Gorki Theater: Anna Karenina oder Arme Leute © Ute Langkafel, MAIFOTO
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Gorki Theater - "Anna Karenina oder Arme Leute"

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Oliver Frljić eröffnete gestern die große Bühne mit einem doppelgleisigen Abend. "Anna Karenina oder arme Leute" heißt das Stück, in dem er die zwei großen Romanciers Tolstoi und Dostojewski aufeinandertreffen lässt.

Tolstois Roman über Leben und Tod von "Anna Karenina" gehört zu den großen Stoffen der Weltliteratur. Es gibt wohl kaum jemanden, der - wenn schon nicht das Buch gelesen - doch wenigstens eine der vielen Film-Versionen gesehen hat. Als wäre es nicht schon schwierig genug, dieses 1000-seitige Riesen-Epos für die Bühne zu bearbeiten, hat Regisseur Oliver Frljic noch gleich ein zweites Buch eines russischen Autors dazu genommen: "Arme Leute", von keinem geringeren als Dostojewski, der mit diesem Brief-Roman seinen Weltruhm begründete.

Zwei Literatur-Giganten

Es geht, plakativ gesagt, Oliver Frljic um die Liebe in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, im Scheitern der Liebe, so könnte seine These lauten, spiegelt sich das Scheitern der Gesellschaft und die am Horizont aufscheinende Revolution: Während sich die Liebe zwischen Anna Karenina und dem Grafen Wronski in einer Atmosphäre des Überflusses und Reichtums abspielt und letztlich am Standesdünkel und den religiösen und gesellschaftlichen Konventionen einer zum Untergang verurteilten Macht-Elite scheitert, geht die sich in Briefen äußernde Liebe zwischen Makar und Warwara an ihrer Armut zugrunde: Denn als die in bitterster Not lebende Warwara erkennt, dass der fast mittellose Kopist Makar sie niemals wird aus ihrer sozialen Erniedrigung wird befreien können, heiratet sie den reichen Witwer Bykow, den sie zwar nicht liebt, der ihr aber eine menschenwürdige Zukunft bietet.

Es gehört eine gehörige Portion Anmaßung dazu, sich ausgerechnet diese beiden Literatur-Giganten vorzunehmen, sie für die Bühne in wenige Dialoge und Spiel-Szenen klein zu häckseln und sie zum schlechten Schluss komplett umzuschreiben. 

Die Überlappung der beiden Stoffe und die Verquickung der Figuren geht schleichend vonstatten: Zunächst bleiben die sozialen Sphären getrennt. Zum einen sind da Makar und Warwara, die ihr soziales Leid und ihre vergebliche Liebe geradezu heraus schreien. Zum anderen Anna, ihr Ehemann Karenin und ihr Geliebter Wronski, aber auch die anderen adligen und bourgeoisen Liebes- und Ehepaare, Kitty und Lewin, Dolly und Stiwa, die allesamt sich im Luxus suhlen, auf riesigen Landgütern und in herrschaftlichen Villen residieren und von der Armut des Proletariats überhaupt keine Vorstellung haben. 

Doch das wird sich ändern: Auf dem Bühnenboden liegen Eisenbahn-Schienen, darauf werden Personen und Requisiten auf Draisinen ins Geschehen gefahren, irgendwann kreuzen sie sich, werden die Reichen den Amen Brot zuwerfen, um sie von der Revolution abzuhalten. Manchmal auch werden die Armen gedemütigt, wie Sklaven behandelt, am Seil in der Mange herumgeführt und von Pferdeliebhaber Wronski zum Galoppieren gezwungen. Das wird sich rächen: die von Frljic final angezettelte soziale und feministische Revolution wird die bourgeoisen Nichtsnutze allesamt blutig hinweg fegen. 

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Eindimensionale Weltsicht

Zum Glück hat der Abend nicht "Castorfsche Ausmaße" von sieben, sondern "nur" knappe drei Stunden, aber auch die können einem ziemlich lang vorkommen, auf die Nerven gehen und zur Verzweiflung treiben. Denn im Gegensatz zum Theater-Löwen Castorf, der die Zuschauer nicht nur sinnlos foltert und verschlingen will, sondern auch mit neuen An- und Einsichten aus der Fassung und zum Nachdenken bringt, ist Frljic eher ein theatralischer Papier-Tiger, der laut brüllen lässt, aber außer politischen Parolen und Phrasen nicht viel zu sagen hat. Die Schauspieler können einem leidtun, sensible Figuren-Zeichnung, plausible Rollen-Entwicklung: Fehlanzeige, alle sind nur Klischee-Bilder und Papp-Figuren einer eindimensionalen Weltsicht.

Die Männer sind nur egoistische Machos, aufgeblasener Schnösel, öde Schwätzer, gehirnloser Gockel und weinerliche Maulhelden. Die Frauen dagegen sind hart aber herzlich, leidgeprüfte unterdrückte Wesen, die mit dem Mute der Verzweiflung versuchen, alle Liebes-Kapriolen, Ehe-Schlachten und Geschlechts-Diskriminierungen heil zu überstehen und siegreich zu beenden. Zum hanebüchenen Schluss mutiert Warwara zur revolutionären Feministin und fordert ihre Leidensgenossinnen auf, zur Knarre zu greifen und die in Unterhosen aufmarschierenden und ängstlich zitternden Männer zu exekutieren. Leichen pflastern den Weg von Frljics Frauen-Emanzipation, das hat den Vorteil, dass Anna sich auch nicht mehr unter den Zug werfen muss: Kann man machen, muss man aber nicht. 

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Hirnlose Theater-Verwirrung

"Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise": Der erste Satz bei Tolstoi ist wohl der bekannteste Roman-Beginn der Weltliteratur. Und er kommt der auf der Gorki-Bühne tatsächlich vor! Aber nicht am Anfang, sondern - so viel Freiheit des Regisseurs, der sich selbst für einen tollen Autor hält, muss sein - erst am Ende des ersten Teils diesen konfusen Abends. Serjoscha, der 8-jährige Sohn von Anna, spricht ihn aus, als er uns mitteilt, dass seine Mutter die Familie bald verlassen und somit alle ins Unglück stürzen wird.

Dass Frljic ein kleines Kind auf die Bühne bringt, ist - unter schauspielerischen Kriterien - schon grenzwertig, dass er diesem Kind mehrfach in die Rolle eines weisen Kommentators zuweist, ist kaum zu ertragen, peinlich und peinigend zugleich. Aber in einer Inszenierung, bei der sich die Frauen erst unter den Augen des Zaren, dann von Lenin und schließlich von Putin den Weg in die Freiheit freischießen, ist wohl alles möglich. Dem Premieren-Publikum scheint die anmaßende Literatur-Vernichtung und hirnlose Theater-Verwirrung trotzdem gefallen zu haben: es applaudierte zumindest ziemlich freundlich. Warum auch immer. 

Frank Dietschreit, rbbKultur

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