Berlin Circus Festival: Kirn Compagnie - "Tricot"; © Promo
Bild: Promo

5. Berlin Circus Festival | Tempelhofer Feld - Akrobatischer Tanz und tänzerisch-leichte Akrobatik

Bewertung:

Im Kurzstück-Programm zeigt das Berlin Circus Festival die tänzerischen Seiten moderner Zirkuskunst. Tänzer und Artisten aus Spanien, Belgien und Deutschland zeigen in drei Stücken, dass Tanz und Akrobatik sich harmonisch verbinden können.

Berlin Circus Festival: Hurycan "Asuelto"; © Karol Stanczak
Bild: Karol Stanczak

Dreimal 30 Minuten an einem Abend: das ist kurzweilig, abwechslungsreich und spannend. Den Abend beginnt die Tanzkompanie HURyCAN aus Spanien, die damit die erste Tanzkompanie beim Berlin Circus Festival ist. Im Freien zeigen sie die sehr akrobatische Tanzperformance "Asuelto": schwer, düster, aggressiv.

Drei Tänzer und eine Tänzerin lassen mit sehr kraftvollen Bewegungen starke Körperbilder entstehen. Die Frau ist mal die Umkämpfte, mal kämpft sie mit, sie wird missbraucht, bezwingt die drei Männer, deren Körper wie eine Bestie in einem Körper verbunden scheinen.

Am Ende tragen die Männer die Frau wie eine leblose Heiligenfigur hinaus. Die spartanisch eingesetzte düstere Musik unterstreicht das Schwere, Düstere der Performance, das nur dadurch gebrochen wird, dass immer wieder auch das Publikum eingebunden wird und das Martialische sich im Freien etwas verflüchtigt.

Luft-Tanz

Sehr  tänzerische Akrobatik gibt es dann nach der Pause im  großen Zelt: die Brüder Théo und Lucas, die gerade in Brüssel die Zirkushochschule beendet haben. Die beiden unterscheiden sich nur durch die Farbe ihrer Trikots: das eine gelb, das andere pink. Der Name des Stückes ist schlicht "Tricot".

Die beiden erweitern den Tanz, indem sie sich tatsächlich auch in der Luft bewegen, durch Sprünge, Salto und Hand-zu-Hand-Akrobatik. Das wirkt trotz aller Kraftanstrengung leichter als bei den Tänzern, weil sich beide sehr zart und weich bewegen. Ihre Körper sind absolut aufeinander abgestimmt, wie sie sich da verweben, heben und plötzlich übereinander fliegen.

Eine tiefe Bedeutung hat das Stück nicht, es wirkt sehr verspielt, fast zärtlich. Durch die wechselnde Dynamik, die interessanten Bewegungen, ergibt sich ein harmonisches Ganzes, das die abwechslungsreiche Musik unterstreicht.

Berlin Circus Festival: Kirn Compagnie - "Tricot"; © Jean-Louis Fernandez
Bild: Jean-Louis Fernandez

Klang-Jonglage

Krönender Abschluss des Kurzstück-Programms ist dann der Auftritt des Jonglage-Altmeisters  Jörg Müller. Er kommt zwar aus Deutschland, lebt aber seit fast 30 Jahren in Frankreich und wurde dort auch an der Zirkushochschule ausgebildet.

Jörg Müller zeigt mit "Mobile" eine Art schwerelose Klang-Jonglage, die sehr meditativ und aus der Zeit gefallen wirkt. Eine Körper-Raum-Installation, in der er unterschiedlich lange Metallröhren, die wie Pendel an Metallseilen hängen, erst in kleinen, dann in immer größeren Kreisen zum Schwingen bringt.

Er jongliert die Röhren diagonal in der Luft, bewegt sich selbst schnell und trotzdem irgendwie leicht im Kreis mit und tänzelt dabei immer wieder auch elegant zwischen den Röhren. Das wirkt sehr leicht – und muss doch unglaublich schwer sein.

Als dann noch der Klang dazu kommt, hat die Darbietung etwas Magisches: Jörg Müller schlägt die Röhren  mit zwei Fingern zu unterschiedlichen Tönen an oder bläst sie wie bei einer Panflöte an. Die Töne scheinen wie die Metalle im Raum zu schweben, vermischen sich zu einer in sich ruhenden Perfektion.

Auflösung der Schwerkraft

Der "Altmeister" wird zu Recht stark bejubelt, bittet aber sehr bescheiden und charmant auch die Artisten der vorigen Stücke noch einmal mit auf die Bühne im Zirkuszelt. Und: Er zeigt dadurch deutlich, dass die drei Stücke als Einheit am besten funktionieren!

Auch wenn das Leichte der Akrobatik insgesamt etwas eindrücklicher ist, funktioniert dieser Kurzstück-Abend vor allem gut durch die Kombination der Stücke: eine Steigerung vom Schweren hin zu vollkommener Auflösung der Schwerkraft, die das Publikum miterlebt!

Frauke Thiele, rbbKultur