nora chipaumire: #PUNK 100% POP *N!GGA; © Ian Douglas
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Tanz im August | Sophiensæle - nora chipaumire: "#PUNK 100% POP *N!GGA"

Bewertung:

Punk-Musik von Patti Smith, Pop-Musik von Grace Jones und Musik aus Simbabwe und dem Kongo – das waren einige der Inspirationsquellen für die Choreografin Nora Chipaumire aus Simbabwe und New York. Ihre Arbeit war im letzten Jahr umstritten, diesmal könnte es wieder so kommen.

Dieser Abend ist mit fast vier Stunden, bei zwei Pausen, sehr lang. Er ist extrem laut und die gesprochenen, gesungenen und – ja – gebrüllten Texte sind überwiegend nicht zu verstehen. Und aus sich selbst heraus ist das Stück kaum verständlich.

Dies ist eine Konzertperformance in drei Teilen, aufgeteilt in Punk, Pop und kongolesische Musik – die Musik wird live von DJs gemixt, dazu singen und tanzen Nora Chipaumire und ein Tänzer, während die Zuschauer Teil der Performance sind, sich nicht zurückziehen sollen, sondern eindringlich zum Mitmachen und Mittanzen aufgefordert werden.

Umdeutung und Umwertung – stolzes Selbstbewusstsein

Hinter dem komplizierten Titel, v.a. dem Unwort "N!gga" ("Nigga") verbirgt sich ihre Strategie der Kritik und Selbstermächtigung. Indem sie das Wort verwendet und immer ein "Star" davorsetzt, also vom "Star-Nigga" spricht, wird das beleidigende Schimpfwort umgewertet und als Ausdruck stolzen Selbstbewusstseins gesetzt – das ist der Kern des ganzen Aktionismus.

Der Punk wird hier mit seiner Anarchie zum Brechen aller Regeln und als Idee absoluter Freiheit gesetzt. Die Popikone Grace Jones hat Nora Chipaumire schon immer bewundert, wie sie in einem Interview gesagt hat, weil diese ihr Aussehen und Auftreten absolut autark selbst bestimmt habe. Und im letzten Teil heißt es schließlich "every Nigga is a Star".

Kritik an Rassismus, Kolonialismus und Kapitalismus und die Fragen, wie die afrikanischen Staaten tatsächlich unabhängige Entwicklungen gestalten könnten, wie dem Alltagsrassismus gegenüber People of Color begegnet werden kann – das sind auch hier wieder ihre Themen.

Dreiteilig: Belästigend laut, fröhlich-lebensfroh, zum Aussitzen

In den ersten beiden Teilen, zu Punk und Pop, ist das Publikum auf der Bühne und die beiden stromern tanzend und singend durch die Zuschauer, wobei der Funke nur sehr langsam überspringt. Der Punk-Teil ist infernalisch laut: afrikanische Popsongs und Spuren von Punk-Musik werden ineinander und übereinander geblendet, ein exzellenter Schlagzeuger gibt in Highspeed alles, Chipaumire brüllt unverständliches – das ist belästigend und rau und roh.

Im Pop-Teil, der wie ein Disco-Abend mit bunten Lichtern arrangiert ist, tanzen fast alle Zuschauer dann zum Grace-Jones-Klassiker "Pull up to the Bumper", es herrscht eine fröhlich-ausgelassene Stimmung.

Im dritten Teil sitzt Chipaumire auf einem Thorn, auf einer Pyramide aus Holzkisten und singt mit einer Krone auf dem Kopf vermutlich in ihrer Muttersprache. Sie stammt aus Simbabwe, lebt und arbeitet in New York. Diesen Teil sitzt man ehrlich gesagt nur noch aus, bevor am Ende dann wieder das Publikum frei auf der Bühne tanzen kann.

Konfrontation – keine Erklärung, Vermittlung der Positionen

Verständnis für ihre Themen zu erzeugen, ihre Positionen und Botschaften zu erklären und zu vermitteln, ist nicht ihre Absicht. Chipaumire setzt auf Konfrontation. Nur hin und wieder sind betont gesetzte Schlagworte zu verstehen: "No future" oder "Ihr könnt euch nur selbst befreien, niemand kommt, um uns zu retten, keine NGO oder Deutsche Bank" oder auch "Afrika-Konferenz 1884" – eine Anspielung auf die sogenannte Kongo-Konferenz in Berlin mit der Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten.

Wer das nicht mitbekommt oder die Kontexte nicht kennt, sieht zwei Tänzer, die recht grob Klischees und Stereotype zu tanzenden schwarzen Menschen ausstellen und zerbrechen, die sich extrem selbstbewusst in Triumph- und Siegesposen werfen. Wie sich individuelle und politische Macht in körperlicher Präsenz ausdrückt, wie People of Color sich auf der Bühne präsentieren – das sind ebenfalls ihre Themen. Wobei das hier eher nach aggressiver Behauptung klingt und aussieht, als nach innerer Souveränität.

nora chipaumire: "#PUNK 100% POP *N!GGA"; © Ian Douglas
Bild: Ian Douglas

Ausbruch an Energie und kanalisierter Aggression

Dieses Stück ist noch mehr als ihre Performance im Boxring im letzten Jahr ("Portrait of myself as my father") ein Ausbruch an Energie und kalkuliert kanalisierter Aggressivität und Wut. Mitunter blitzt ein harter hintergründiger Humor auf, mitunter ist das pure Lebenslust und Lebensfreude, überwiegend jedoch eine Herausforderung – und Überforderung.

Nora Chipaumire schert sich nicht um Regeln und Konventionen der Bühnenkunst von Tanz, Theater oder Performance, was akzeptabel ist und erfrischend, mitunter aber auch improvisiert misslungen wirkt.

Dass sie die inhaltlichen, v.a. politischen Kontexte ihrer Arbeit nicht mitliefern, sozusagen konsumierbar verständlich einbauen will, ist eine radikale künstlerische Haltung – aber ihre Radikalität wird hier doch oft zur Pose, wirkt ausgestellt und verkrampft mutwillig.

Das ist etwas zu oft zu grobes aktionistisches Brachial-Theater.

Frank Schmid, rbbKultur

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