Hans Otto Theater Potsdam: Die Katze auf dem heißen Blechdach © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk Download (mp3, 5 MB)

Hans Otto Theater Potsdam - "Die Katze auf dem heißen Blechdach"

Bewertung:
Man kann den Titel nicht aussprechen, ohne an den Film mit Liz Taylor und Paul Newman zu denken. "Die Katze auf dem heißen Blechdach" ist das Drama einer Südstaatenfamilie, in der es wenig Liebe, aber viel Gier und Heuchelei gibt. Steffi Kühnert holt es in ihrer Inszenierung am Potsdamer Hans-Otto-Theater ins Hier und Jetzt …

… und obwohl man dem Text anmerkt, dass er aus den 50er Jahren stammt, funktioniert das gut. Alles, was an erzkonservativen Dingen über Sex und über die Rolle Frau gesagt wird, wird von Figuren gesagt, die alt und konservativ sind. Sie werden Big Mama und Big Daddy genannt, könnten aber genauso gut Herbert und Marianne heißen.

Wir blicken auf eine mondäne Villa an einem See, wie man sie in Berlin oder Brandenburg durchaus finden kann. Vorn im Orchestergraben steht Schilf und es gibt einen Steg mit einer Badeleiter, hinten sieht man eine Fassade aus grauem Naturstein und eine halbrunde Fensterfront. Die Fensterfront befindet sich auf einer Drehbühne und kann nach hinten gedreht werden, wodurch das Innere des Hauses nach vorn kommt. Das hat der Bühnenbildner Joachim Hamster Damm sehr geschickt angelegt. Der beste Effekt des Abends ist, dass das Schilf aus dem Orchestergraben in einer Szene, in der Big Daddy mit seinem Sohn allein sein will, nach oben fährt. Es wächst also buchstäblich in die Höhe, bis man nicht mehr drüber hinwegblicken kann. Der Abend hat eine gewisse Verspieltheit, auch wenn es in der Geschichte, die erzählt wird, ans Eingemachte geht.

Hans Otto Theater Potsdam: Die Katze auf dem heißen Blechdach © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Schwach besetzt

Big Daddy ist reich. Bei Tennessee Williams ist er ein Farmer, der eine Baumwollplantage aufgebaut hat, in Potsdam wird nicht genau gesagt, woher sein Geld kommt, aber auch hier könnte er ein Bauer sein. Jörg Dathe spielt ihn breitbeinig mit einem Cowboyhut auf dem Kopf. Er ist ein Patriarch, der seine Familie im Griff hat – sehr hart und direkt, oft sogar richtig gemein. Niemand traut sich, ihm zu widersprechen und so sagt ihm auch niemand, dass er Krebs im Endstadium hat.

Stattdessen wird sein 65. Geburtstag gefeiert. Seine Frau und sein Sohn Gooper überbieten sich in Nettigkeiten, wobei bei Gooper von Anfang an klar ist, dass es ihm nur ums Erbe geht. Er hat auch seine Frau und fünf Kinder mitgebracht, die permanent für Big Daddy singen oder Glückwünsche aufsagen. Doch der ist nur genervt davon. Er liebt seinen zweiten Sohn Brick, der aber Alkoholiker ist – das ist die Rolle, die im Film Paul Newman gespielt hat. Brick ist mit Maggie verheiratet (im Film Liz Taylor) aber er liebt sie nicht. Deswegen sagt sie, gleich am Anfang den Satz, der dem Stück den Titel gibt. Sie fühle sich wie eine Katze auf dem heißen Blechdach.

Leider sind die beiden in Potsdam eher schwach besetzt. Sie müssten schon am Anfang Verzweiflung zeigen – Brick, weil er sich seine Homosexualität nicht eingestehen will und glaubt, für den Tod seines besten Freundes verantwortlich zu sein, Maggie, weil sie an den Mann, den sie liebt, einfach nicht herankommt – also große Emotion und bestes Schauspielerfutter. Aber im Hans-Otto-Theater ist davon nichts zu spüren. Hannes Schumacher als Brick sitzt mit schiefem Mund einfach nur da und starrt ins Leere, Nadine Nollau als Maggie spricht mit ihm, aber schaut ihn kaum an. Da brodelt nichts. Irgendwann fangen die beiden an, sich anzuschreien, aber das wirkt aufgesetzt, weil man nicht sieht, wo die plötzliche Erregung herkommt. Und das ist ein Regieproblem. Steffi Kühnert schafft es nicht, Stimmungen zu erzeugen. Sie bemüht sich zwar – lässt am Anfang sogar das Geräusch von zirpenden Grillen und heulenden Wölfen einspielen, aber dann herrscht abrupt Stille und man wird regelrecht darauf gestoßen, dass alles nur eine Tonkonserve war.

Hans Otto Theater Potsdam: Die Katze auf dem heißen Blechdach © Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Eine gelungene Szene genügt nicht

Die Inszenierung gewinnt nur in wenigen Momenten die Intensität, die sie braucht. Wenn das Schilf hochfährt und Big Daddy vorn auf dem Steg mit seinem Sohn Brick spricht, da knistert es zwischen den beiden. Man sieht, dass in dem grantigen Alten auch ein liebender Vater steckt. Er redet und redet, und erreicht seinen Sohn nicht, denn der hängt an der Flasche. Doch irgendwann ist der Schmerzpunkt erreicht. Brick schreit seinen ganzen Selbsthass und seine Verzweiflung über die Verlogenheit der Welt heraus. Da wird im übertragenen Sinn das Blechdach, auf dem die Figuren tanzen, heiß. Doch schon in der nächsten Szene ist es wieder lau.

Obwohl Steffi Kühnert das Stück auf ein handliches Zwei-Stunden-Format zusammenstrichen hat, zieht sich Inszenierung gewaltig. Eine gelungene Szene genügt nicht, um den ganzen Abend zu tragen.

Oliver Kranz, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Zu der Zeit der Königinmutter von Fiston Mwanza Mujila | Regie: Charlotte Sprenger © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater | Box - "Zu der Zeit der Königinmutter"

Vor fünf Jahren hat der kongolesische Autor Fiston Mwanza Mujila seinen ersten Roman veröffentlicht – und landete damit auf der Longlist für den Man-Booker-International-Prize. "Tram 83" spielt in einer Bar, in der gesoffen, Musik gemacht, geprügelt und gevögelt wird. Eine rohe, gewalttätige, pulsierende Welt. Mujilas Theaterstück "Zu der Zeit der Königinmutter" spielt nun wieder in einer Bar, irgendwo im Nirgendwo. Am Deutschen Theater Berlin ist es zum ersten Mal in Deutschland inszeniert worden.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Berliner Ensemble, "Glaube und Heimat", v.l. Gerrit Jansen, Stefanie Reinsperger, Barbara Schnitzler, Andreas Döhler (Quelle: Matthias Horn)
Matthias Horn

Berliner Ensemble - "Glaube und Heimat"

Glaubenskrieg – da mag man an den Islamischen Staat und den Völkermord an den Jesiden denken, an die Kämpfe zwischen Schiiten und Sunniten oder an die verfolgten Uiguren in China. Doch auch mitten in Europa, in Österreich, wurden noch im 19. Jahrhundert Protestanten vertrieben oder getötet, wenn sie nicht zum Katholizismus übertreten wollten.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: