Staatsballett Berlin: Plateau Effect © Jubal Battisti
Jubal Battisti
Bild: Jubal Battisti

Staatsballett Berlin - Jefta van Dinther: "Plateau Effect"

Bewertung:

Wagemutig – Jefta van Dinther eröffnet mit seiner Choreografie "Plateau Effect" die neue Staatsballett Berlin Saison.

Das Berliner Staatsballett ist in die neue Saison gestartet und das mit einem Vorab-Erfolg: vor kurzem wurde es von Fachkritikern zur "Company des Jahres" ernannt. Ein Achtungserfolg für das Intendanten-Duo. Die Saisoneröffnung gestern in der Komischen Oper war ein riskanter Schritt, denn mit dem Choreografen Jefta van Dinther wurde sie einem Künstler überlassen, der das Publikum mitunter spaltet.

Staatsballett Berlin: Plateau Effect © Jubal Battisti
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Jefta van Dinther: "Plateau Effect" – neu einstudiert

Es ist durchaus wagemutig, Jefta van Dinther die Eröffnung zu überlassen, auch wenn diese Choreografie "Plateau Effect", die er mit dem Staatsballett neu einstudiert hat, bekannt und preisgekrönt ist – er hat sie 2013 für das Cullberg Ballett entwickelt und sie war 2014 beim Tanz im August in Berlin zu sehen – als Knalleffekt zum Abschluss des Festivals. Es ist wagemutig, denn etwas Derartiges hat das Berliner Staatsballett in all den Jahren seiner Existenz noch nicht auf die Bühne gebracht.

Ein Tuch und Schuften, Ringen, Ziehen, Zerren

Dieses Stück stammt aus der früheren Werkphase von Jefta van Dinther, in der er Clubatmosphäre und Techno-Musik noch näher stand als heute und es ist in der Anmutung verstörend und irritierend.

Denn hier wird nicht getanzt oder performt, hier wird geschuftet. Die zehn Tänzerinnen und Tänzer ringen mit einem riesigen grauen Tuch, viele Meter breit und lang, sie ziehen und zerren es über die Bühne, knüpfen es an viele Seile, die sie kreuz und quer spannen und an denen sie es in alle Richtungen hochziehen - es ist Zelt und Segel und Skulptur und lebendiger Organismus in ständigem Wandel.

In dieser langen Szene voller Hektik und Chaos stürzen die Tänzer übereinander, springen in den Orchestergraben, rasen in die Seitenbühnen, schreien einander an, was zu tun sei – alles scheint ein planloses und zielloses Durcheinander zu sein.

Etwas Gemeinsames erschaffen, Lebens-Räume gestalten

Und tatsächlich gibt es hier kein Arbeitsziel, am Ende wird das Tuch einfach aufgerollt und aufgehängt. Es geht darum, wie Menschen an etwas Gemeinsamem arbeiten, wie sie trotz Konflikten, Fehlern und Scheitern etwas erschaffen und wie sie bei alldem voneinander abhängig sind, ein Miteinander finden müssen. Es geht darum, wie wir Menschen Lebens-Räume besetzen und gestalten und dabei ständig Grenzen überwinden müssen – hier das verklumpte Tuch oder die Seile, die sich ineinander verknoten oder nicht spannen lassen. Der Clou ist, dass Jefta van Dinther dies scheinbar ohne erkennbaren Grund, ohne eine erfolgs- oder zielorientierte Motivation ablaufen lässt.

Hier geht es nicht um Effizienz und Effektivität sondern in einem ganz grundsätzlichen, fast parabelhaften Sinn um Zusammen-Sein – hier wird gerungen mit der Frage der Existenz des Menschen als Einzelnem und als Gruppe und das mit den choreographischen Mitteln von Prozesshaftigkeit, Verwandlung und Verschmelzung.

Kultisch, Archaisch, rauschhafte Zustände

Der Soundtrack besteht fast durchgehend aus extrem vorantreibender Techno-Musik, das Licht ist schattig oder grell oder wandert auf- und abgeblendet über die Bühne, immer wieder gibt es Stroboskopblitze. Und trotz all dem hektischen Geschehen gibt es tranceähnliche Zustände auf der Bühne und beim Zusehen. Beim Gastspiel des Cullberg-Balletts vor fünf Jahren sah das noch stärker nach einem Drogentrip aus, nach einer Techno-Party auf Ecstasy mit Ekstase, Absturz und Flashback. Das ist in dieser Berliner Fassung weniger deutlich, hier sind das Kultische und Archaische und das Entstehen einer Gemeinschaft durch rauschhafte Zustände präsenter.

Staatsballett Berlin: Plateau Effect © Jubal Battisti
Bild: Jubal Battisti

Exzellente Feinheit und Klarheit

Die Staatsballett-Tänzer haben sich aufopferungsvoll in dieses für sie fremde Material, in diesen fremden Bewegungs- und objektkonzentrierten Kosmos hineingestürzt und das mit einer anderen Präsenz und Präzision als die Tänzer des Cullberg Balletts, das ja zu den renommiertesten in Schweden gehört, zu Recht berühmt ist. Das zeigt sich v.a. am Ende, wenn alle sich zuckend und krampfend, den Köper in Schleuderbewegungen verzerrt mit Blick ins Publikum an die Rampe nach vorn schieben – das hat bei dem absurden Bewegungsmaterial eine exzellente Feinheit und Klarheit bis in das letzte komplett verdrehte Gelenk.

Nachhaltige Irritationen

Anders als beim Gastspiel fünf Jahren gab es diesmal im Publikumsjubel keine Buh-Rufe, aber bei vielen Zuschauern wohl doch eine nachhaltige Irritation. Das ist keine Schönheit und Virtuosität des Klassischen Balletts oder auch der Moderne des 20. Jahrhunderts – das ist Tanzkunst in der Nähe zur Performance. Wie das Staatsballett-Publikum das annimmt, ob das nicht vielleicht doch zu radikal ist, wird sich zeigen. Auf jeden Fall gehen Sasha Waltz und Johannes Öhmann den Weg zu einer Zeitgenossenschaft des Staatsballetts sehr konsequent weiter.

Frank Schmid, rbbKultur

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