Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary; © Johannes Gellner
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Tanz im August | HAU1 - Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: "The Wonderful and the Ordinary"

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Nach zwei Tagen Ruhepause geht es beim Tanz im August nun mit Schwung weiter. Gestern Abend zum Beispiel mit der Deutschlandpremiere der schwedischen Choreografin Gunilla Heilborn: "The Wonderful and the Ordinary", einem Stück über das Erinnern.

Gunilla Heilborn geht ihr Thema v.a. mit den Mitteln der Performance und des postdramatischen Theaters an, getanzt wird nur einmal und das ironisch gemeint und possierlich gemacht. Es ist eine Produktion mit dem Theater im Bahnhof aus Graz. So sind Tänzer und Schauspieler auf der Bühne und es wird gut 70 Minuten lang viel gesprochen und ein bisschen melancholisch gesungen.

Im Kern geht es um die Frage, woran wir uns erinnern – lediglich an die bedeutenden Ereignisse oder auch an die gewöhnlichen des Alltags. Und es geht um Gedächtnis-Techniken – von alldem erzählen die fünf Performer und das spielen sie nach in Gunilla Heilborns typischem Stil.

Gunilla Heilborn & Theater im Bahnhof: The Wonderful and the Ordinary; © Johannes Gellner
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Techniken des Gedächtnis-Trainings erzählt und nachgespielt

Etwa die bekannte Gedächtnis-Trainingstechnik, sich ein Haus vorzustellen und in jedem Zimmer eine Erinnerung zu verstauen. Eine Schauspielerin spielt das durch, denkt an ihr Wohnzimmer, erinnert sich an eine Party, wer wo saß und wie langweilig, spießig und alt sie ihre Freunde dabei empfunden hat.

Oder die Technik, sich Bilder und Szenen einzuprägen. Hier stellen sich zwei Frauen betont plump-sexy mit Pistole und Gewehr in Pose. Denn auch diese Gedächtnis-Geschichte wird erzählt: Dass Zeugen bei einem Bank- oder Raubüberfall mit Waffen extrem schlechte Zeugen sind, da sie sich nur auf die Waffen, nicht aber auf die Täter konzentrieren. Und so streiten sie sich also darüber, wie die Bankräuber ausgesehen haben: groß, dünn, dick, Frau, Mann, Bart oder nicht.

Es gibt etliche solcher lustigen Anekdoten und Szenen, etwa wie sich Erinnerungen an Musikstücke anheften oder an den Geruch von Essen – die Madeleine von Marcel Proust lassen grüßen – oder wie jene Anekdote vom gemeinsamen Besuch im Arnold-Schwarzenegger-Museum in Graz. Allerdings erinnert sich jeder an etwas anderes.

Zitate aus Tagebüchern – das Vergessen des Alltäglichen

Das im Stücktitel versprochene Gewöhnliche des alltäglichen Lebens kommt ins Spiel, in dem alle aus ihren Tagebüchern zitieren, geschrieben im Frühjahr 2017, als sie dieses Stück geprobt haben: welches Buch gelesen, was gegessen, wen getroffen, mit wem welchen Streit geführt.

Das ist die melancholische Botschaft des Stückes: Der Alltag wird vergessen, nur die außergewöhnlichen Ereignisse bleiben in Erinnerung, ob sie nun besonders schön oder furchtbar sind. Hier durchgespielt am Beispiel des Attentats in Stockholm im April 2017, bei dem ein Attentäter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge gerast ist – jeder der Performer weiß noch, wo er war, als er davon gehört hat. Uns allen dürfte es mit dem 11. September so gehen.

Um das gewöhnliche Alltagsgeschehen nicht zu vergessen, sagt einer der Schauspieler, müssten wir alles aufschreiben, im Prinzip minutiös, was natürlich auch nicht funktioniert, wie er etwas resigniert andeutet.

Exkurse zu Gedächtnis-Training und Gedächtnis-Kunst der Antike

Die Performance ist ein kleiner Exkurs zu bekannten Gedächtnis-Trainings-Übungen und in die Gedächtnis-Kunst in der Antike, bei den Griechen und Römern. Und mit kleinen Ausflügen in die altbekannte Erkenntnis, dass Erinnern auch immer Konstruieren ist, dass wir uns unsere Erinnerungen neu schreiben können und in die Erkenntnis, dass alles Nostalgische vermutlich erfundene, herbeigesehnte Erinnerungen sind. Denn wie sagt eine Schauspielerin: Auch früher hat nicht immer die Sonne geschienen. Wäre da nicht die Spiel- und Inszenierungstechnik von Gunilla Heilborn, wäre das allein auf der inhaltlichen Ebene ein recht banaler Abend.

Typisches Heilborn-Stück – melancholisch, lakonischer Humor

Aber ihre Stilmittel funktionieren nach wie vor – dies ist ein für sie recht typisches Stück. Sie setzt immer filmische Mittel ein, hier ein schmales Videoband mit Bildern von Straßen, Häusern, Autos, Hunden. Sie lässt ihre Performer wieder völlig unterspannt, also fast ausdruckslos, fast emotionslos auftreten, wodurch die banalsten Texte und Szenen eine lakonische Färbung, einen Hang zum absurden Humor und absurden Theater bekommen. Sie bindet das Publikum ein, das immer direkt angesprochen wird und sich am Ende etwa erinnern soll, was einer der Performer am Anfang erzählt hat.

Das ist ihr feinsinniges, leises, recht melancholisches und völlig unspektakuläres Theater, dicht gewebt, dramaturgisch hervorragend gebaut und mit ihrem sehr trockenen Humor, skurril und eigenartig, eine äußerst eigenwillige Kunstwelt.

Das ist kein Abend, der lange in Erinnerung bleiben wird, bei dem ganz eindeutig der Tanz gefehlt hat, die eine lustige Party-Szene, in der alle steifgliedrig herumschreiten, reicht nicht – aber immerhin ein charmantes, kleines Stück.

Frank Schmid, rbbKultur

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