Deborah Hay: Animals on the Beach; © Camille Blake
Camille Blake
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HAU1 - Tanz im August - Festivaleröffnung

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Der Tanz im August hat begonnen, das größte und wichtigste Tanzfestival in Deutschland und das in diesem Jahr mit 31 Tanzproduktionen, darunter sieben Uraufführungen und 18 Deutschland-Premieren – ein riesiges Programm!

Deborah_Hay: my choreographed body ... revisited; © Camilla_Greenwell
Bild: Camilla Greenwell

Zur Eröffnung gestern Abend im Hebbel am Ufer hat die legendäre amerikanische Choreografin Deborah Hay zwei Uraufführungen gezeigt. Darunter ein Solo, in dem sie selbst mit ihren 78 Jahren tanzt, ein außergewöhnlicher Moment: "my choreographed body ... revisited".

Deborah Hay, klein und zart, mit Brille und die grauweißen Haare zu Zöpfen gebunden, hat ein faszinierendes Solo getanzt, ganz bescheiden, ohne Starallüren, die sie sich erlauben dürfte, 20 Minuten lang. Und sie hat sich nicht geschont, hat den gealterten Körper nicht zu verbergen, zu überspielen versucht, ganz im Gegenteil – sie hat einen Tanz der Suche gezeigt, der radikalen Selbst-Befragung: welche Bewegung, welche Geste, welche Position ist richtig, fühlt sich stimmig an oder muss doch fallen gelassen, verändert werden?

Mit kleinen Schritten, wie suchend ausgreifenden, rudernden Armen, mit schräg verkanteten Körperhaltungen – immer wieder ein Neujustieren des Körpers, der Position im Raum – immer ein offenes Schauen ins Publikum, über die Bühne, ein waches Spüren nach Innen – das war wunderbar anzuschauen.

Tanz-Geschichte und -Gegenwart

Deborah Hay ist lebende Tanzgeschichte und zugleich immer noch Suchende, sie tanzt und choreografiert und unterrichtet noch immer, auch mit ihren 78 Jahren. Und sie hat Generationen von Tanzkünstlern geprägt, seit den Sechzigerjahren. Damals gehörte sie zu jenen, die eine Tanz-Revolution begonnen haben – heute bekannt als Judson Church oder Judson Dance Theatre. Ein Aufbruch in die Postmoderne des Tanzes: weg vom Klassischen Ballett natürlich und weg vom Modern Dance, raus aus den Studios, Ballettsälen und Theatern, raus auf die Straßen und Plätze, neue Bewegungen, neues Denken von Tanz und Choreografie.

Das ganze Kompendium des postmodernen Tanzes und letztlich auch der heutigen Performance-Kunst stammt aus jener Zeit. Und Deborah Hay setzt all das noch heute um, ohne dabei zum lebenden Museumsstück werden zu wollen, sondern immer fragend: Was ist Tanz, was ist Choreografie, wie kann und wie will ich mich bewegen?

All das kann man jetzt bei der Werkschau beim Tanz im August sehen – und das ist eine hervorragende Idee der Festival-Kuratorin Virve Sutinen.

Deborah Hay: Animals on the Beach; © Camille Blake
Bild: Camille Blake

Tiere am Strand

Im nahtlosen Übergang folgte ihre zweite Uraufführung des Abends, ein Stück für fünf Tänzerinnen und Tänzer. Sie alle, auch schon etwas älter, haben mit ihrem jeweils eigenen Bewegungsmaterial die Prinzipien des Deborah-Hay-Tanzes umgesetzt, etwa, aus ihren eigenen Lebens- und Tanzerfahrungen zu schöpfen. So waren also Spuren von Ballett und zeitgenössischen Tanzstilen zu sehen. Und auch hier ein Suchen, Spüren, Neufinden und Neujustieren. Verkantete Körper, schiefe, gebrochene Körperachsen, ein Abbrechen und Verflüssigen von Bewegungen.

Deutlich wurde, wie radikal Deborah Hay die Konventionen von Choreografie durchbricht: den Umgang mit Zeit, Dramaturgie und Dynamik, mit Positionen im Raum, mit der Steuerung von Aufmerksamkeit. Allerdings hat das hier künstlich gewirkt, gewollt und nicht selbstverständlich und liebevoll aus sich heraus wie bei Deborah Hay. Die erwünschte nüchterne Unterspannung wurde zu Energie-Armut, die fünf sind nie zu einem miteinander kommunizierenden Netzwerk geworden, sind Solisten geblieben, die nichts übergeben oder übernehmen.

Deborah Hay hat gesagt, bei den Proben habe sie die Tänzer als Tiere am Strand empfunden, "Animals on the Beach" heißt auch das Stück, ich dachte an Einsiedler, die an einem ihnen unbekannten Ort ausgesetzt wurden und allein gelassen bleiben – das waren leider mühsame 50 Minuten.

Proteste der Berliner Tanzkünstler

Vor der Eröffnung des Festivals, draußen vor dem Hebbel Theater, gab es Proteste Berliner Tanzkünstler gegen zu geringe Förderungen im kommenden Berliner Doppelhaushalt 2020/21. Etwa 50 bis 60 Künstlerinnen und Künstler, darunter viele bekannte und namhafte, haben gegen die Finanzpläne des Kultursenats protestiert – laut und kreativ, mit einer lustigen Choreografie, quasi zum Mitmachen für alle.

Diese Proteste haben für eine verspätete Eröffnung gesorgt und wurden in den Eröffnungsreden etwa von Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert aufgegriffen, wenn auch etwas beschwichtigend – sie sollen in den kommenden Wochen fortgesetzt werden.

Das war eine ungewöhnliche Tanzfest-Eröffnung mit einer wunderbaren Deborah Hay, einem schwachen Gruppenstück und protestierenden jungen Tanzkünstlern.

Frank Schmid, rbbKultur

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