Deutsches Theater: Ausweitung der Kampfzone, hier: Marcel Kohler, Samuel Finzi; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater - "Ausweitung der Kampfzone"

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Der erste Roman, den der französische Lyriker Michel Houellebecq 1994 veröffentlichte, machte ihn schlagartig zum Skandalautor: "Ausweitung der Kampfzone". Houellebecq beschreibt darin brutal und lakonisch die Einsamkeit und Gefühlsunfähigkeit der liberalen westlichen Gesellschaft.

"Ausweitung der Kampfzone" ist ein stehender Begriff geworden, Houellebecq meinte damit die Ausweitung des Wirtschaftsliberalismus auf unser Sexual- und Beziehungsleben. Der Kapitalismus teile die Menschen nicht nur ökonomisch in Gewinner und Verlierer ein, sondern auch auf sexueller Ebene: Wer genügend "Kapital" mitbringt, also Attraktivität, der gehört dazu – wer als unattraktiv gilt, dem bleiben nur Masturbation und Einsamkeit.

Für Aufsehen hat diese Definition damals gesorgt, weil Houellebecq die Liberalisierung der Gesellschaft, die sexuelle Revolution 1968 als Grund für die Zersplitterung der Gesellschaft beschreibt. Heute ist das Auseinanderdriften der Beziehungen innerhalb der Informationsgesellschaft ein Allgemeinplatz – sowie unsere Partnerwahl nach Kosten-Nutzen-Rechnung.

Düstere Gesellschaftsanalyse

Der Roman ist aus der Ich-Perspektive eines gut verdienenden 30-jährigen Programmierers erzählt, der mit seinem Leben eigentlich zufrieden sein könnte. Doch das gefühlsarme Informatik-Business macht ihn depressiv, alles widert ihn an. Er ist kontaktunfähig, zynisch, hypersensibel. Und weil er sich zudem als erotischer Versager empfindet, wird er immer verbitterter. Ein frauenhassendes, bemitleidenswertes Ekel.

Mit seinem Kollegen Tisserand, der noch hässlicher, noch verklemmter ist als er selbst und mit 28 Jahren auch noch Jungfrau ist, muss der Erzähler auf Dienstreise in die Provinz. In der Weihnachtsnacht, als Tisserand die Frau nicht rumkriegt, die den Protagonisten an seine eigene Ex-Freundin erinnert, drückt er ihm ein Messer in die Hand und schickt ihn zum Morden los. Vor allem durch diese eiskalten Wendungen hat das Buch damals polarisiert. Es ist, wie immer bei Houellebecq, eine düstere, sarkastische, sexistische Gesellschaftsanalyse.

So albern wie sinnfrei

Der bulgarische Regisseur Ivan Panteelev macht daraus nun eine quietschbunte, poppige Neunzigerjahre-Lachparade, die alle müden Gags hervorholt, die schon in den Neunzigern wenig originell waren. Ein Laufband steht hier als Wahrzeichen der Effizienzgesellschaft und Samuel Finzi performt einen Slapstick-Rennexzess darauf – kaum zu glauben, dass Panteleev damit noch jemanden hinterm Ofen hervorlocken möchte.

Eine riesige Barbiepuppe ohne Kopf fährt von der Decke herab, der man unter den Rock gucken kann. Kathleen Morgeneyer bespringt in Schimpansenkostüm die Männer. Marcel Kohler muss mit einem großen Houellebecq-Kopf aus Pappmaché herumlabern und Samuel Finzi mit gigantischen Pappmaché-Händen Houellebecq-Essays referieren – das ist so albern wie sinnfrei.

Es werden fünffach Sätze wiederholt und herumgebrüllt, wie man es aus ganz alten Castorf-Abenden kennt. In der Szene, als Tisserand das Messer zückt, öffnet Finzi zur Melodie von Hitchcocks "Psycho" eine Duschkabine. Panteleev versucht wohl, Houellebecq mit einer Trash-Show zu desavouieren, doch seine Mittel sind derart bieder und abgekupfert, dass man kaum glauben mag, im Jahr 2019 im Theater zu sitzen.

Deutsches Theater: Ausweitung der Kampfzone, hier: Marcel Kohler, Kathleen Morgeneyer, Samuel Finzi, Jeremy Mockridge; © Arno Declair
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Härte und Schärfe verpuffen

Die Schauspieler teilen sich die Rollen relativ fließend auf. Auch das eine Mode aus der Postdramatik der Neunziger: Alle spielen alles – was zwar nicht zum Verständnis beiträgt, aber modern wirkt. Irgendwann kristallisiert sich aber Marcel Kohler als Ich-Erzähler heraus und Samuel Finzi als Tisserand. Wie Dick und Doof stehen sie gemeinsam auf der Bühne, Finzi in einem Angler-Kostüm, mit der er sich wohl "Eine angeln" will. Witz, komm raus ...

Kohler bleibt der Einzige, der überhaupt so etwas wie eine Figur anlegt. Auch er lässt sie zwar als bekloppten Nerd dastehen – doch wenigstens spürt man unter der Oberfläche eine gewisse Not und Trauer. Alle anderen, auch Samuel Finzi, geben Knallchargen. Sein Tisserand taucht zum Ausgehen dann mit Frauenperücke auf – noch mehr veralbern kann man seine Figur nicht. Alle Houellebecq‘sche Härte und Schärfe verpufft in dieser rosafarbenen Kalauer-Welt.

Zwischendurch reichern die Spieler die Aufführung mit Houellebecq-Interviews an, um seine Weltsicht zusammen mit der Sicht des Erzählers als zynisch und sexistisch zu entlarven. Ob dieser Kurzschluss zwischen Erzähler und öffentlich sprechendem Autor aufgeht, sei einmal dahingestellt.

Man darf den Houellebecq'schen Zynismus natürlich kritisieren, man sollte und muss es heutzutage vielleicht sogar. Doch so, wie Panteleev jede Figur schlicht zum Idioten degradiert, kommt man ihm jedenfalls nicht bei. Bevor Panteleev erneut zur Gag-Kiste von anno dazumal greift, sollte er lieber einen Autor inszenieren, für den er sich ansatzweise interessiert.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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