumständen erklären – Kunst über das Leben ihrer Schöpfer zu verstehen, führt in der Regel nicht weit oder nur zu Missverständnissen. Bei dieser Auswahl der ja auch nur wenigen überlieferten Tänze funktioniert das allerdings – die Erläuterungen der Bewegungsphrasen und das Mehrfach-Sehen ermöglichen ein intimes Verstehen.

Manchmal hat das ein bisschen was von Urania-Vortrag oder Volkshochschulkurs und seine früheren Porträt-Stücke waren tiefschürfender und raffinierter  – aber das macht nichts: Dieses Stück ist wie eine kleine Erleuchtung, ein kleiner Einblick in die Kunst einer außergewöhnlichen Frau.

Zuschauer tanzen auf der Bühne

Einen Überraschungsmoment setzt Jérôme Bel ungefähr in die Mitte seines Stückes. Einer seiner Grundsätze ist, dass die Zuschauer auch immer Mitautoren einer Aufführung, einer Choreografie sind. Er hat auch schon einige Stücke mit Laien gemacht. Hier nun fragt Sheila Atala, wer Lust hat, von Elisabeth Schwartz einen Isadora-Duncan-Tanz zu lernen – der Andrang ist groß!

Zwölf Zuschauer dürfen auf die Bühne, fast alle scheinen Tänzerinnen und Tänzer zu sein. Und es ist erstaunlich und erhebend zu sehen, wie das Tanzen dieser aus Gefühlen und Vorstellungen entstehenden Bewegungen sie verändert, wie ihre Persönlichkeiten sichtbar werden, wie also der Isadora-Duncan-Tanz noch immer funktioniert und die Menschen zutiefst anspricht.

Einer der vielen wundervollen Momente dieser Choreografie.

Frank Schmid, rbbKultur

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