Nationalstraße von Jaroslav Rudiš Regie: Frank Abt Bühne und Kostüm: Annelies Vanlaere Dramaturgie: Christopher Hanf Musik: Francesco Wilking Moritz Krämer Auf dem Bild Katja Zinsmeister Foto: Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
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Hans Otto Theater Potsdam - "Nationalstraße"

Bewertung:

"Vandam" nennt er sich, weil er wie sein Vorbild, der Kino-Kickboxer Jean-Claude van Damme, 200 Liegestütze am Tag schafft. Vandam säuft am Stadtrand von Prag in seiner Stammkneipe die Nächte durch. Er hat nichts gegen Sozialschmarotzer, Penner, Ausländer – solange sie eben kein "Remmidemmi" machen. Wer ihm blöd kommt, dem schlägt er eine rein. Und er zeigt auch mal den Hitlergruß.

Vandam ist der Protagonist in Jaroslav Rudiš’ Roman "Nationalstraße". Er ist extrem, in ihm stecken Wut, Hass, Aggression. Aber eben nicht nur. Sein Hitlergruß ist mehr Attitüde als Führerverehrung. Vandam sieht sich als letzten Kämpfer, letzten Europäer, letzten "Römer", als Patriot, der sein Leben verteidigt. In der Plattenbausiedlung hat er immer schon gelebt – als das Land noch sozialistisch war, zur Zeit der Samtenen Revolution und auch heute noch, 30 Jahre nach der Wende. Nach dem Kalten Krieg ging es bergab für ihn, er verlor seinen Job, war auf Drogen, hat sich geprügelt, kam in den Knast.

Das Leben als einzige Schlacht

Der Text ist ein rasanter, rhythmischer, mäandernder Monolog, bizarr und sarkastisch, den dieser (zumindest in Kriegsliteratur) belesene Vorstadt-Rowdy an seinen siebzehnjährigen Sohn richtet. Ihm will er erklären, dass das Leben eine einzige Schlacht ist. Dass man trainieren muss, hart sein, diszipliniert. Und immer der Stärkste. Denn, so zitiert Vandam seine Mutter: "Im Krieg sind die Dicken dünn und die Dünnen tot." Und der nächste Krieg kommt bestimmt.  

Hauptsache, man kämpft

Vandam erzählt seine Lebensgeschichte. Inklusive der Legende, er habe persönlich die Samtene Revolution losgetreten, indem er bei einer Demonstration als Erster zuschlug. Erst später wird klar, dass er damals als Polizist an vorderster Front stand und in Uniform die ersten Schläge austeilte. Für diese Aktion wurde er suspendiert. Doch wer auf welcher Seite steht, das ist Vandam wurscht – Hauptsache, man kämpft. Die Familie spielt eine tragende und tragische Rolle in seinem Leben: Der gewalttätige Vater hat sich aus dem 9. Stock gestürzt, nachdem er sich fast totgesoffen hat; die Mutter ging dement im Wald verloren; der Bruder macht große Geschäfte auf der anderen Stadtseite und lässt sich nicht mehr blicken.  

Geschichte von den Abgehängten

Vandams Geschichte ist eine vom Aufbegehren gegen die Diktatur – das sich längst in ein Aufbegehren gegen die ganze Welt gewandelt hat. Eine Geschichte von der Einsamkeit derer, die in Tschechien an den Rand der Gesellschaft gespült worden sind.

Nationalstraße von Jaroslav Rudiš Regie: Frank Abt Bühne und Kostüm: Annelies Vanlaere Dramaturgie: Christopher Hanf Musik: Francesco Wilking Moritz Krämer Auf dem Bild René Schwittay (o. l.), Katja Zinsmeister (o. r.), Paul Wilms (u. l.), Joachim Berger (u. r.) Foto: Thomas M. Jauk
Bild: Thomas M. Jauk

Große Intensität

Der Regisseur Frank Abt stellt dafür vier Schauspieler auf die Bühne, die nacheinander einen halbstündigen Monolog stemmen. René Schwittay, Joachim Berger und Paul Wilms gehören unterschiedlichen Generationen an und verkörpern Vandam in verschiedenen Lebensstufen. Sie tun nicht viel mehr als an der Rampe zu stehen und zu erzählen – das aber mit großer Intensität.

Die Zuschauer werden in den Bann des Erzählens hineingezogen

Nach der Hälfte des Abends tritt Katja Zinsmeister auf und spricht die zentrale Szene von der verunglückten Liebesnacht zwischen der Barkeeperin Sylva und Vandam, während sie als diese Sylva auf einem Barhocker sitzt, mit strähnigem Haar und Kaffeetasse. Abt hätte diese Szene als Dialog anlegen können, im Roman ist sie als einzige in der dritten Person geschrieben – doch er verzichtet darauf, das Monolog-Konzept zu brechen und lässt die Szene als lange "er sagt – sie sagt"-Sequenz sprechen. Und trotzdem ist es erstaunlich, welchen Sog Zinsmeister mit ihrem puren Erzählen erzeugt. Im Raum herrscht über die zwei Stunden der Aufführung eine hohe Konzentration.

Zwischen den Monologen wird jeweils ein Song abgespielt, insgesamt vier gefühlvolle, sanfte Lieder, die die Pop-Band "Die letzte Eisenbahn" eigens für die Inszenierung komponiert hat, mit Texten aus dem Roman.

Höchste Erzählkunst – anrührend und spannend

Natürlich kann man argumentieren, dass eine so wenig spielerische Umsetzung höchstens denselben Effekt erzielt, als säße man mit dem Buch zuhause auf der Couch.

Doch wie die Schauspieler diesen mit sich ringenden Vandam lebendig werden lassen, ist schlicht anrührend und spannend. Vor allem, wenn Katja Zinsmeisters und Joachim Berger ihr Solo haben.

Menschenbeobachtung ganz ohne Schnickschnack

Während Vandam im Roman am Ende nach einer brutalen Polizei-Attacke knapp überlebt, geht die Geschichte hier einen noch dramatischeren Gang. Das wirkt dann, zusammen mit den sentimentalen Songs, die einen ganz anderen Ton anschlagen als der harte Text, zu dick aufgetragen. Und doch ist es schön zu sehen, wie Abt allein auf Menschenbeobachtung setzt, sich auf seine vier Spieler konzentriert, ganz ohne Schnickschnack.

Wie tickt der Mensch?

Ein Abend, der nicht politisch oder moralisch auf der richtigen Seite stehen will, nichts entschuldigen, sondern einen Menschen verstehen. Und das erlebt man im Theater heute ziemlich selten.

Barbara Behrendt, rbbKultur

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