Tanz im August: Alan Lucien Øyen | winter guests - "Story, story, die."; © Mats Bäcker
Mats Bäcker
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Tanz im August | HAU1 - Alan Lucien Øyen / winter guests | Story, story, die.

Bewertung:

Die letzte Premiere bei einem großen Festival hat immer eine besondere Bedeutung. Virve Sutinen, die Leiterin von Tanz im August, hat ihr Vertrauen erneut dem norwegischen Choreografen Alan Lucien Øyen geschenkt. Ein Highlight zum Abschluss?

Und das Vertrauen von Virve Sutinen war richtig, Øyens Stück ist ein Highlight zum Festival-Abschluss, ein raffiniertes Stück, großartig getanzt. Anders als im letzten Jahr, als Alan Lucien Øyen mit dem Tanztheater Wuppertal deutlich gescheitert ist.

Zur Erinnerung: Øyen war einer jener jüngeren Choreografen, denen die in Wuppertal unter unwürdigen Umständen geschasste Intendantin Adolphe Binder einen Neustart für die berühmte Truppe von Pina Bausch zugetraut hatte. Hier nun zeigt er sein Talent, ungewöhnliche Erzähltechniken und außerordentlichen Tanz vereinen zu können. Jetzt erst ist zu verstehen, was Adolphe Binder an ihm gereizt haben dürfte.

Tanz im August: Alan Lucien Øyen | winter guests - "Story, story, die."; © Mats Bäcker
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Spiel an der Grenze von Authentizität und Illusion

Alan Lucien Oyen spielt hier ein zweifaches Spiel mit doppeltem Boden. Er bedient die gute alte Illusionsmaschine Theater und zeigt, dass alles nur Fiktion ist. Und zeigt, dass das egal ist, solange die Geschichten gut sind und uns berühren. Es ist also durchaus nostalgisch, wenn er seine Tänzer und damit uns Zuschauer in Dutzenden Miniatur-Szenen von Liebe und Tod durch die heftigsten Gefühlszustände jagt, dabei immer die Fiktion deutlich macht und darauf besteht, dass wir diese Illusionen genießen können und benötigen.

Und tatsächlich: Warum sollten wir uns von Geschichten, noch dazu von derart großen dramatischen nicht faszinieren lassen? Dieses Spiel auf der Grenze von Authentizität und Illusion bestimmt den Abend und man stürzt von einem Extrem ins nächste.

Liebe kreuz und quer – Scheitern inbegriffen

In seinen Miniatur-Szenen geht es um die Rollen und Identitäten, die wir je nach Situation annehmen, wenn wir etwa als klug und begehrenswert erscheinen, wenn wir geliebt werden wollen. Und geliebt wird hier viel und kreuz und quer. Es gibt Dutzende Versuche, nicht mehr allein und traurig zu sein, wie es in einer Szene heißt, aber von Begehren und Hingabe zu Manipulation, Dominanz und Aggression ist es nie weit.

Die Paare, die die sieben Tänzer immer wieder vorübergehend bilden, zerschreddern geradezu und sei es, wie in einer Szene, weil die Selbsttäuschungen, denen beide jeweils für sich unterliegen, ein ehrliches Miteinander unmöglich machen. Innerhalb von Sekunden schlüpfen die Tänzer mit Körpersprache und Mimik in verschiedene Identitäten, sind schüchtern, zynisch, aggressiv, leidenschaftlich und verklemmt. Jede Szene ist berührend, obwohl sofort der harte Bruch kommt, die Erinnerung: das ist alles nur Fiktion.

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Tanz der Widersprüchlichkeiten

Dazu passend beruht auch der Tanz auf Widersprüchlichkeiten. Die Tänzer folgen in extremer Gelenkigkeit gegensätzlichen Bewegungsimpulsen, die ihre Körper eigentlich zerreißen müssten, denn alles strebt auseinander. Die Bewegungen sind explosiv, extrem schnell, dennoch geschmeidig und elegant.

Øyen gelingen v.a. in den Duos, seiner Stärke, ungewöhnliche Szenen. Da gibt es ein Liebesduett von Mensch und Android: Weiches und Mechanisches treffen aufeinander, Sehnsucht und Algorithmus. In einem anderen tanzt ein Mann ein Solo, während ein zweiter versucht, sich an ihn zu schmiegen, mit ihm eins zu werden – nur dass der Solist ihn gar nicht wahrnimmt.

In einer anderen Szene meint man sehen zu können, wie die Seele sich von einem sterbenden Körper löst. Denn Liebe und Tod, so Øyen in diesem Stück, gehören neben dem Wunsch, Geschichten zu erzählen, ihnen zu lauschen, sie zu sehen, ihnen zu glauben, zu den einzigen Konstanten des Mensch-Seins.

Ein verwirrendes, irritierendes und faszinierendes Stück mit großartigen Tänzern und einem partikelhaften Storytelling, einer Sturmflut emotionaler Szenen – Text, Schauspiel, Tanz und Musik, oft neoklassische, weich melancholische Musik in einem einzigen Flow.

Tanz im August – vom unbeschwerten Auftakt zum Arbeitsfestival

So geht das Tanzfestival zu Ende, das nach dem fröhlich-unbeschwerten Auftakt zu einem Arbeitsfestival geworden war, mit vielen Herausforderungen, etwa mit provokant gesetzten politischen Themen und mit Erinnerungen an die Tanzgeschichte.

Die Deborah-Hay-Werkschau mit alten und neuen Werken ist rundum gelungen, die Erinnerung von Jérôme Bel an Isadora Duncan war zwar ein Leichtgewicht, aber immerhin unterhaltsam und das Ballet de Lorraine mit seinem Gedenken an das Erbe von Merce Cunningham war ein absoluter Höhepunkt.

Vergnügliches und Leichtes waren eher rar und die großen berühmten Compagnien und die großen Gruppenstücke haben ganz eindeutig gefehlt. Dafür gab es erfreulich viele Uraufführungen, Deutschlandpremieren und auch einige Entdeckungen und Überraschungen. Etwa den klugen Klamauk der Ambiguous Dance Company aus Südkorea oder das extrem strenge, reduzierte Trance-Stück der japanischen Company Kaori Seki.

Dieses Festival war ein Abbild der vielen Stimmen und Strömungen derzeit im Zeitgenössischen Tanz – ein Arbeitsfestival mit einem beglückenden Ende.

Frank Schmid, rbbKultur

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