Senftenberg Theater Neue Bühne Ausstattungsprobe AUS DEM NICHTS von Fatih Akin / Theaterfassung von Armin Petras (Quelle: Theater Neue Bühne/Steffen Rasche)
Bild: Theater Neue Bühne/Steffen Rasche

Neue Bühne Senftenberg - "Aus dem Nichts"

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Der Film "Aus dem Nichts" von Fatih Akin gehört zu den berührendsten Auseinandersetzungen mit der Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU. Armin Petras hat auf der Grundlage des Films ein Stück geschrieben, das nun in Senftenberg auf die Bühne kommt – inszeniert von Samia Chancrin, die in Fatih Akins Film in einer Nebenrolle zu sehen war.

Der Text bleibt nah am Film. Nur gegen Ende versucht der Autor, die Handlung zu straffen, was prompt zur Verflachung führt. Doch erst das Positive: Die Opfer stehen im Mittelpunkt, nicht die Nazi-Täter. Katja verliert bei einem Nagelbombenanschlag ihren kurdischen Mann und ihren sechsjährigen Sohn. Ein solches Attentat hat es in Köln 2004 wirklich gegeben. Katjas Schmerz ist unermesslich und steigert sich noch, als sie merkt, dass die Polizei die Täter im Bereich der organisierten Kriminalität oder der PKK vermutet und versucht, Verbindungen ihres Mannes zu diesem Milieu zu finden. Das Opfer wird quasi zum Täter gemacht. Die Mörder werden durch einen glücklichen Zufall trotzdem gefasst.

Beweggründe bleiben vage

Den folgenden Gerichtsprozess stellt das Stück nur stark verkürzt dar. Alle wichtigen Fakten werden genannt, aber Katjas Hoffnung auf ein gerechtes Urteil, ihre Angst, dass etwas schief gehen könnte und ihr Entsetzen, als die Täter am Ende freigesprochen werden, kommen zu kurz. So wirkt es befremdlich, dass die junge Frau am Ende selbst zur Attentäterin wird. Ohne zu zögern sprengt sie sich mit den Mördern ihrer Familie in die Luft. Armin Petras hat zwar noch eine Szene eingeschoben, in der Katja "Antigone" liest und aus der antiken Tragödie die Berechtigung für ihre Tat ableitet, doch das wirkt arg konstruiert. Samia Chancrin lässt die Szene unter den Tisch fallen, wodurch ihre Inszenierung wie eine Aufforderung zur Selbstjustiz wirkt. Keine gute Botschaft.

Ästhetisch und schauspielerisch überzeugend - inhaltlich zu flüchtig

Inhaltlich greift die Produktion zu kurz – ästhetisch kann sie zumindest teilweise überzeugen. Sie hat viel Energie und eine überzeugende Hauptdarstellerin. Gleich am Anfang dreht sich die Drehbühne in einem ziemlich schnellen Tempo und zeigt abwechselnd das Schlafzimmer von Katja und ihrem Mann, ein Büro und eine Gefängniszelle, während oben auf einer Leinwand Familienfotos und Nachrichtenbilder über den NSU zu sehen sind. Da wird viel auf einmal erzählt. Wir erleben Katja und ihren Mann als Liebespaar, ihre Hochzeit im Gefängnis und die Verhöre nach dem Attentat. Katja erzählt, dass ihr Mann erst Kickboxer war, dann durch ein dummes Drogendelikt im Gefängnis landete, BWL studierte und sich nach seiner Entlassung selbständig machte. Wie glücklich die junge Familie war, sieht man auf den Fotos und man hört es auf Anrufbeantworteransagen, die eingespielt werden. Bis das Attentat ihn und seinen kleinen Sohn aus dem Leben reißt.

Marianne Helene Jordan als emotionales Zentrum

Auf der Bühne hört man einen Knall und sieht Blaulicht blitzen. Dann spannen Polizisten ein Absperrband auf. Katja ist krank vor Angst, als sie nicht durchgelassen wird. Sie protestiert, schimpft, droht den Beamten sogar. Als sie erfährt, dass ihre Liebsten tot sind, bricht sie zusammen. Marianne Helene Jordan spielt sie sehr emotional, aber auch kantig – so wie die phänomenale Diane Kruger im Film. Sie trägt einen weißen, bauschigen Rock, der ihr etwas Verträumtes gibt, hat aber zugleich tätowierte Arme und Beine, was eher hart wirkt. Sehr viel spielt sich in Marianne Helene Jordans Gesicht ab. Schmerz, Enttäuschung, Wut – all das zeigt sie ungeheuer intensiv. Sie ist das emotionale Zentrum der Inszenierung – allerdings nur in der ersten Hälfte. In der zweiten, als der Gerichtsprozess gezeigt wird, wirkt sie eher als Beobachterin – ein eindeutiges Regieproblem

Zwielichtige Botschaft

Samia Chancrin tut wenig, um den an dieser Stelle kargen Stücktext spielerisch zu unterfüttern. Bei ihr geht alles Schlag auf Schlag: Beweisaufnahme, Urteilsverkündung, Racheakt. Katja schnallt sich den Sprengstoffgürtel um, als ob das die einzige Möglichkeit wäre, zu einer gerechten Bestrafung der Täter zu kommen. In Fatih Akins Film wird auf die Möglichkeit hingewiesen, gegen das Gerichtsurteil in Berufung zu gehen, es wird Katjas Verzweiflung gezeigt und ihr Zögern, bevor sie das Attentat begeht. In Samia Chancrins Inszenierung erscheint die junge Frau als eiskalter Racheengel. Das ist erschreckend eindimensional und rückt die gesamte Aufführung ins Zwielicht.

Oliver Kranz, rbbKultur

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