Par B.L.eux/Benoît Lachambre & Sophie Corriveau: Fluid Grounds; © Dajana Lothert
Bild: Dajana Lothert

KINDL | HAU2 | HAU3 - Tanz im August - 1. Wochenende

Bewertung:

Am ersten Wochenende des Tanzfestivals waren insgesamt vier Choreografien sowie drei Installationen und Ausstellungen zu sehen, verteilt über die ganze Stadt – Überraschungen und Kuriositäten.

Nach dem nicht restlos überzeugenden Eröffnungsabend mit den beiden Uraufführungen von Deborah Hay war das ein Tanzfest-Wochenende voller Überraschungen und Kuriositäten. Es gab kluge Unterhaltung, viel Absurdes, viel Tanz. Überall war es voll, das Publikum war in Massen unterwegs, es gab diese spezielle Festival-Energie: man erzählt sich, was man gesehen hat, spekuliert voller Vorfreude, was als nächstes kommt.

Denn das war ein qualitativ sehr gutes Wochenende und hatte die Grundstimmung von glücklichen Kinderspielen, ausgelöst auch durch die bunte Spielwiese, die Benoît Lachambre mit seiner Installation, seiner Durational Peformance im Neuköllner KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, der früheren Brauerei, in den Saal gezaubert hat.

Benoît Lachambre/Par B.L.eux & Sophie Corriveau: "Fluid Grounds"

Benoît Lachambre, einer der wichtigsten zeitgenössischen Choreografen und in den letzten Jahrzehnten oft beim Tanzfestival zu sehen, hat einen Raum des freien, kreativen Spielens eröffnet. Am Samstagnachmittag sind auch kleine Kinder durch die Installation gekrabbelt, haben mit den Kunstobjekten, mit den Bällen und Ingwerwurzeln ähnlichen Objekten, alle aus Klebeband, gespielt, während die Eltern in den Sitzsäcken hingen.

Dies ist eine frei begehbare Installation im Entstehen, bei der seine manchmal auch ein wenig tanzenden Künstlerinnen und Künstler den Betonboden und die großen Stahlstellwände mit farbigem, breitem Klebeband in regenbogenbunten Kreisen, Ellipsen und Spiralen beklebt haben. Der ganze Raum war kunterbunt und weil die Klebebänder einander überlappen, gab es perspektivische Verzerrungen.

Da waren Wellen zu sehen, Wellenkämme und -täler, ein buntes Meer dahinfließender Muster. Hartes Arbeitsmaterial: Beton, Stahl und Klebeband in tänzerische Bewegung versetzt – das war faszinierend und hat Erinnerungen an Kindheitsspiele geweckt.

Catherine Gaudet: The Fading of the Marvelous; © Mathieu Doyon
Bild: Mathieu Doyon

Catherine Gaudet: "The Fading of the Marvelous"

Sehr beeindruckend war der schräge Automaten-Tanz von Catherine Gaudet – eine Entdeckung beim Tanz im August! Sie hat ihre bis auf die Unterhosen nackten fünf Tänzerinnen und Tänzer durch heftige Gefühlswelten gejagt. Mit überzogener Mimik und Körpersprache haben sie Staunen, Glück, Furcht, Zweifel oder Triumph ausgedrückt, waren kreischende Babys und debil zappelnde Zombies.

Catherine Gaudet interessiert sich dafür, wie wir Emotionen körperlich ausdrücken. Sie hat ihre völlig schamfreien Tänzer in peinliche und abstruse Zustände geschickt und das mit minimalistischem Schrittchen-Hüpfer-Tanz in immer gleichen Variationen, zu immer gleich pochender House-Music – ein Roboter-Tanz. Das hatte hypnotische Momente, war ekstatisch und grotesk, kein Schwergewicht, aber man ist grinsend und kopfschüttelnd rausgegangen.

Nicola Gunn: Piece for Person and Ghetto Blaster; © Gregory Lorenzutti
Bild: Gregory Lorenzutti

Nicola Gunn: "Piece for Person and Ghetto Blaster"

Das bisherige Highlight beim Tanzfest hat jedoch Nicola Gunn aus Melbourne, ebenfalls eine Neu-Entdeckung beim Tanzfestival, mit ihrem Solostück mit Ghettoblaster gezeigt. Aus dem  großen Achtzigerjahre-Ghettoblaster hat ein simpler Synthesizer-Song geplärrt und Nicola Gunn hat dazu im lockeren Plauderton 70 Minuten lang geratscht, getratscht, geplappert, eine verrückte Geschichte erzählt und Bewegungen wie in den Fernseh-Aerobic-Shows der Achtzigerjahre gezeigt.

