Latifa Laâbissi: "White Dog"; © Nadia Lauro
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Tanz im August | HAU2 - Latifa Laâbissi: "White Dog"

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Um Fluchtbewegungen und Ausweichmanöver als Formen eines poetischen Kampfes – darum soll es im neuen Stück der französischen Choreografin Latifa Laâbissi gehen: "White Dog" hatte gestern Deutschland-Premiere beim Tanz im August.

Allerdings ist die ganze Choreografie als eine Art Flucht- oder Ausweichbewegung zu verstehen. Eigentlich wollte sie, lässt sich Latifa Laâbissi im Programmzettel zitieren, ein Stück über die aktuelle politische Situation in Frankreich inszenieren. Da aber die Kontroverse derart aufgeladen sei, habe sie sich zu einer poetischen Allegorie entschieden.

Man erfährt zwar nicht, welche Kontroverse gemeint ist. Nach Ansicht des Stückes können jedoch nur Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, die Ablehnung des Fremden, gemeint sein. Denn Laâbissi thematisiert den Blick auf das Fremde, das Unverständliche, das Angst und Abwehr auslösen kann – und ist damit bei einem der bedeutendsten Themen unserer Zeit.

Künstliche Welt – ein neongelb leuchtender Urwald

Dafür hat Latifa Laâbissi eine abstrakte künstliche Welt erschaffen, einen leuchtenden Urwald – auf der Bühne stehen neongelbe Baumstämme ohne Blätter und Krone, umgeben von neongelb leuchtenden, vielfach krummen Stäben, die an Lianen erinnern.

Drei dunkelhäutige Frauen und ein weißer Mann bewohnen diese Welt und sie ergehen sich in unverständlichen Ritualen. Sie sitzen in der sehr langen Anfangsszene friedfertig um einen Haufen gelb leuchtender Seile und verknoten sie zu Kopfschmuck und Halsschmuck. Ob dies Phantasiegebilde, vielleicht kulthafte Gegenstände sind, bleibt unseren Vermutungen überlassen, denn erklärt wird nichts.

Wir schauen wie Naturforscher selbstbewussten autonomen Individuen zu, ohne verstehen zu können, was sie tun und was ihr Handeln bedeutet. Wir können das Fremde nur behelfsmäßig übersetzen: Vielleicht wird hier Körperschmuck für ein bevorstehendes Fest hergestellt.

Vorurteilsfreier Blick auf eine fremde Welt möglich?

Gibt es einen vorurteilsfreien Blick auf das Fremde? Gleich zu Beginn setzt Latifa Laâbissi dieses Thema und lässt weitere Szenen dazu folgen. So ergehen sich die Tänzer in ritualhaften Tänzen – war am Anfang nur Stille, Vogelgekrächze und Hundegebell zu hören, erklingt nun mechanisch-rhythmische Musik, erst leise, dann sehr laut.

Dazu schleudern sie die Arme und Köpfe, stampfen mit den Füßen auf, die Gesichter zu Grimassen verzerrt, die Augen gerollt, die je nach Licht golden oder silbern leuchtenden Gebisse gebleckt – es bleibt nicht deutbar, welche Gefühle sie bewegen. Später kommen ein Stampf-Tanz zweier Frauen mit Fußfesseln, Reigentänze in Linien sowie Kreisen in Hüpf-, Stampf- und Trippelschritt-Rhythmen hinzu. Die Musik ist nun ein gefälliger, leicht psychedelischer Blues.

Latifa Laâbissi: "White Dog"; © Nadia Lauro
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Unverständliche Rituale – Spiegelung des Zuschauerblickes

Wir sehen also Rituale einer Gruppe von Menschen, die unserem Verständnis fern bleiben, versuchen sie mit urteilendem Blick zu interpretieren. Sind das vielleicht Verzerrungen unserer überholten, schon immer falschen westlichen klischeehaften Vorstellungen von traditionellem afrikanischen Tanz oder den Tänzen indigener Völker?

Unser Zuschauerblick und unsere Suche nach Verständnis werden gespiegelt und das ist die Botschaft des Stückes: Wie wir das Fremde wahrnehmen, vielleicht als Wert für sich annehmen, liegt in unserer Entscheidung und Verantwortung.

Gegenwärtige Diskurse in Allegorien

Latifa Laâbissi hat also einen Weg gefunden, gegenwärtige Diskurse künstlerisch allegorisch zu thematisieren – den Diskurs zu Kolonialismus und Rassismus. Und zu Identitätspolitik: Wer schreibt wem welche Identitäten zu? Den Diskurs zu kultureller Identität: Wer nimmt sich das Recht, anderen zu gestatten oder zu verbieten, zu einer Gemeinschaft zu gehören? Den Diskurs zu Fremdenfeindlichkeit und Abschottung. Alle diese Themen sind im zeitgenössischen Tanz auch in Berlin gerade sehr populär.

Eigenwillig, ungewöhnlich, streitbar – und inkonsequent

Laâbissi hat ein künstlerisch sehr eigenwilliges, ungewöhnliches und streitbares Stück entworfen. Mit dem Mut, keine angepasste, sondern herausfordernde Kunst zu schaffen – dies ist der erste Streitfall beim Tanz im August.

Allerdings ist sie auch inkonsequent, bietet nach dem radikalen Beginn des langen Herumsitzens auch etliche bunte Schauwerte in Bühnenbild und Tanz. Sie folgt einer recht simplen Dramaturgie der Beschleunigung und Entschleunigung. Inhaltlich und szenisch gibt es keine Weiterentwicklung und auch die beinahe kreatürliche Bewegungssprache entfaltet sich nicht. Gegen Ende des Stückes wird der Tanz nur gefälliger, steigert sich in ein Spektakel.

Das Stück verharrt also in der einmal gefunden Zustandsbeschreibung, bleibt der einmal formulierten Idee verhaftet – die Fiktion einer fremden Gemeinschaft genügt sich ausschließlich selbst, das Ausweichmanöver bleibt eine Illusion und damit in der Gefahr, politisch beliebig interpretierbar zu sein.

Über die gesamten 70 Minuten trägt das nicht – am Ende gab es wohlwollenden Applaus.

Frank Schmid, rbbKultur

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