Schaubühne am Lehniner Platz: The Human Condition © Gianmarco Bresadola
Gianmarco Bresadola
Bild: Gianmarco Bresadola Download (mp3, 4 MB)

Schaubühne am Lehniner Platz - "The Human Condition"

Bewertung:

Die Schaubühne eröffnet die neue Spielzeit mit Patrick Wengenroth. Er widmet sich dem Denken Hannah Arendts, das den Menschen stets von seinen Möglichkeiten her begreift und nicht von seinen Grenzen. Zu abstrakt?

Hannah Arendt war eine der wichtigsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie sprach sich für direkte Demokratie aus, äußerte sich öffentlich zu politischen Ereignissen und prägte den Begriff von der "Banalität des Bösen", als dem Nazi Adolf Eichmann der Prozess gemacht wurde. In ihrem Hauptwerk "The Human Condition", zu Deutsch "Vita activa oder Vom tätigen Leben" beschäftigte sie sich unter anderem mit unserer Arbeitswelt. Patrick Wengenroth hat diese politische Theorie, die nicht eben prädestiniert ist zum Bühnenstoff, im kleinen Studio der Schaubühne inszeniert.

Ungewöhnlich zähe Veranstaltung

So ungewöhnlich ist die Stoffwahl aber auch wieder nicht. Gerade im diskurslastigen Berlin inszeniert man gern diese Art der "Lecture-Performance", bei der politische oder philosophische Theorien halbwegs anschaulich auf der Bühne verlesen werden. Nicht zu vergessen das leuchtende Beispiel René Pollesch – der Postdramatiker, der in seinen Stücken immer Lesefrüchte von Adorno, Zizec, Lacan usw. verarbeitet und mit glitzerndem Boulevard-Theater mixt.  

Wengenroth ist ein Regisseur, der gern gesellschaftspolitische Themen wie Gender und Feminismus auf der Bühne verhandelt, oder sich mit Liebe, Sex und Beziehungen in Zeiten von Dating-Apps auseinandersetzt – und zwar immer auf poppige, unterhaltsame, charmante Weise. Dadurch hat er sich in Berlin eine große junge Fangemeinde erspielt, die Aufführungen an der Schaubühne sind stets Monate im Voraus ausverkauft. Doch gerade der Charme, das Gefühl, im "Freundeskreis" Dinge zu besprechen, die für uns und für die Gesellschaft wichtig sind, geht diesem neuen Abend ab. Entstanden ist eine für Wengenroth ungewöhnlich zähe Veranstaltung.

Die Komplexität von Arendts Hauptwerk "Vita activa" ist dafür nur teilweise verantwortlich. Das Buch besteht aus mehreren Vorlesungen, die einzelnen Kapitel verhandeln recht Verschiedenes. Einer der Grundgedanken lautet, der Mensch definiere sich in der Neuzeit, anders als in der Antike, nicht mehr über das politische Denken, sondern über das Arbeiten, das Herstellen, das Konsumieren. Wir stecken im Kreislauf von Produzieren und Konsumieren fest. Müssten aber zum politischen Denken zurückkehren, da der Mensch nur so befähigt wird, Dinge zu verändern. Daran schließt die Forderung an (in Opposition zu Martin Heidegger), sich in diesem Denken nicht zu isolieren, sondern sich zu vernetzen und gemeinsam den politischen Raum zurückzuerobern.

Diese Überlegungen zur Arbeitswelt, zum politischen Engagement im Gegensatz zum Rückzug ins Private, sind natürlich hoch aktuell. Doch Wengenroth schafft es nicht, sie auf der Bühne greifbar werden zu lassen.

Schaubühne am Lehniner Platz: The Human Condition © Gianmarco Bresadola
Bild: Gianmarco Bresadola

Abstrakt wie unlustig

Zunächst ist der Raum leer. Fünf Performerinnen und Performer kommen herein, darunter auch Wengenroth selbst, jeder mit Klappstuhl unterm Arm. Sie setzen sich, starren ins Publikum, bevor Florian Anderer, der normalerweise bei Herbert Fritsch großartige Körper-Clownerien hinlegt, eine leicht verunglückte Slapstick-Nummer startet. Er verknotet sich mit dem Stuhl, klemmt sich die Hand und die Weichteile, als er versucht, die ersten Sätze zu sprechen. Das soll wohl die Schwierigkeit des Neuanfangs verdeutlichen, von dem Arendt spricht. Die Notwendigkeit, stets wieder neu denken, neu handeln zu müssen. Doch es bleibt so abstrakt wie unlustig.

In der zweiten Hälfte legen die Spieler die Bühne dann mit Spiegeln aus und wollen in Raumschiff-Enterprise-Space-Anzügen einen Neustart fernab der Erde schaffen. Zwischendurch wird aus Arendts Buch vorgelesen – das man sich doch lieber konzentriert zuhause vornehmen würde als auf den engen Holzstühlen im Studio.

Kompliziert, unkonkret, verschwurbelt und verhampelt

Matze Kloppes musikalische Begleitung lockert hier und da zumindest auf. Ruth Rosenfeld etwa singt eine schöne Version von Nicos "I’ll be your mirror" und Iris Becher "Somewhere only we know" von der Popband Keane. Doch es bleiben wenige Song-Tupfer, die recht unverbunden zum Inhalt des Abends bleiben.

Die Aktualität der Thesen Arendts kommt den fast zweistündigen Abend über nicht zum Tragen. Etwa die Frage, inwiefern wir selbst immer noch konditionierte Konsum-Häschen sind, inwiefern Arbeit anders organisiert werden könnte, damit wir uns verantwortlicher für den Zustand der Welt fühlen, inwiefern das Internet einen neuen politischen Raum darstellen könnte oder eben nicht. Wengenroth hat sich den Stoff mit dem Ensemble nicht zu eigen gemacht, gemeinsam referieren und illustrieren sie ihn lediglich. Die Inszenierung bleibt kompliziert, unkonkret, verschwurbelt und verhampelt, sodass es Zuschauern, die keine Arendt-Kenner sind, wohl eher die Lust nimmt, sich überhaupt mit dieser großen Denkerin auseinanderzusetzen.

 

Barbara Behrendt, rbbKultur

Weitere Rezensionen

Hass-Triptychon — Wege aus der Krise, Regie: Ersan Mondtag © Judith Buss
Judith Buss

Maxim Gorki Theater - "Hass-Triptychon oder Wege aus der Krise"

Die Schriftstellerin Sibylle Berg spitzt gerne zu. Ihre Kolumnen, ihre Bücher, ihre Theaterstücke sind bittere aber auch komische Dystopien. Sarkastisch spießt sie den Zeitgeist auf, liefert literarische Schnappschüsse von 20-jährigen Dauerpraktikanten, von Bio-Bürgern, Gender-Mainstreamern, Pegida-Anhängern oder depressiven Spätkapitalisten. Ihr neues Stück klingt nicht weniger böse: "Hass-Triptychon oder Wege aus der Krise" heißt es. Und im Untertitel: "Eine Therapie in drei Flügeln".

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung:
Die Pest, Regie: András Dömötör © Arno Declair
Arno Declair

Deutsches Theater | Box - "Die Pest"

Die Pest in Albert Camus' gleichnamigen Roman kann man als Symbol für verschiedene Dinge deuten: Sie kann für den Belagerungszustand im Krieg stehen oder für den Widerstand der Résistance gegen die Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Sie symbolisiert jedoch auch das Böse, das jeder Mensch in sich trägt. Am Deutschen Theater hat der Ungar András Dömötör den Klassiker nun in einer neuen Bühnenfassung inszeniert.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: