BERLINER ENSEMBLE/ "Mütter und Söhne" von Karen Breece, Regie: Karen Breece, Bühne: Eve V. Born, Kostüme: Teresa Vergho, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
JR Berliner Ensemble/ "Mütter und Söhne"
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Berliner Ensemble - "Mütter und Söhne"

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Wenn eine neue Arbeit der Theaterregisseurin Karen Breece Premiere feiert, liegt eine lange Recherchephase hinter der US-Amerikanerin. Für ihr dokumentarisches Theater führt sie viele Interviews mit Betroffenen – oft stehen die Laien dann auch selbst auf der Bühne: Das war in "Auf der Straße" so, als sie mit Obdachlosen gearbeitet hat und bei "Don’t forget to die", als alte Menschen auf der Bühne vom Sterben erzählt haben.

Für "Mütter und Söhne" hat Breece nun ein Jahr lang Gespräche mit Neo-Nazi-Aussteigern und deren Müttern geführt, mit Rechtsextremismus-Experten, Beratungsstellen für Eltern und Sozialarbeitern. Den Text, den sie daraus erstellt hat, sprechen fünf Schauspieler. Die "Betroffenen" konnte und wollte die Regisseurin nicht auf die Bühne holen. Die Aussteiger, sagt sie, müssen geschützt werden – sie leben in ständiger Gefahr, von ihren ehemaligen Kameraden gefunden zu werden. Die Mütter dagegen sind oft zu traumatisiert, um sie ins Rampenlicht zu rücken.

Die Schauspieler schlüpfen in die Rollen verschiedener Gesprächspartner. Nicht die eine stringente Geschichte wird erzählt, sondern viele Interview-Splitter machen ein Kaleidoskop von Biografien und gesellschaftlicher Stimmung auf. Corinna Kirchhoff und Bettina Hoppe spielen die Mütter und deren Entfremdung von ihren Söhnen eindringlich. Der Unglaube, dass das eigene Kind ein Nazi geworden ist, die Scham darüber, die Wut, die Trauer. Auch die Frage, was man als Mutter falsch gemacht hat. Und die Angst vor der Gewalt des eigenen Kindes, das plötzlich auf die Mutter mit einer Schere einsticht oder sagt: "Ich hoffe, du verreckst bald."

BERLINER ENSEMBLE/ "Mütter und Söhne" von Karen Breece, Regie: Karen Breece, Bühne: Eve V. Born, Kostüme: Teresa Vergho, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin; Foto: JR Berliner Ensemble
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Vom Nazi-Hipster bis zum Skinhead

Die anderen drei Spieler geben unterschiedliche Typen von Rechtsradikalen: Laura Balzer ist das hippe Youtube-Mädchen aus der Identitären Bewegung, das in Live-Videos die Frauen zum frühen Kindergebären auffordert – die eigentliche Bestimmung der Frau. Nico Holonics ist mal der doofe, sächselnde Skinhead, dann das Parolen brüllende Testosteronbündel. Oliver Kraushaar der patriotische Nationalist, der Verschwörungstheorien aufsitzt und den Holocaust leugnet.  

Häufig geht bei Doku-Abenden dieser Art, mit Interviews und Einzelschicksalen, das Spielerische und Dialogische verloren. Breece versucht jedoch immer wieder, Spielsituationen herzustellen und Spannung aufzubauen.

BERLINER ENSEMBLE/ "Mütter und Söhne" von Karen Breece, Regie: Karen Breece, Bühne: Eve V. Born, Kostüme: Teresa Vergho, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin; Foto: JR Berliner Ensemble
Bild: JR Berliner Ensemble/ "Mütter und Söhne"

Aufforderung zur Mitgestaltung und Stellungnahme

Bei dieser ersten Inszenierung im "Neuen Haus" des Berliner Ensemble sitzen die Spieler zwar erst einmal in einer riesigen Ansammlung von leeren Stühlen, die kreisförmig auf der Bühne stehen und erzählen – das Augenmerkt liegt also auf dem gesprochenen Wort. Doch wenn Corinna Kirchhoff später von der Gewalt ihres Sohnes erzählt, reißt Oliver Kraushaar Dutzende von diesen Stühlen um und geht bedrohlich auf sie los. Am Ende werden die Zuschauer auf die Bühne gebeten, um den Berg an Stühlen wieder aufzubauen, die Plätze zu besetzen – ein symbolischer Akt von Mitgestaltung und Stellungnahme in der Gesellschaft.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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