"Der hals der Giraffe", Regie: Philipp Arnold, Deutsches Theater; Foto: Arno Declair
Arno Declair
Bild: Arno Declair Download (mp3, 5 MB)

Deutsches Theater - "Der Hals der Giraffe"

Bewertung:

2011 hat es Judith Schalansky mit ihrem Roman "Der Hals der Giraffe" auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Es ist die Geschichte von Inge Lohmark, einer Biologielehrerin alten Schlags, die seit 30 Jahren in der Vorpommerschen Provinz unterrichtet. Die Kinder haben bei ihr strammzustehen, von Verständnis hält sie nichts, Professionalität ist alles – und Darwinismus: Wer sich nicht anstrengt, der gehört aussortiert. In der Box des Deutschen Theaters hat Philipp Arnold den Roman auf die Bühne gebracht.

Der Hals der Giraffe ist das Symbol der Anpassung im Überlebenskampf. Über zahllose Generationen hinweg haben sich jene Tiere fortgepflanzt, die die meisten Blätter auf den Baumkronen zu fressen bekamen.

Von diesem "höher, schneller, weiter" des Darwinismus und Kapitalismus, ist Inge Lohmark müde. 30 Jahre lang hat sie in der Vorpommerschen Provinz Kinder an der Schwelle der Adoleszenz unterrichtet, Schüler mit, so sagt sie, "talgblühenden Gesichtern", "geistlosem Ausdruck", "Gehirnen wie Hohlorganen". 

Vom Übrigbleiben

Voller Pessimismus schaut sie auf den verfallenden Osten, auf die paar Übriggebliebenen, die sie noch unterrichtet, bevor die Schule dicht gemacht wird. Die Jungen ziehen weg. Die Natur holt sich das brach liegende Land zurück. Die verhärmte, aber intelligente, glasklar formulierende Inge Lohmark hat selbst im Sozialismus an ihrem darwinistischen Weltbild festgehalten, als man den Menschen zum Besseren erziehen wollte. Noch immer predigt sie über Zucht und Auslese.

Vom Zerfallen

Doch ihr System bekommt Risse: Ihre Unterrichtsmethoden werden gerügt. Körperlich fühlt sie sich plötzlich zu ihrer Schülerin Erika hingezogen. Das bröckelnde Überlebensprinzips legt jedoch kein Neues frei, alles ist Zerfall und Niedergang.      

Judith Schalansky schreibt von Überalterung, Klimawandel, Landflucht und Systemumbrüchen. Eine philosophische Betrachtung, die infrage stellt, ob der Mensch die Natur beherrscht – oder umgekehrt. Freier Wille, Humanismus, Aufklärung haben im Weltbild der Protagonistin keinen Platz. "Der Mensch ist ein flüchtiges Vorkommnis aus Proteinbasis. Ein zugegeben recht erstaunliches Tier, das diesen Planeten für kurze Zeit befallen hat und schließlich wieder verschwinden wird. Von Würmern, Pilzen und Mikroben zersetzt."

Vom Ausgegrenzt sein

Der Regisseur Philipp Arnold versucht diese intellektuelle Einlassung hauptsächlich in Bildreize zu übersetzen. Er lässt die Geschichte nicht in einer ostdeutschen Schule nach der Wende spielen, sondern steckt seine drei Spieler in schwarze Kostüme aus dem Elisabethanischen Zeitalter mit Halskrausen, Perücken, dazu weiß geschminkte Gesichter.

Sie sprechen an der Rampe, vor einer Holzwand, von der die Farbe abbröckelt. Darauf werden Schatten projiziert, von Bäumen, Vögeln, Tigern. Immer wieder tut sich dieser Zaun auf – doch von der Welt bleibt man ausgegrenzt.   

"Der Hals der Giraffe", Deutsches Theater, regie: Philipp Arnold; Foto: Arno Declair
Bild: Arno Declair

Judith Hofmann, Bernd Moss und Linn Reusse monologisieren Lohmarks Gedanken. Moss und Reusse verwandeln sich zwar auch mal in eine Schülerin oder den Ehemann, doch da der Roman aus der Innensicht der Lehrerin geschrieben ist, kann es keine Dialog- und kaum Spielszenen geben.

Von der Verfremdung

Tiermasken werden aufgesetzt, Linn Reusse trägt als Schülerin Erika ein violettes Heidekraut über dem Kopf. Und so bleibt die Inszenierung in der Verfremdung und in einem atmosphärischen Raunen stecken, das sich der intellektuellen Auseinandersetzung entzieht. Den geschichtsphilosophischen Gehalt des Romans verunklärt der Regisseur mit seiner surrealen Bildästhetik und der historischen Konkretisierung. Denn die Verlegung ins Elisabethanische Zeitalter führt auf die falsche Fährte – als habe die Geschichte ihren Platz in eben dieser Epoche. Wer das Buch nicht gelesen hat, der wird an diesem Abend ohnehin seine Schwierigkeiten haben, die großen Themen zu entdecken, die in diesem Stoff liegen.  

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Berliner Ensemble, "Glaube und Heimat", v.l. Gerrit Jansen, Stefanie Reinsperger, Barbara Schnitzler, Andreas Döhler (Quelle: Matthias Horn)
Matthias Horn

Berliner Ensemble - "Glaube und Heimat"

Glaubenskrieg – da mag man an den Islamischen Staat und den Völkermord an den Jesiden denken, an die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten oder an die verfolgten Uiguren in China. Doch auch mitten in Europa, in Österreich, wurden noch im 19. Jahrhundert Protestanten vertrieben oder getötet, wenn sie nicht zum Katholizismus übertreten wollten.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
"Die Anderen" von Anne-Cécile Vandalem Regie: Anne-Cécile Vandalem © Arno Declair
Arno Declair

Schaubühne am Lehniner Platz - "Die Anderen"

Krimi und Thriller – das sind Genres, auf die man im Fernsehen und in der Literatur zuhauf stößt. Auf der Theaterbühne ist so ein richtiger Gruselschocker selten. Die belgische Theaterregisseurin Anne-Cécile Vandalem ist dafür allerdings Expertin. Mit einer Mischung aus Film und Theaterspiel bringt sie ihre eigens geschriebenen Thriller auf die Bühne. An der Schaubühne waren bisher Gastspiele von ihr zu sehen, jetzt hat Vandalem zum ersten Mal ein Stück mit dem dortigen Ensemble inszeniert.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: