Schaubühne: "Jugend ohne Gott" von Ödön von Horváth, Regie: Thomas Ostermeier; hier: Moritz Gottwald und Jörg Hartmann; © Arno Declair
Arno Declair
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Schaubühne am Lehniner Platz - "Jugend ohne Gott"

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"Jugend ohne Gott" des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth aus dem Jahr 1937 ist noch immer aktueller Lesestoff. Das Buch wurde mehrfach verfilmt, es gibt Hörspiele und etliche Bühnenfassungen. An der Schaubühne hatte nun eine neue Bearbeitung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer Premiere.

Eine rechtsextreme Partei hat die Macht im Staat übernommen. Die Bürger werden auf den kommenden Krieg eingeschworen, die Medien gleichgeschaltet, die Lehrpläne umgeschrieben: Ödön von Horváth schildert, wie die demokratische Gesellschaft in den Faschismus umkippt und der Alltag in einem Provinzgymnasium komplett verändert wird. Es geht um Angst und Anpassung, aber auch um die Macht der Wahrheit und den Mut zum Widerstand.

Verantwortung des Einzelnen

Roman wie Bühnen-Fassung zeigen nicht mit dem Finger direkt auf den Wahnsinn des deutschen Faschismus, sondern wollen beispielhaft die gesellschaftliche und psychosoziale Verwüstung in einer totalitären Staat zeigen, demonstrieren, wie dünn das Eis der Zivilisation ist. Wie bereitwillig einige ihre demokratischen Überzeugungen über Bord werfen, sich aus Angst und Opportunismus an die neuen Verhältnisse anpassen, zu Duckmäusern, Mitläufern und Tätern werden. Welchen Mut es braucht, um – wenn schon nicht Widerstand zu leisten – dann doch wenigstens gelegentlich Nein zu sagen.

Ort und Zeit bleiben im Ungewissen, die Personen haben keine Namen: Sowohl der von seinen Schülern drangsalierte Geschichtslehrer, der es wagt, die rassistischen Ausfälle seiner Schüler zu kritisieren, als auch die aufgehetzten Schüler und deren verblendete Eltern, die den Kopf des Lehrers fordern, sind namenlose Gestalten, die für die allgemeine Verrohung und Verblödung stehen. Es gibt nur eine Ausnahme: Eva, ein junges Mädchen, eine Ausreißerin, die in den Wäldern lebt, ein paar jugendliche Rebellen um sich geschart hat und – als erotische und politische Versuchung – Unruhe stiftet in den Köpfen und Herzen der ängstlich-angepassten Männer.

Ostermeier arrangiert eine massenpsychologische Versuchsanordnung über Gruppen-Dynamik, über Schuld und Verantwortung des Einzelnen. Sie spielt in einem vagen Gestern, aber unterschwellig drängt sie ins Zeitlos-Aktuelle: Dafür braucht es keine Nazifahnen und keine Hakenkreuze, keine AfD-Parolen und keine Björn-Höcke-Phrasen. Sondern ein Gespür für Sprache und für die Wahrheit, die hinter den Lügen steckt.

Im Hintergrund steht, starr, undurchdringlich und mythenbeladen wie eh und je, der deutsche Wald, in dem man sich heillos verirren, paramilitärische Übungen abhalten oder sich auch, wie ein zum Mörder werdender Schüler, schuldbeladen aufhängen kann. Davor werden, auf kargem Bretter-Belag, unentwegt Requisiten – Betten, Tische, Stühle – hinein und heraus geschoben, verschwimmen Spielorte und Handlungssequenzen nahtlos ineinander. Vorgänge, die sich außerhalb unseres Sichtfeldes ereignen, werden von Videokameras festgehalten und auf kleine Leinwände projiziert. Innere Monologe und Gedanken der Personen werden in bereitstehende Mikrofone gehaucht.

Verzweiflung und Vereinsamung

Wenige Darsteller erscheinen in unzähligen Verkleidungen und Rollen, sind für einen Moment Schüler, im nächsten Feldwebel oder Polizist, Richter oder Staatsanwalt: Gerade noch wird dem Geschichtslehrer "Humanitätsduselei" und "Sabotage am Vaterland" vorgeworfen, weil er die Schüler-Behauptung: "Alle Afrikaner sind hinterlistig, feig und faul" nicht durchgehen lassen will, schon sind wir im nächsten Moment in einem Café, in dem ein aus dem Schuldienst entlassener Lehrer wirre Reden hält.

Und nur einen winzigen Moment darauf, wie von Zauberhand haben sich Darsteller und Szenerie verwandelt, sind wir bei einer Wehrsport-Übung, beobachten erotische Spielereien im dunklen deutschen Wald oder sind in einem Gerichtssaal: Denn die politische Parabel verwandelt sich in einen veritablen Kriminalfall, bei dem es um Diebstahl und Mord geht, und der nur aufgeklärt werden kann, wenn der schuldhaft ins Geschehen verstrickte Geschichtslehrer endlich die Wahrheit sagt.

Jörg Hartmann zeichnet ihn als eine mürrische, unsympathische Figur, hin- und hergerissen zwischen humanistischen Überzeugungen und Angst vor Bestrafung und Ausgrenzung. Er würde so gern Lehrer bleiben und später seine Pension beziehen, er ist kein Mensch mit Mut zum Widerstand, aber er kann Gewalt und Lügen um sich herum nicht ertragen und gerät in immer ausweglosere Verzweiflung und Vereinsamung. Seine  Ambivalenz wird gleich am Anfang deutlich: Bevor er sich in den Lehrer mit Anzug und Weste verwandelt, steht er in Jeans und T-Shirt auf der Bühne und zitiert grinsend aus einem Brief eines Nazi-Mitläufers, der die Frage, was er seinem "geliebten Führer" Adolf Hitler zu verdanken hat, mit nur einem Wort beantwortet: "Alles!"

Fünf verschiedene Verkleidungen

Jörg Hartmanns Geschichtslehrer ist ein ängstlicher Opportunist, der überall Unrat wittert und das geheime Kästchen eines Schülers aufbricht, um dessen Tagebuch zu lesen. Ein Lüstling und Feigling, der seine Verstrickungen und die Wahrheit über einen Mord an einem seiner Schüler erst bekennt, als die von ihm beim Sex beobachtete und heiß begehrte Eva als Sündenbock herhalten soll und des Mordes beschuldigt wird.

Laurenz Laufenberg, der gerade für seine Rolle als Édouard in Ostermeiers Inszenierung "Im Herzen der Gewalt" als "bester Nachwuchsschauspieler" ausgezeichnet wurde, muss in "Jugend ohne Gott" in fünf verschiedene Verkleidungen schlüpfen. In zwei seiner Rollen wird er zum intellektuellen und emotionalen Gegenpart und wichtigsten Gegenspieler des Geschichtslehrers: Er ist der von seinen Gefühlen verwirrte Schüler Z, der sich lieber mit der rebellischen Eva im Wald vergnügt als mit seinen Kameraden zu exerzieren und völkische Lieder zu singen. Der Geschichtslehrer weiß nicht, was er von dem Jungen halten soll, diesem unberechenbaren Brausekopf, der seine Fantasien in ein Tagebuch schreibt, und den angepassten Lehrer womöglich mit ins Verderben treibt.

Und dann ist Laufenberg auch noch ein aasig lächelnder Pfarrer, der dem Lehrer jede religiöse Illusion raubt und ihm klarmacht, dass die Kirche immer auf Seiten der Reichen und der Macht stehen wird und für die Armen und Unterdrückten immer nur das Paradies im Jenseits übrig bleibt. Aber der Pfarrer ist es immerhin, der dem Lehrer einen Ausweg aus seinem Dilemma weist und ihm vorschlägt, ins Ausland zu gehen, nach Afrika, dorthin, wo die Menschen vielleicht nicht so "hinterlistig, feig und faul", sondern – vielleicht – noch offen sind für Vernunft und Humanismus.

Ein böser Albtraum

Für den Lehrer gilt es erst einmal, zu überleben und zu hoffen, dass einige seiner zum Widerstand entschlossenen Schüler die Fackel der Wahrheit weitertragen. Ostermeiers Inszenierung wirkt, als fände alles nur im Kopf des Lehrers statt und sei alles nichts als ein böser Albtraum. Sie zeigt uns aber auch, was wir jetzt brauchen: klare Überzeugungen und eine deutliche Sprache, um die Lügen zu sezieren und die Wahrheiten auszusprechen.

Frank Dietschreit, rbbKultur

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