Ein Mann, Steine und eine Ente

So absurd wie der Tanz war auch die raffinierte Geschichte, die sie wie in der Gegenwartsliteratur aus vielen Perspektiven erzählt hat. Eine Frau ist in der Fremde, im belgischen Gent. Sie sieht, wie ein Mann am Kanal steht und Steine auf eine Ente wirft. Sie fragt sich nun, was das soll, ob sie sich einmischen, Verantwortung übernehmen, das Tier retten, den Mann zur Rede stellen soll.

Diese Geschichte nimmt die verrücktesten Wendungen – sie stellt sich z.B. vor, wie Jahrzehnte später eine der erwachsen gewordenen Töchter des Mannes bei ihrer Psychiaterin sitzt und ihr Kindheitstrauma zu bewältigen versucht, ihr Erlebnis, in dem eine völlig hysterische Frau kreischend ihren Vater angegriffen hat, dabei hat dieser doch nur mit seinen Töchtern gespielt.

Am Ende steht dann die Pointe, dass das Steinewerfen ein Kunstprojekt für die Kunst-Biennale war, über das Agieren und Interagieren von Menschen im öffentlichen Raum, über Intervention aus moralischem Antrieb.

Ein staunenswertes Stück

Das Entscheidende ist, wie Nicola Gunn ganz spielerisch Literatur, Psychologie, Philosophie, Soziologie, Anthropologie, Bio-Ethik, Kolonialismus und Kunsttheorie  mit Tanz vereint hat und auch mit Alltagsrassismus, denn der Steinewerfer ist dunkelhäutig, was wir jedoch erst am Ende erfahren.

Ein staunenswertes Stück, denn hier geht es in vermeintlich simpel-amüsanter Atmosphäre um uns Menschen heute: wie wir leben, denken, was wir uns wünschen, ersehnen, worunter wir leiden, was unsere seltsame Psyche mit uns anstellt. Ein großartiges Stück, unterhaltsam, klug, immer wieder überraschend.

Ein tolles erstes Wochenende beim diesjährigen Tanz im August.

Frank Schmid, rbbKultur

Weitere Rezensionen

EKMAN | EYMAN
© Cyan

Staatsoper Unter den Linden - Staatsballett Berlin: EKMAN | EYAL

Doppelte Uraufführung beim Berliner Staatsballett. Mit Sharon Eyal und Alexander Ekman ist es dem Staatsballett gelungen, zwei international sehr gefragte Künstler nach Berlin zu holen, beide haben erstmals Stücke für das Staatsballett entwickelt. Gestern Abend war Premiere von "Ekman / Eyal" in der Staatsoper Unter den Linden.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
Laurent Chétouane & Leonard Engel:: "Op. 131 End/Dance" © Eva Würdinger
Eva Würdinger

HAU 1 - Laurent Chétouane & Leonard Engel: Op. 131 End/Dance

Das Beethoven-Jahr zum 250. Geburtstag wirft seine Schatten voraus. Und das nun auch im Tanz. Der Berliner Choreograph Laurent Chétouane hat ein Solo-Tanzstück entwickelt, zu Beethovens Streichquartett op. 131. Ein Solo für den früheren Ballett-Tänzer Leonard Engel. Am 29. November war Uraufführung im Berliner Hebbel am Ufer.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
Kat Valastur: "Arcana Swarm", HAU 1 © Dorothea Tuch
© Dorothea Tuch

HAU 1 - Kat Válastur: Arcana Swarm

Die Berliner Choreografin Kat Válastur ist bekannt für sehr eigentümliche, exzentrische Tanzstücke mit oft surrealen Erlebnis- und Bildwelten. In ihrem neuen Stück "Arcana Swarm" soll es nun um die Flüchtigkeit und Fragilität von Freude gehen, so die Ankündigung. Gestern war Premiere im Berliner Hebbel am Ufer.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: